Cool ist ohne

Das Rauchen verlernen

Raucher leben gefährlich: Sie gefährden ihre Gesundheit, reduzieren ihre Lebensqualität – und sterben oft früher. Mit der Hilfe von Experten des Vivantes Instituts für Tabakentwöhnung und Raucherprävention lässt sich die Nikotinsucht in den Griff bekommen.

In Deutschland sterben laut der Drogenbeauftragten der Bundesregierung täglich rund 300 Menschen an den direkten Folgen des Rauchens. Zusätzlich sei von etwa 3.300 Todesfällen durch Passivrauchen auszugehen.

Die Augen werden vor den Gefahren verschlossen

Über die tiefgreifenden Gesundheitsschäden, die Tabakkonsum verursacht, wird seit Jahren ausführlich berichtet. Informationen kommen von Ärzten, Krankenkassen, Gesundheitsverbänden und den Medien. Zudem wird auf Zigarettenpackungen auf die Gefahren hingewiesen. Ab 2016 sollen dort auch Fotos von amputierten Gliedmaßen, Krebsgeschwüren und Raucherlungen den Kauf von Zigaretten verhindern.

Bisher zeigen diese Maßnahmen nicht die gewünschte Wirkung. Knapp ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland raucht trotzdem, insgesamt circa 20 Millionen Menschen. Bei den Frauen sind es 26 Prozent, bei den Männern 34 Prozent.

Warum so viele Menschen trotz der bekannten Risiken zur Zigarette greifen, weiß Dr. Karin Vitzthum. Die Psychologin ist Therapieleiterin am Institut für Tabakentwöhnung und Raucherprävention (ITR) am Vivantes Klinikum Neukölln. Sie erklärt: „Raucher rauchen, weil sie es ‚erlernt’ haben. Wir alle kommen als Nichtraucher auf die Welt, entwickeln uns erst im Laufe des Lebens zum Raucher. Will man es sich abgewöhnen, muss man es quasi wieder ‚verlernen’. Und weil die schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen meist nicht unmittelbar spürbar sind, oft erst in späteren Jahren mit voller Wucht auftreten, ist das Gefährdungsbewusstsein dann nicht groß genug, um sofort damit aufzuhören, wenn sich diese Gewohnheit noch nicht so fest etabliert hat.“

Schritt für Schritt in den zigarettenfreien Alltag

Das ITR bietet Rauchern ein einjähriges Entwöhnungsprogramm an, das den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) folgt. Ein Eckpfeiler der Therapie sind die Gruppenentwöhnungskurse mit jeweils acht bis zehn Teilnehmern.

Das Programm umfasst acht feste Termine: sechs davon in den ersten beiden Wochen und zwei Stabilisierungstreffen nach zwei und dann noch einmal nach vier Wochen.

Mit dem Rauchen hören die Teilnehmer nach der zweiten Sitzung auf. Dann setzt ein Betreuungsprogramm ein, in dessen Rahmen die Psychologin Karin Vitzthum und die ärztlichen Mitarbeiter die Teilnehmer betreuen. Sie stehen ihnen als Ansprechpartner zur Verfügung, wenn konkrete Schwierigkeiten im nikotinfreien Alltag auftauchen.

Der körperliche Entzug ist die erste Herausforderung

Die erste Herausforderung, die die Teilnehmer meistern müssen, ist der körperliche Entzug. Er wirkt sich bei jedem anders aus. „Je nach Sensibilität verspüren die Patienten Kopfschmerzen, vermehrtes Schwitzen, verändertes Schlafverhalten – kürzer oder länger – Gereiztheit, Nervosität, Appetitlosigkeit oder auch, mehrheitlich bei Frauen, Verstopfung“, berichtet Karin Vitzthum.

Wer auf ballaststoff- und vitaminreiche Ernährung umstelle und außerdem Entspannungsübungen in seinen Tagesablauf einbaue, könne diese Hürde leichter nehmen. „Die schlimmste Phase der Entgiftung ist meist bereits nach zwei bis vier Wochen überstanden. Die Arbeit an den Verhaltensänderungen nimmt mehr Zeit in Anspruch, sie ist die langwierigere“, erklärt die Therapieleiterin.

Die Filme im Kopfkino auswechseln

Mit dem Rauchen aufzuhören bedeutet, oft über Jahrzehnte hinweg gepflegte Gewohnheiten aufzugeben, sei es die Zigarette nach einem leckeren Essen, zum Kaffee oder in Stresssituationen. Um diese Automatismen aufzuheben, erarbeiten Betreuer und Teilnehmer gemeinsam Alternativen.

Das Kopfkino, wie Karin Vitzthum es nennt, lässt sich besonders gut mithilfe von Sport verändern. Das belegt auch eine Studie von Wissenschaftlern der Universität Exeter in England. Die Forscher fanden heraus, dass Raucher schon nach moderater Bewegung weniger Lust auf eine Zigarette verspürten. Sie kamen bis zu viermal länger ohne Nikotin aus als Vergleichsgruppen, die keinen Sport getrieben hatten. Die Entzugserscheinungen verringerten sich sofort nachdem die Studienteilnehmer mit dem Sport begannen und blieben bis zu 50 Minuten nach dem Training auf einem niedrigem Level.

Ideal ist Bewegung an der frischen Luft. Gute Möglichkeiten, in ein gesünderes Leben zu starten, sind Joggen oder entspanntes Laufen und jetzt im Sommer schwimmen oder Radfahren.

Stark durch den Zusammenhalt in der Gruppe

Natürlich säumen auch Geduld und Selbstdisziplin den Weg vom Raucher zum Nichtraucher. Beim Programm des Vivantes Klinikums hilft den Teilnehmern dabei der Teamgeist in der Therapiegruppe.

„Wir beobachten immer wieder, dass die Gruppenteilnehmer sich gegenseitig unterstützen. Der Austausch untereinander und zusätzlich die regelmäßige Betreuung über Monate, dass keiner allein und sich selbst überlassen wird – all das ist eine gute Basis, die Nikotinabhängigkeit hinter sich zu lassen. Es lohnt sich, einen Versuch zu wagen, denn Rauchen ist das größte vermeidbare Gesundheitsrisiko in unseren Breiten“, so Karin Vitzthum.

Keine Angst vor Rückfällen

Rückfälle in alte Muster sind immer möglich. Das muss aber noch nicht bedeuten, dass die Entwöhnung gescheitert ist. Nach Meinung von Therapieleiterin Vitzthum bringen gerade die Ausrutscher Patienten weiter: „Wenn die Ausrutscher in der intensiven Phase der Entwöhnung passieren, können wir sie gemeinsam gründlich analysieren und effektiv bearbeiten. Alle lernen dabei.“

Viele Teilnehmer benötigten drei bis fünf Anläufe, bis sie sagen könnten: „Ich brauch’ die Zigarette nicht mehr.“ Das werde von ihnen als unglaublich befreiend erlebt. Wie bedeutend der Erfolg tatsächlich ist, beschreibt die Psychologin in einem beeindruckenden Vergleich: „Dieser Gesundheitsgewinn entspricht dem einer Frau von 1,60 Meter Größe, die 40 Kilo Übergewicht verloren hat.“

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