Gepflegte Integration

„Junge Migrantinnen und Migranten im Pflege- und Gesundheitsdienst sind der Schlüssel zur wachsenden Zahl alter und kranker Menschen, die unsere Sprache und Kultur eben nicht so gut verstehen.“ (Marco Hahn, Projekt- und Schulleiter am Zentrum für Flüchtlingshilfen und Migrationsdienste (zfm))

„Schon aufregend“, sagt Marco Hahn. „Ich habe noch nie eine Schule gegründet.“ Genau das hat der Medizinpädagoge aber 2012 getan. Zusammen mit zwei institutionellen Partnern hat er die Schule für interkulturelle berufliche Bildung Paulo Freire im Zentrum ÜBERLEBEN ins Leben gerufen, die unter der Trägerschaft von Vivantes geführt wird. Dort werden junge Migrantinnen und Migranten in zwei Jahren zu Sozialassistenten mit dem Schwerpunkt Pflege ausgebildet. Das kultursensible Lehrprogramm hat Hahn zusammen mit Kolleginnen, Kollegen und Partnern im Rahmen des XENOS-Projekts „Junge Migrantinnen und Migranten – Gemeinsam für Ausbildung und gegen Diskriminierung“ erprobt und konzipiert. Die Chronik zeigt anhand der wichtigsten Schritte, wie sich aus einem ersten Pflegebasiskurs das XENOS-Projekt und anschließend die staatlich genehmigte Berufsfachschule entwickelt hat.

2005
Am Zentrum für Flüchtlingshilfen und Migrationsdienste (zfm) starten die ersten sechsmonatigen Pflegebasiskurse für Migrantinnen und Migranten. Darin vermitteln pädagogisch geschulte Fachkräfte alle wichtigen Grundlagen des beruflichen Alltags in der Pflege. „Viele Migranten nutzen die Basiskurse auch als Ausbildungsvorbereitung, um erst einmal in den Pflegebereich reinzuschnuppern“, sagt Hahn.
Wer den Basiskurs erfolgreich abschließt, erhält ein Zertifikat als pflegerische Assistenzkraft. Seit 2005 arbeitet das zfm unter der Trägerschaft des Behandlungszentrums für Folteropfer e. V.

Anfang 2006
Die Vivantes Netzwerk für Gesundheit GmbH wird fester Kooperationspartner des zfm. Das zehnwöchige betreute Praktikum können die jungen Erwachsenen nun in den ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen sowie den Kliniken von Vivantes absolvieren. Wer anschließend einen Job sucht, profitiert von der Partnerschaft mit der Vivantes Forum für Senioren GmbH mit ihren 15 Altenpflegeeinrichtungen in Berlin. Und erfolgreiche Absolventinnen und Absolventen des Pflegebasiskurses haben bessere Chancen, am Vivantes Institut für berufliche Bildung im Gesundheitswesen (IbBG) aufgenommen zu werden. Dort können sie sich zum Beispiel in drei Jahren zum examinierten Gesundheits- und Krankenpfleger ausbilden lassen.
„Es ist schon etwas Besonderes“, sagt Hahn, „dass die Zusammenarbeit zwischen einer Flüchtlings- und Migrantenorganisation und dem Gesundheitsdienstleister Vivantes so wunderbar geglückt ist.“

Mitte 2008
Das zfm, das Behandlungszentrum für Folteropfer, die Überleben – Stiftung für Folteropfer und die gemeinnützige Catania GmbH arbeiten nun unter der gemeinsamen Dachmarke Zentrum ÜBERLEBEN.

