„Himmelhochjauchzend – zu Tode betrübt“: 9. Bipolar-Selbsthilfetag

Rund 200 Besucher kamen zum 9. Bipolar-Selbsthilfetag im Februar ins Vivantes Humboldt-Klinikum. Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen Strategien, die Betroffenen helfen, zu einem selbstbestimmten und bewussten Umgang mit ihrer Erkrankung zu kommen. In Vorträgen und Workshops konnten sich Betroffene, Angehörige und Experten austauschen.

Vincent van Gogh, Leonid Tolstoi, Winston Churchill – dies sind nur drei auf einer langen Liste von berühmten und erfolgreichen Menschen, die nach heutigen Erkenntnissen an einer bipolaren Störung gelitten haben. Die Erkrankung, auch unter der Bezeichnung „manisch-depressiv“ bekannt, ist geprägt von extremen Emotionen. Phasen der tiefen Niedergeschlagenheit und Depression wechseln sich mit denen der Aufgekratztheit und Euphorie ab – die Depression und die Manie. Der Wechsel zwischen den beiden Polen hat der Erkrankung den Namen „bipolar“ gegeben. Wie stark die Patienten zwischen den beiden extremen Ausprägungen schwanken, ist dabei individuell sehr unterschiedlich. Die Erkrankung gehört zu den sogenannten Stimmungsstörungen und ist nicht zu verwechseln mit der Schizophrenie, die zu den psychotischen Störungen zählt. „Dieses Auf- und Ab zwischen extremer Antriebslosigkeit und dem hohen Tempo der manischen Phasen macht es den Patienten schwer, im Alltag zurecht zu kommen“, erklärt Professor Dr. med. Peter Bräunig, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Vivantes Humboldt-Klinikum und im Vivantes Klinikum Spandau. 2008 hat er hier eine Tagesklinik zur Behandlung von bipolaren Störungen gegründet – die einzige dieser Art in Deutschland. „Betroffene haben die höchste Suizidgefährdung unter allen psychisch Erkrankten – gleichzeitig finden sich überdurchschnittlich viele erfolgreiche, kreative Menschen in dieser Gruppe.“

Den Triggern auf der Spur

Auslöser für einen Krankheitsschub können singuläre traumatische Erlebnisse wie der Verlust eines Partners oder der Arbeitsstelle sein. Aber auch ein kontinuierlicher Stresslevel über einen bestimmten Zeitraum führt unter Umständen zum Ausbruch der Symptome. Der erste wichtige Schritt bei der Behandlung der bipolaren Erkrankung ist, die individuellen Auslöser zu identifizieren. Beim Bipolar-Selbsthilfetag wurden die wichtigsten Strategien, um solche „Trigger“ zu erkennen, vorgestellt. „Viele Patienten denken, die Krankheit kommt einfach über sie“, erklärt Dr. Katja Salkow. Sie war ab 2008 Leiterin der Tagesklinik im Vivantes Humboldt-Klinikum und hat diese mit aufgebaut. Inzwischen hat sie ihre eigene psychotherapeutische Praxis mit dem Schwerpunkt bipolare Störungen. „Durch gezielte Selbstbeobachtung können wir aber gemeinsam mit den Patienten die individuellen Auslöser finden und daran orientiert dann Bewältigungsstrategien entwickeln.“

Titelbild_Lifechart_Frau Dr. SalkowBewährt haben sich dabei das Führen eines Stimmungstagebuchs sowie der sogenannte „Life Chart“. Im Life Chart, im Deutschen auch Lebenslinie genannt, zeichnet der Betroffene nach, wie sich die Störung in der Vergangenheit entwickelt hat. Für den Therapeuten ist dies sozusagen der individuelle Fingerabdruck der Erkrankung. Im Stimmungstagebuch halten die Betroffenen täglich ihre Stimmung fest und lernen so, die Frühwarnzeichen zu erkennen.

„Experte in eigener Sache“ werden

Annett Oehlschläger ist selbst Betroffene und seit Jahren im Verein „bipolaris –Manie und Depression Selbsthilfevereinigung Berlin-Brandenburg e.V.“ aktiv. Beim Selbsthilfetag hat sie in einem Vortrag ihre „Bausteine der Genesung“ vorgestellt. Sie empfiehlt jedem Betroffenen, für sich herauszufinden, was die Krankheit auslöst und welche Strategien helfen, mit dieser umzugehen. „In der Tagesklinik im Vivantes Humboldt-Klinikum gibt es ein sehr breites, multimodales Therapieangebot – von der Musiktherapie über Ergotherapie bis hin zu den unterschiedlichen Psychotherapieformen“, erzählt sie. „Für mich ist das der Schlüssel, damit jeder Betroffene seinen eigenen Weg finden kann, um mit der Krankheit gut zu leben. Hier kann man ausprobieren, was einem guttut und was einem wirklich hilft.“

Sie selbst hat ihre Trigger genau im Blick. „Wenn ich merke oder von meiner Umwelt gespiegelt bekomme, dass ich zum Beispiel anfange, viel und schnell zu sprechen, dann weiß ich, dass ich aktiv gegensteuern muss. Wichtig ist dann in so einem Moment, dem Impuls nicht nachzugeben, sondern zu meinen bewährten Strategien zu greifen: das ist Reizabschirmung, Ruhe, körperliche Bewegung“, erzählt sie.

In verschiedenen Workshops konnten die Teilnehmer der Veranstaltung die Strategien selbst üben, ihre Fragen stellen und sich austauschen. Wichtig ist dabei, auch immer die Angehörigen mit einzubeziehen, die genauso von der Erkrankung betroffen sind. „Wir haben durchweg positive Rückmeldungen von unseren Besuchern bekommen“, sagt Dr. Salkow. „Die meisten sind auch bis zum Schluss geblieben und haben angeregt diskutiert. Das war alles in allem ein voller Erfolg.“

Die nächste Veranstaltung findet am Internationalen Tag der Bipolaren Störung am 30.03.2016 statt.

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Fotos: Vivantes; Fotolia.com – Marco2811 – Sorge/Hoffnung


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