Fremd im eigenen Körper

Transsexuelle oder Transgender* leben in dem Gefühl, mit dem falschen Körper geboren worden zu sein. Sie wünschen sich, ihr Leben in dem anderen Körpergeschlecht zu führen und bemühen sich, ihre Äußerlichkeit so weit wie möglich diesem anzupassen. Ein Teil von ihnen entscheidet sich für genitalanpassende Operationen.

Bei der Transsexualität handelt es sich nicht um eine Krankheit, sondern um eine „Variante des Lebens“. Warum sich Menschen ihrem äußerlichen Geschlecht nicht zugehörig fühlen, ist nicht abschließend geklärt.

Der Begriff Transsexualität führt in die Irre: Es handelt sich dabei nicht um ein sexuelles Problem, es geht nicht um Lesbisch- oder Schwulsein oder um den Spaß an Verkleidung. Biologisch betrachtet – Erbgut und Hormone beweisen das – scheinen Transsexuelle eindeutig einem Geschlecht, männlich oder weiblich, zugehörig. Doch stimmt ihr gefühltes Geschlecht nicht mit den sicht- und messbaren Geschlechtsmerkmalen überein. Studien zeigen, dass Betroffene psychisch stärker unter der sozialen Ausgrenzung, der Stigmatisierung etwa durch Familie, Freunde oder Kollegen, leiden als unter den direkten Folgen ihrer Transsexualität. Sie durchleben tiefe seelische Krisen, werden häufig depressiv und suchen therapeutische Hilfe.

Ursachenforschung und Behandlung

Die Ursachen für Transsexualität liegen noch immer im Dunkeln. Die meisten haben schon als Kind das Gefühl, kein richtiges Mädchen oder typischer Junge zu sein, andere entwickeln erst in der Pubertät eine Abneigung gegen ihrem Geschlecht. Ob die gefühlsmäßige Übereinstimmung mit dem eigenen Geschlecht in Familie, Schule und Alltag erlernt wird oder bereits angeboren ist, konnten Forscher bisher nicht eindeutig klären. Auch die Anzahl von Transsexuellen ist nicht zu verifizieren. Fachaufsätze sprechen von 6.000 bis 7.000 Menschen in Deutschland, die sich in ärztlicher Behandlung befinden und sich einen Geschlechtswechsel wünschen. Organisationen von Betroffenen schätzen die Zahl zehnmal höher ein, der Grund ist die hohe Dunkelziffer. Obwohl Transsexualität keine Krankheit ist, wird sie im internationalen medizinischen Diagnose-Katalog der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aktuell noch als „Störung der Geschlechtsidentität“ eingestuft. Diese Kategorisierung sichert zu einem Teil allerdings den Anspruch an eine Behandlung. Um sich einer Geschlechtsumwandlung oder einer Hormonbehandlung unterziehen zu können, müssen Transsexuelle langwierige und psychologische Untersuchungen durchlaufen. Darüber sowie über die begriffliche Einordnung von Transsexualität und sein spezielles medizinisches Aufgabengebiet sprach „gesund!“ mit Dr. Tobias Pottek, seit April Chefarzt einer neu geschaffenen Position für rekonstruktive Urologie und Geschlechtsinkongruenz am Vivantes Klinikum Am Urban.

Herr Dr. Pottek, Sie tragen die Bezeichnung „Chefarzt für rekonstruktive Urologie und Geschlechtsinkongruenz“. Was ist das genau?

Hier haben wir einen neuen Begriff zu verstehen und zu verkraften. Kurz gesagt: Ich operiere Menschen, bei denen das Genital verändert wird und die bislang als „transsexuell“ bezeichnet wurden. Der Begriff „Transsexualität“ weist schon sprachlich auf „sexuelle Lebensfunktionen“ hin – die Betroffenen wünschen sich aber, dass ihre Besonderheit wertfreier betrachtet und bezeichnet wird. Vorübergehend wurde der Begriff „Transidentität“ vorgezogen, dann „Transgender“. Die Diagnosebegriffe definiert international die Weltgesundheitsorganisation (WHO), unterstützt von verschiedenen Expertengruppen. Die Psychiater wollten sich von dem emotionell beladenen „Trans“-Begriff trennen, der im Gegensatz zu „Cis“ (normal) steht und damit für etwas „Unnormales, Pathologisches (Krankhaftes)“ und nicht nur für eine Variante des Normalen.

Man braucht also einen neuen Begriff, um der „Transsexualität“ den Krankheitswert abzunehmen?

Dahinter steht die Annahme, dass jemand, dessen Gehirn weiblich denkt und der aber einen männlichen Körper hat, nicht „krank“ ist. Es handelt sich um eine Variante des Lebens, aber nicht um eine Krankheit. So ist dann zunächst der Begriff „genderdysphoria“ ( „Geschlechtsdysphorie“) entstanden. Zuletzt einigte man sich auf „gender incongruence“ („Geschlechtsinkongruenz“).

Hat das irgendwelche Konsequenzen für Ihre Arbeit?

Nein. Ich betrachte jeden Menschen, der sich von mir behandeln lassen will, als Individuum. In ausführlichen Gesprächen, auch über die Vorgeschichte, versuche ich herauszufinden, was er oder sie braucht und ob ich das mit meiner Operationstechnik realisieren kann. Ich bewerte nicht, sondern ich erkenne nur Daten, die ich für meine fachgerechte Behandlung brauche. Der offizielle Name des Problems ist somit völlig egal.

Wird es Schwierigkeiten bei der Behandlung geben, wenn die „Geschlechtsinkongruenz“ nicht mehr als eine Krankheit gilt?

Die Befürchtung gibt es. Deshalb habe ich eine Anfrage an den Patientenbeauftragten der Bundesregierung gestellt. Die Antwort: Politischer Wille ist, nichts an der medizinischen Versorgung der betroffenen Menschen zu verschlechtern.

Welche Operationen werden Sie am Klinikum Am Urban einführen?

Meine Spezialität ist die Anpassung des männlichen Genitale an ein weibliches Erscheinungsbild. Dabei werden die Hoden und die Schwellkörper entfernt, wird eine Neovagina geschaffen, ausgekleidet mit Harnröhre und Hodensackhaut, damit sie sich nicht einfach per Wundheilung verschließt. Die Eichel wird zur Klitoris umgeformt, die Penis- und Hodensackhaut zu den inneren und äußeren Schamlippen. Weiterhin führen wir etliche Korrekturoperationen durch, auch bei Patienten, die früher einen weiblichen Körper hatten und an anderen Häusern voroperiert wurden.

Ist das die rekonstruktive Urologie?

Genau, dieses Spezialgebiet beschäftigt sich mit Korrektur und Neuaufbau von fehlgebildeten, verletzten oder entfernten Strukturen am Harn- und Geschlechtstrakt. Meine Leidenschaft ist, zerstörte oder veränderte Organteile oder Funktionen so wiederherzustellen, dass ein Leben unter hoher Qualität wieder möglich wird. Das betrifft zum Beispiel auch Inkontinenz und Impotenz

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Der Beitrag stammt aus unserem Patientenmagazin „gesund!“ – Ausgabe 02/2017

Foto: iStock 501715154 ajr_images

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