August 2009
Unter dem Titel „Junge Migrantinnen und Migranten – Gemeinsam für Ausbildung und gegen Diskriminierung“ erhält das zfm den Zuschlag für die erste Förderrunde von XENOS – Integration und Vielfalt. Im Projekt erhalten junge Menschen eine Ausbildung zur Pflegeassistenz mit interkultureller Ausrichtung, in genau den Kursen, die seit 2005 etabliert sind. Mit dem Türkischen Bund in Berlin- Brandenburg und dem Internationalen Jugendwohnen stoßen zwei Partner zum Projekt, die mit der gleichen Zielgruppe, jungen Flüchtlingen sowie Migrantinnen und Migranten, arbeiten. Neben den Pflegebasiskursen bietet das zfm den Jugendlichen Nachhilfe, Prüfungsvorbereitung und ein individuelles Bewerbungstraining an und unterstützt sie bei der späteren Arbeitsplatzsuche. „Die Förderung durch XENOS hat unserer Ausbildung einen Schub verpasst“, sagt Hahn. Die gesicherte Finanzierung bietet den nötigen Spielraum, um der Idee einer interkulturellen Pflegeausbildung einen größeren Rahmen zu geben und etwa standardisierte Lehrpläne zu entwickeln.

Oktober 2010
Als Auszeichnung für seine interkulturelle Arbeit erhält das Vivantes Institut für berufliche Bildung im Gesundheitswesen (IbBG) den Integrationspreis des Landesbeirats für Integrations- und Migrationsfragen Berlin. Damit wird auch die mittlerweile mehrjährige Zusammenarbeit mit dem Zentrum ÜBERLEBEN gewürdigt.

Anfang 2011
Die Nachfrage nach interkultureller Pflegeausbildung wächst. „Zu uns kommen Migranten aus fast allen Ländern“, sagt Hahn. Und kann das mit einer Erhebung belegen, die 120 Herkunftsnationen für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dokumentiert.
Die meisten jungen Menschen sind aus arabischen und afrikanischen Ländern, haben kurdische oder türkische Wurzeln. Doch das Projekt kommt nicht nur bei der Zielgruppe an. Auch in den Krankenhäusern und Pflegeheimen ist man von den interkulturellen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern angetan. „Ein pflegerisches Gespräch mit älteren Migrantinnen und Migranten ist auf Deutsch teilweise schwierig“, erklärt Hahn. Wenn die kulturelle Barriere zwischen Patient und Pfleger hoch ist, sei es wertvoll, jemanden zu haben, der den kulturellen Hintergrund, die Ansichten, Hoffnungen und Ängste versteht und teilt.

Juni 2011
Das zfm wird als Bildungsträger nach AZAV zertifiziert, kurz darauf kommt auch das Berliner Jobcenter als Kooperationspartner stärker ins Boot. Hahn: „Es heißt oft, Migranten seien Bildungsverweigerer, kaum auszubilden.“ Sobald man jedoch mit wachen Augen hinschaue, wie Menschen aus anderen Kulturen lernen, träten vermeintliche Mängel in den Hintergrund. „Da kommt unheimlich viel Potenzial zum Vorschein“, sagt Hahn – kein falsches Denken, sondern zum Teil anderes Denken.

Mitte 2011
Das Projekt wächst: Zusammen mit der Wirtschaftsschule Paykowski werden interkulturelle Fachsprachkurse entwickelt. Die vermitteln den Pflegeschülerinnen und -schülern anhand einheitlicher Lehrpläne die sprachlichen Grundlagen fürs erfolgreiche Arbeiten mit Älteren und Kranken.

September 2011
Mit „Pluspunkte Beruf. Erfolgreich in der Pflege“ erscheint in Zusammenarbeit mit dem zfm ein Lehrbuch speziell für eine interkulturelle Zielgruppe. Darin werden Sprachkenntnisse vermittelt, der medizinisch-pflegerische Wortschatz ebenso trainiert wie Patientengespräche und das Schreiben von Pflegeberichten. Seitdem greift der Cornelsen-Verlag gern auf das Wissen und die Erfahrung der zfm- Lehrkräfte zurück.

