K.O. Tropfen – „Wir sind bei diesem Thema sehr sensibilisiert“

Man liest in den Zeitungen immer wieder davon: ahnungslosen Menschen werden sogenannte K.O.-Tropfen verabreicht, um anschließend Straftaten zu begehen. Aber um welche Substanzen handelt es sich dabei, warum sind sie so gefährlich und was passiert eigentlich, wenn ein Patient mit Verdacht auf Einnahme von K.O.-Tropfen in die Rettungsstelle kommt?

Wir haben mit dem Chefarzt der Rettungsstelle im Vivantes Klinikum im Friedrichshain, Dr. med. Phillip Kellner, gesprochen.

Was sind eigentlich K.O.-Tropfen?
Das ist ein Sammelbegriff für eine Vielzahl von Substanzen. Es gibt zum einen die synthetischen Drogen wie GHB und dessen Vorläufer GBL, die auch unter Begriffen wie Liquid Ecstasy bekannt sind. Zum anderen fallen bestimmte Medikamente wie Psychopharmaka oder Neuroleptika darunter. Wir sprechen von K.O.-Tropfen, wenn diese Drogen oder Medikamente einer Person bewusst in höherer Dosierung verabreicht werden, um sie für einen bestimmten Zeitraum außer Gefecht zu setzen und dadurch Straftaten zu ermöglichen. Das kann Diebstahl sein oder auch sexueller Missbrauch.

Wie wirken diese Substanzen?
In geringer Dosierung haben sie eine Wirkung, die mit der des Alkohols zu vergleichen ist. Man fühlt sich gut, beschwingt, voller Energie. Auch in höherer Dosierung kommt es zunächst zu diesem rauschartigen Zustand. Dadurch haben Täter, die K.O.-Tropfen verabreicht haben, ein leichtes Spiel. Sie können ihr Opfer dann unter dem Deckmantel der Fürsorglichkeit von einer Gruppe separieren, indem sie beispielsweise mit ihm den Club verlassen. Ab einer bestimmten Dosierung kommt es dann zum Gedächtnisverlust bis hin zur tiefen Bewusstlosigkeit. Das sind dann oft tatsächlich lebensbedrohliche Zustände. Die Schwierigkeit besteht darin, dass meist gleichzeitig Alkohol konsumiert wird und dann ist die Wirkung völlig unberechenbar.

Diese Substanzen werden wegen der oben beschriebenen Wirkung oft als Partydrogen eingenommen. Da sehen wir auch häufig Fälle von versehentlicher Überdosierung mit lebensbedrohlichen Symptomen in der Folge. Diese sind dann von der Symptomatik her nicht von den Fällen, in denen die Gabe aus böser Absicht geschehen ist, zu differenzieren.

Wenn die Wirkung der des Alkohols so stark ähnelt – können Sie in der Rettungsstelle unterscheiden, ob jemand betrunken ist, synthetische Drogen genommen hat oder ihm gar K.O.-Tropfen verabreicht wurden?
Rein von der körperlichen Symptomatik her können wir das nur sehr schwer unterscheiden. Da kommt es dann auf die Aussagen der Patienten oder der Begleitpersonen an. Kommt ein Patient in die Rettungsstelle und sagt, dass er sich schlecht fühlt und nicht weiß, was in den letzten Stunden passiert ist, dann ist das für uns ein starker Hinweis, dass ihm möglicherweise K.O.-Tropfen verabreicht wurden, und wir leiten alle notwendigen Tests ein.

Was passiert in der Rettungsstelle, wenn jemand mit dem Verdacht auf Einnahme von K.O.-Tropfen kommt? Wird dann standardmäßig beispielsweise ein Bluttest angeordnet?
Das Problem bei diesen Substanzen besteht darin, dass sie nur für sehr kurze Zeit im Körper nachweisbar sind. Im Urin sind das sechs bis maximal zwölf Stunden, im Blut wesentlich kürzer. Wenn wie oben beschrieben ein Patient in die Rettungsstelle kommt, bei dem auch nur der leiseste Verdacht besteht, dass ihm K.O.-Tropfen verabreicht wurden, entnehmen wir zwei Blutproben und eine Urinprobe. Diese werden dann im toxikologischen Labor Berlin untersucht. Wir haben dabei nicht nur aus medizinischer Sicht die Symptome des Patienten im Blick, sondern auch immer die Forensik, also die Spurensicherung für Gerichtsmedizin und Polizei. Wir sind bei diesem Thema sehr sensibilisiert.

Schwieriger ist es, wenn ein Patient erst nach einigen Tagen in die Rettungsstelle kommt und den Verdacht äußert, ihm könnten K.O.-Tropfen verabreicht worden sein. Es kommt häufiger vor, dass den Opfern erst nach einiger Zeit klar wird, dass mit ihnen etwas passiert sein muss. Dann ist es definitiv zu spät, um in Blut oder Urin noch etwas nachzuweisen. Wir bieten in diesem Fall an, die Polizei zu rufen und das weitere Vorgehen zu besprechen. Ob Anzeige erstattet wird beispielsweise oder ob die Rechtsmedizin zur weiteren Beweisaufnahme hinzugezogen wird.

Kann es in Zukunft durch verbesserte Verfahren länger möglich sein, diese Substanzen nachzuweisen?
Das ist vorstellbar. Aus diesem Grund kooperieren wir eng mit dem Drogennotruf und dem Labor Berlin. Dadurch sind wir immer auf dem aktuellen Stand was neue Trends oder Nachweisverfahren angeht, und können entsprechend reagieren.

Wie sollte man sich verhalten, wenn man das Gefühl hat, dass eine Überdosis an synthetischen Drogen oder gar eine Verabreichung von K.O.-Tropfen vorliegt?
Unbedingt sofort den Rettungsdienst, also die 112, anrufen. Bei einer Überdosierung kann es innerhalb von Minuten zu einer lebensbedrohlichen Bewusstlosigkeit kommen. Im Fall von K.O.-Tropfen spielt natürlich auch der forensische Aspekt der Sicherung von Spuren eine Rolle.

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Foto: Fotolia.com – 65530085_M_Photographee.eu

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