Bleiben Sie standfest!

Mit fortschreitendem Alter steigt die Gefahr, zu stürzen. Bei Menschen über 65 Jahren stürzt jeder Dritte, bei über 80-Jährigen jeder Zweite einmal pro Jahr, Frauen doppelt so häufig wie Männer. Doch dem kann man vorbeugen: Im Zuhause sollten Stolperfallen entfernt und die eigene Standfestigkeit mit gezielten Kraft- und Gleichgewichtsübungen trainiert werden.

Die Gründe für eine erhöhte Sturzgefährdung mit zunehmendem Alter liegen hauptsächlich am Verlust der Muskelmasse, an der Schwierigkeit, die Körperbalance zu halten, und der zunehmenden Überforderung, mehrere Tätigkeiten gleichzeitig auszuführen – beispielsweise möglichst zügiges Gehen über eine Straße und gleichzeitiges Achten auf den Verkehr. Kognitive Einschränkungen, beeinträchtigte Sehfähigkeit und Umgebungsfaktoren wie Hindernisse, Stolperfallen oder ein nasser Fußboden kommen hinzu. In der jetzigen dunklen Jahreszeit erschweren zusätzlich schlecht beleuchtete oder rutschige und eisglatte Gehwege die Mobilität.

„gesund!“ befragte Dr. Thomas Fuchs, Chefarzt des Zentrums für Muskuloskelettale Medizin – Klinik für Orthopädie, Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie im Vivantes Klinikum im Friedrichshain, zu einer effektiven Sturzprophylaxe bei älteren Menschen.

Herr Dr. Fuchs, wie können ältere Menschen sich erfolgreich gegen Stürze schützen?

Grundsätzlich gibt es zwei Ansätze, Stürze zu vermeiden. Zum einen sollten Stolperfallen wie Teppichkanten oder Türschwellen aus dem täglichen Lebensraum entfernt werden, Türen so weit zu öffnen sein, dass ein Rollator oder auch ein Rollstuhl hindurchpassen. Wenn die sichere Mobilität im höheren Alter abnimmt, zum Beispiel durch geminderte Sehkraft oder weniger Muskelkraft, dann ist es sinnvoll, an „Risikostellen“ wie in der Dusche Haltegriffe zu montieren, um zusätzliche Sicherheit zu geben. Zum anderen sollten ältere Menschen trainieren. Und zwar die kognitiven wie auch die körperlichen Fähigkeiten wie Kraft, Koordination und Balance. Außerdem scheint sich die Einnahme von Vitamin D positiv auszuwirken. Vitamin D sollte ja schon regelhaft zur Osteoporose-Prophylaxe eingenommen werden – es wirkt also doppelt gut.

Wo können Interessierte ein gezieltes Training wahrnehmen, und gibt es auch Möglichkeiten, es zu Hause durchzuführen?

Ich denke, jede Art von Sport ist dazu geeignet, als Sturzprophylaxe zu dienen. Es gibt zahlreiche Angebote, über die ganze Stadt verteilt. So betreibt der Landessportbund Berlin eine Kampagne unter dem Motto „Durch Bewegung gesund und selbstständig älter werden“ mit vielen Aktivitäten speziell für Senioren. In anderen Ländern wird uns das schon wie selbstverständlich vorgelebt. In China beispielsweise gehört Bewegung in der Gruppe in der Öffentlichkeit in Form von Tai-Chi zum täglichen Leben. Hieran angelehnt gibt es auch bei uns immer mehr Bewegungstherapieangebote bei Physiotherapeuten und in Fitnessstudios speziell für ältere Menschen. Eine gute Alternative ist die Wassergymnastik, da hier Beschwerden im Bereich der Wirbelsäule, der Hüfte, der Knie und der Füße, die außerhalb des Wassers belastend sein können, deutlich weniger einschränken. Sicherlich können viele Übungen auch zu Hause durchgeführt werden. Allerdings macht Sport in der Gruppe deutlich mehr Spaß, und so bekommt „Training“ neben dem körperlichen Aspekt noch eine soziale Komponente, die vielleicht ebenso wichtig ist. Dies gilt im Übrigen genauso für junge und Menschen mittleren Alters.

Gibt es Statistiken, die belegen, dass körperliches Training wirksam ist?

Es existieren zahlreiche Studien, die belegen, dass Training tatsächlich dazu beiträgt, Stürze zu vermeiden. Es gibt jedoch nicht das eine Übungsprogramm, das garantiert, dass keine Stürze mehr stattfinden. Deshalb sollte neben dem Training auch die häusliche Situation angepasst werden. Sturzprophylaxe ist eine interdisziplinäre Aufgabe aus verschiedensten Berufsgruppen: Physio- und Ergotherapeuten, Mediziner und natürlich die Patienten.

Wie erleben Sie Patienten, die unter Umständen bereits mehrmals gestürzt sind?

Die Patienten sind hochgradig verunsichert bis ängstlich. Sie leiden unter einer „Sturzangst“. Und die ist gar nicht unbegründet. Nach einem erlittenen Sturz ist das Risiko, im nächsten Jahr erneut zu stürzen, zwei- bis dreimal so hoch wie in der übrigen Bevölkerung desselben Alters. Bei diesen Patienten müssen natürlich zunächst die unmittelbaren Folgen eines Sturzes behandelt werden: Schmerzen, Prellungen bis hin zu Brüchen. Aber nach der akuten Phase geht es darum, herauszufinden, warum sie wiederholt stürzen. Eventuell sind weitere Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparates, aber auch des Herzkreislaufsystems oder neurologische Krankheitsbilder Ursache. Hier arbeiten wir eng interdisziplinär zusammen. Nachdem die Ursache erkannt und therapiert wird, kann jetzt das Selbstvertrauen in den eigenen Körper wieder aufgebaut werden. Dies geschieht durch schrittweise Mobilisation unter physiotherapeutischer Anleitung. Dabei kommen unterschiedliche Hilfsmittel wie Gehstützen, Gehwagen oder Gehbock, individuell auf den Patienten abgestimmt, zum Einsatz. Häufig reicht der stationäre Aufenthalt nicht aus, um die körperliche Sicherheit und emotionale Stabilität wieder herzustellen, und es müssen noch ambulante Rehabilitationsmaßnahmen durchgeführt werden. Für viele Patienten ist dies der Einstieg in die „Bewegung im Alter“, und sie bleiben dabei, um den nächsten Krankenhausaufenthalt zu vermeiden.


Dieser Beitrag stammt aus unserem Patientemagazin „gesund! Leben in Berlin“ – Ausgabe 04/2016

Foto: Fotolia.com 121012506

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