Allergien – Panik im Abwehrsystem

Immer mehr Menschen leiden an Heuschnupfen, Lebensmittelunverträglichkeiten, Asthma oder Medikamentenallergien. Betroffen sind vor allem Menschen in den Städten westlicher Industrienationen. Warum werden Allergien immer mehr zur Volkskrankheit? Und wie kann man ihnen vorbeugen?

Noch in den 1930er- bis 1950er-Jahren lag die Häufigkeit von Allergien in Deutschland bei unter 4 Prozent der Bevölkerung. Heute sind rund 20 Prozent der Deutschen betroffen, Tendenz steigend. In den Städten ist der Anteil sogar noch höher. Am häufigsten verbreitet ist der Heuschnupfen. Aber auch Asthma, Neurodermitis, Kontakt-, Nahrungsmittel-, Tier- oder Medikamentenallergien sind auf dem Vormarsch. Wenn das Immunsystem aus der Bahn gerät, leiden Betroffene zum Teil lebenslang an Symptomen wie Niesen, Fließschnupfen, Husten, Entzündungen der Atemwege, Rötungen der Haut oder starkem Juckreiz. Für viele bedeutet das eine große Einschränkung ihrer Lebensqualität. Wie entsteht die überschießende Reaktion unserer körpereigenen Polizei auf eigentlich harmlose Substanzen?

gesund! sprach mit Dr. Anne Henschel, Leiterin des Vivantes Allergiezentrums und Fachärztin für Dermatologie, Allergologie, über Ursachen, Vorbeugung und Behandlungsmöglichkeiten.

Warum haben immer mehr Menschen Allergien?

Ein Grund ist der westliche Lebensstil. Umweltverschmutzung, Rauchen und Ernährung spielen eine Rolle. Es gibt immer mehr industriell verarbeitete, konservierte und weniger frische Lebensmittel. Unsere Lebensbedingungen sind sehr hygienisch. Menschen halten sich häufig in Innenräumen und in Städten auf und leben in immer kleineren Familien. Einzelkinder machen weniger Infekte durch als Kinder mit Geschwistern. Das menschliche Immunsystem ist also nicht mehr in dem Maße mit mikrobiellen Antigenen konfrontiert wie noch vor 100 Jahren. Der frühzeitige Kontakt mit einer Vielzahl an Antigenen schützt aber vor Allergien. Kinder, die auf einem Bauernhof groß werden, haben zum Beispiel viel weniger Allergien als Stadtkinder.

Sind Allergien vererbbar?

Die Veranlagung ist vererbbar, doch die Allergie wird erst durch den Kontakt des Immunsystems mit dem Antigen aktiviert.

Kann man vorbeugen?

Die Entstehung von Allergien ist sehr komplex. Eine ausgewogene gesunde Ernährung der Mutter ist sicher eine der wichtigsten Voraussetzungen für einen toleranten Umgang mit Allergenen. Außerdem sollten potenziell Allergien auslösende Nahrungsmittel wie Milcheiweiß, Eier oder Fisch bereits im ersten Lebensjahr auf den Tisch kommen. Entgegen der früher landläufigen Meinung, diese Lebensmittel möglichst lange zu meiden, weiß man heute, dass ein früher Kontakt vor Allergien schützt. Positiv ist auch, wenn kleine Kinder in der Kita die natürlichen Infekte durchmachen. Und: keine übertriebene Hygiene. Antibakterielle Reinigungsmittel etwa sind für den Hausputz nicht nötig.

Was passiert bei einer allergischen Reaktion?

Eine allergische Reaktion ist eine Überreaktion des Körpers gegen normale, nicht-bedrohliche Umweltsubstanzen. Bei Kontaktreaktionen lösen zum Beispiel nickelhaltige Hosenknöpfe, Modeschmuck oder Duftstoffe eine allergische Entzündung in Form eines Ekzems auf der Haut aus. Beim Heuschnupfen hingegen reagiert der Körper auf das Allergen (z. B. Gräserpollen) mit der Freisetzung des Botenstoffs Histamin, um den Fremdkörper zu bekämpfen. Es kommt zu Fließschnupfen, Juckreiz, verengten Bronchien und Husten, im Extremfall zum Kreislaufabfall mit anaphylaktischem Schock. Dann bricht der gesamte Organismus zusammen, was tödlich sein kann.

Wie kann eine Allergie behandelt werden?

Bei Medikamenten-, Nahrungsmittel und Kontaktallergien ist vor allem die Vermeidung der allergieauslösenden Stoffe wichtig. Patienten mit anaphylaktischem Risiko, zum Beispiel Insektenstichallergiker, erhalten ein Nothilfe-Kit. Darin befinden sich ein Antihistaminikum, welches die Histaminausschüttung blockt, ein Kortisonpräparat und ein Adrenalin-Autoinjektor, den man nach einer Schulung selbst anwenden kann. Heuschnupfen kann bei leichten Beschwerden mit bestimmten Antihistaminika und kortisonhaltigen Präparaten behandelt werden. Bei stärkeren Beschwerden sollte eine Hyposensibilisierung erfolgen. Das Prinzip: Man macht aus der Allergie eine Toleranz. Ein Patient beispielsweise mit Wespenstichallergie bekommt über fünf Jahre monatlich per Injektion im Oberarm hochgereinigtes Wespengift, bis der Körper daran gewöhnt ist und eine Immunität eintritt.

Was ist die Besonderheit am Interdisziplinären Allergiezentrum von Vivantes?

Da verschiedene Organsysteme von Allergien betroffen sein können, kooperieren wir eng mit anderen Fachbereichen wie der Ernährungsmedizin, den Kliniken für Innere Medizin oder Dermatologie, sind also interdisziplinär ausgerichtet. Schwerpunktmäßig behandeln wir komplexe Allergien wie Insekten- oder Medikamentenallergien sowie Anaphylaxien. Speziell für Insektengiftallergiker bieten wir zum Beispiel eine stationäre Kurzzeit-Hyposensibilisierung an. Pro Jahr betreuen wir etwa 2.000 Patienten.

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Dieser Artikel stammt aus dem Vivantes Patientenmagazin „gesund!“ – Ausgabe 02/2016

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