Dezember 2011
Allein 2011 haben Hahn und seine Kolleginnen und Kollegen vom zfm rund 230 interkulturell geschulte Pflegeassistentinnen und -assistenten ausgebildet. „Viele unserer Schüler bringen bereits eine Menge Bildung aus ihren Heimatländern mit“, sagt Hahn. „Dieses Potenzial wollen wir weiter nutzen.“

Februar 2012
Durch Weiterentwicklung der seit 2005 angebotenen Pflegebasiskurse konzipieren Hahn und seine Kolleginnen und Kollegen einen Lehrplan, der speziell auf den Dialog der Kulturen in der Pflege abgestimmt ist; Unterrichtsinhalte sind zum Beispiel Essgewohnheiten, religiöse Riten und die kultursensible Kommunikation. Ergebnis: eine zweijährige, staatlich anerkannte interkulturelle Ausbildung zum Sozialassistenten, Fachrichtung Pflege. Wer die Qualifizierung dafür mitbringt, kann währenddessen den Mittleren Schulabschluss nachholen.
Viele der Ausbildungsplätze werden von Bewerberinnen und Bewerbern belegt, die zuvor den Pflegebasiskurs absolviert haben. Damit bekommt die Zielgruppe einen neuen Qualifizierungsbaustein geboten, der Berufsaussichten und Verdienstmöglichkeiten verbessert. Und die Hürden zur Ausbildung als Gesundheits- und Krankenpfleger sinken, die für manche nach dem sechsmonatigen Basiskurs zu hoch waren. Die Zeit bis zum Krankenpflegeexamen können die Sozialassistenten dann von drei auf zwei Jahre verkürzen. „Wir müssen nicht die Menschen an die Bildungsangebote anpassen, sondern umgekehrt ansprechende Angebote schaffen, die die Menschen dort abholen, wo sie stehen“, sagt Hahn.

August 2012
Unter dem Dach des Zentrums ÜBERLEBEN und unter der Trägerschaft von Vivantes wird die Schule für interkulturelle berufliche Bildung Paulo Freire gegründet, staatlich anerkannt und zum großen Teil regelfinanziert. Hier werden die Sozialassistenten, Fachrichtung Pflege, künftig ausgebildet. Hahn freut sich darüber: „Ich denke, es ist auch ein Erfolg des XENOS-Projekts, dass Vivantes entschieden hat: Unter diesem Dach ist interkulturelles Lernen möglich – wir wollen, dass die Ausbildung hier stattfindet. Jetzt können wir mit unserer Schule auf eigenen Beinen stehen.“ Auch Ulrich Söding, Leiter des Vivantes Instituts für berufliche Bildung im Gesundheitswesen (IbBG), zeigt sich vom Konzept überzeugt: „Um den Ansprüchen unserer Patienten und Heimbewohner künftig gerecht werden zu können, werden Pflegekräfte mit interkulturellen Kompetenzen immer wichtiger“, sagt er.

November 2012
Bereits während der XENOS-Projektlaufzeit haben 60 Prozent der Teilnehmenden nach dem Pflegebasiskurs entweder eine Fachausbildung am IbBG begonnen oder bei der Vivantes Forum für Senioren GmbH und weiteren Partnern als Pflegehilfskraft angefangen. Beide Partner profitieren von der guten Vorbereitung. Wahrscheinlich auch ein Grund dafür, dass die Quoten für die letzte Projektphase noch besser sind. Zuletzt kamen 74 Absolventinnen und Absolventen am IbBG in Ausbildung. Und die Berufsfachschule Paulo Freire im Zentrum ÜBERLEBEN vergrößert sich im Februar 2013, bietet dann insgesamt 50 Plätze an. „Wir sind mit unserer Arbeit ein Stück weit angekommen“, resümiert Hahn.

Mehr erfahren Sie unter www.pflege-lernen.org
Artikel erschienen im Rahmen des Projektes „Junge Migrant/innen – Gemeinsam für Ausbildung und gegen Diskriminierung“

Das Projekt „Junge Migrantinnen und Migranten – Gemeinsam für Ausbildung und gegen Diskriminierung“ will zur Überwindung der Diskriminierung von Migrantinnen und Migranten im jeweiligen Übergangsfeld Schule – Ausbildung – Beruf beitragen.
Im Projekt schlossen sich das Zentrum für Flüchtlingshilfen und Migrationsdienste (zfm), der Türkische Bund Berlin Brandenburg (TBB), Internationales Jugendwohnen (IJW) und Vivantes Netzwerk für Gesundheit GmbH zu einer Partnerschaft zusammen. Das zfm koordinierte das Gesamtnetzwerk.

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