Frauen werden anders süchtig

Lange Zeit galt Sucht als ein männliches Phänomen. Aus diesem Grund sind die meisten Therapieangebote auf Männer zugeschnitten. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache: Rund ein Drittel aller Süchtigen ist weiblich. Ein neues Angebot im Zentrum für Seelische Frauengesundheit am Vivantes Humboldt-Klinikum geht jetzt auf die besonderen Bedürfnisse von Frauen mit Suchterkrankungen ein.

Frauen sind nicht nur fast genauso häufig von einer Suchterkrankung betroffen wie Männer – sie werden vor allem anders süchtig. Dies betrifft die Art der Sucht, den Verlauf sowie die die Ursachen. Häufig greifen Frauen zu Alkohol oder Schlaf- und Beruhigungstabletten, weil sie hoffen, so den Anforderungen des Alltags mit Berufstätigkeit und Familie besser gerecht zu werden.

Männer trinken in Gesellschaft – Frauen trinken heimlich

Trinken Männer beispielsweise häufig in Gesellschaft – mit Kollegen, im Verein – tun Frauen dies eher heimlich. Alkoholkonsum ist bei Frauen viel stärker stigmatisiert und schambehaftet als bei Männern. Weil Frauen heimlich trinken – nach Feierabend, wenn die Kinder im Bett sind – fällt ihre Suchterkrankung auch häufig erst später auf. Die regelmäßigen Gläser Wein zum Entspannen bleiben so lange unbemerkt. Aus diesem Grund nehmen Frauen auch oft erst Hilfsangebote in Anspruch, wenn sie bereits körperliche Symptome entwickelt haben. Manchmal kommen auch psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Angsterkrankungen hinzu. Zur Linderung der Symptome wird dann wieder Alkohol getrunken. Ein Teufelskreis, der immer tiefer in die Sucht führt.

Wirklich gravierende Folgen entstehen, wenn eine Frau regelmäßig viel trinkt und noch nicht weiß, dass sie schwanger ist. Denn schon der Konsum von kleinen Mengen Alkohol kann dem Kind schaden – von der Befruchtung bis über die Geburt hinaus. Im schlimmsten Fall können schwere körperliche oder geistige Beeinträchtigungen beim Kind die Folge sein.

Bei der Medikamentenabhängigkeit sind die Frauen in der Überzahl

Betrachtet man alle Suchterkrankungen insgesamt, sind etwa ein Drittel der Abhängigen Frauen. Im Hinblick auf Arzneimittel – hier insbesondere Schlaf- und Beruhigungsmittel –  sind sie jedoch deutlich in der Überzahl:  Rund 70 Prozent aller Medikamentenabhängigen sind Frauen. Insbesondere in den mittleren Lebensjahren steigt der Medikamentengebrauch bei beiden Geschlechtern an. Schlaf- und Beruhigungsmittel werden Frauen jedoch mehr als doppelt so häufig von ihrem Arzt verschrieben wie es bei Männern der Fall ist. Ein Grund könnte sein, dass Frauen häufiger zum Arzt gehen und sich schneller jemandem mit ihren Problemen anvertrauen.

Diskrete Anlaufstelle für Frauen

Das Vivantes Humboldt-Klinikum bietet Frauen jetzt eine diskrete Anlaufstelle, wo Sie Beratung und ärztliche Versorgung und Betreuung finden. „Das Angebot ist zunächst ein Experiment“, sagt Professor Dr. med. Stephanie Krüger, Chefärztin des Zentrums für Seelische Frauengesundheit. „Wir haben einen stetigen Anstieg von Frauen, die mit ihrem Suchtproblem oder begleitenden psychischen Erkrankungen stationär behandelt werden müssen. Wir möchten, dass diese Frauen ambulant zu uns kommen, damit wir sie gezielter auffangen und individuell beraten können. Im besten Fall vermeiden wir so die körperlichen Auswirkungen der Sucht und komplizierte stationäre Entgiftungen. Auch die sogenannten komorbiden, also begleitenden psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen können wir so früher erkennen und gezielter behandeln.“

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Am 2. November 2016 findet von 17.00 bis 19.30 Uhr eine Fortbildungsveranstaltung zum Thema Frauen und Sucht statt. Mehr erfahren Sie auf unserer Veranstaltungsseite!

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Foto: Fotolia 65530085_Photographee.eu

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