Nach dem Krebs: Zurück ins neue, alte Leben

OP, Chemotherapie, Bestrahlung. Wie geht es den Patientinnen und Patienten nach einer Krebstherapie? Was für Beschwerden häufig bestehen und was ihnen helfen kann, erklärt Susanne Brandis, Chefärztin der Abteilung Onkologie der Vivantes Rehabilitation im Interview.

Frau Brandis, warum geht es vielen nach einer Krebsbehandlung so schlecht?

Während der Krebstherapie sind sowohl die behandelnden Ärzte, das Pflegepersonal, die Therapeuten als auch die Patienten fokussiert auf den Therapieerfolg. Also darauf, die Krebserkrankung zu heilen oder wesentlich einzudämmen. Das ist unabdingbar, zumal heutzutage schon weit über die Hälfte aller Krebserkrankungen im Erwachsenenalter Dank des enormen Fortschritts in der Tumortherapie geheilt werden können.

Gerade länger währende Nebenwirkungen werden häufig in der Behandlungsphase kaum, nach Ende der Akutbehandlung aber umso deutlicher von den Patienten wahrgenommen. Auch berichten Patienten davon, dass sie erst nach Ende der Krebstherapie wieder Beschwerden durch schon vor der Krebserkrankung bestehende Begleiterkrankungen bemerken.

Nach der Akuttherapie kommt also einiges hoch, was in der Reha behandelt werden kann?

Ja, eine Rehabiliationsmaßnahme hilft den Patienten am Anfang dabei, die Beschwerden zu verstehen, einzuordnen und zu gewichten. Durch die individuell angepassten Therapien und Aktivitäten können viele der Beschwerden deutlich gelindert werden. Vielen Patienten fehlt auch plötzlich die Tagesstruktur, die sie während der komplexen Behandlung oft über Monate hinweg automatisch hatten. Wir schaffen auch für die Dauer der Rehabilitation eine Alltagsstruktur, die sukzessive in den häuslichen Alltag übertragen werden kann. Die Rückkehr in ein selbstbestimmtes, aktives Leben mit guter Lebensqualität ist unser oberstes Ziel.

Und wie finden Sie raus, wer was braucht?

Unser Aufnahmegespräch dauert eine Stunde und länger. In der Regel wurden wir schon im Vorfeld zum Beispiel durch Krankenhausentlassungsberichte oder die Rehabilitationsanträge über den Verlauf der Akutbehandlung und der stattgehabten Diagnostik informiert. Das heißt, die Patientin oder der Patient müssen nicht noch einmal alles erzählen. Wir stellen dennoch viele, viele Fragen: ganz ausführlich zu akuten oder chronischen Beschwerden.

Was fragen Sie denn zum Beispiel beim Aufnahmegespräch?

Zum Beispiel fragen wir nach Art, Qualität und Ort von Schmerzen, der aktuellen körperlichen und seelischen Belastbarkeit, der Beweglichkeit, Schwierigkeiten bei der Ernährung oder Verdauung und vielem mehr. Auch die Situation am Arbeitsplatz, wirtschaftliche Schwierigkeiten und, wenn notwendig, Probleme im familiären, privaten Umfeld kommen zur Sprache.

Nach dem Aufnahmegespräch und der körperlichen Untersuchung erstellen wir gemeinsam mit der Patientin oder dem Patienten einen individuellen Therapieplan, der im Verlauf der Rehabilitationsmaßnahme bei Bedarf noch modifiziert werden kann.

Welche Probleme haben die meisten Menschen, die zu Ihnen kommen?

Viele Patientinnen und Patienten sind sehr erschöpft, haben oft kein körperliches Selbstbewusstsein mehr. Sie sind verunsichert, was Sie jetzt noch „dürfen“ und was sie in Zukunft noch „können“ werden und haben Angst vor einem Rückfall oder einem Fortschreiten der Erkrankung.

Wie äußert sich die Erschöpfung?

Die tumorassoziierte Erschöpfung heißt auch„Fatigue-Syndrom“) und ist als Komplex körperlichen, kognitiven und emotionalen Beschwerden zu verstehen. Körperliche Symptome  können Müdigkeit, Energiemangel, Gliederschwere oder ein gestörtes Schlafmuster sein. Kognitiven Defiziten könne sich in  Konzentrations- und Gedächtnisstörungen äußern und ein emotionales Ungleichgewicht kann beispielsweise zu erhöhter Reizbarkeit führen. Die individuelle Ausprägung und der Schwerpunkt der Erschöpfung muss von uns behutsam erfasst werden.

Was davon überwiegt meist, die körperlichen, kognitiven oder emotionalen Beschwerden?

Die körperliche Erschöpfung, ganz klar, weil sie von den Patientinnen und Patienten auch am einfachsten wahrgenommen und beschrieben werden kann, wie fehlende Ausdauer. Durch gezieltes Ausdauertraining wie Medizinische Trainingstherapie an Geräten, Ergometertraining, Gehtraining oder Walking, Koordinationstraining oder  QiGong bis hin zu Aquafitness spüren die Patientinnen und Patienten oft schon am Ende der 2. Rehabilitationswoche eine deutliche Steigerung der körperlichen Leistungsfähigkeit. Zu Beginn der Reha lag die subjektiv eingeschätzte Leistungsfähigkeit oft unter der Hälfte der ursprünglichen Kraft.

Zusätzlich werden natürlich funktionelle Einschränkungen, wie zum Beispiel Bewegungseinschränkungen im Schulter-Armgelenk nach einer Brustkrebsoperation oder Harninkontinenz nach Entfernung der Prostata mit gezielter Physiotherapie behandelt.

Welche speziellen Behandlungen gibt es, können Sie ein paar Beispiele nennen?

Wer etwa unter einem Lymphödem leidet, erhält manuelle Lymphdrainage oder wer Narbenschmerzen hat, bekommt manuelle Therapie und Massagen.

Relativ häufig entsteht durch Chemotherapie eine Irritation oder Schädigung der feinen Nerven in den Händen oder Füßen mit Kribbeln, Taubheitsgefühl und auch Schmerzen. Während der Akutbehandlung ist oft nur eine medikamentöse Behandlung dieser Beschwerden möglich. Hier in der Reha habe ich gelernt, wie gut zum Beispiel Elektrotherapie, Sand- und Kiesbeckentherapie, sogar das „Bad“ in Rapssamen dagegen helfen können.

Welche Einschränkungen empfinden Patientinnen und Patienten als besonders belastend?

Ein ganz gravierendes Symptom ist etwa die Luftnot, zum Beispiel nach einer Lungenkrebsoperation. Bei einem Schmerztherapie-Kongress, an dem ich vor ein paar Jahren in Hamburg teilnahm, ließ uns der Referent nur eine Minute lang ausschließlich durch einen Strohhalm atmen, um die Bedrängnis, in der sich diese Betroffenen befinden, nachvollziehen zu können. Das hat mich nachhaltig beeindruckt. Wir können mit Atemschulung, Atemtherapie und Inhalationen Linderung verschaffen. In unserer Einrichtung stehen außerdem, wenn notwendig, Sauerstoffgeräte an allen strategisch notwendigen Stationen zur Verfügung, zum Beispiel in der Sporttherapie.

Man hört oft von Essstörungen…

Ein ganz wichtiges Thema, gut, dass Sie das ansprechen! Die Mangelernährung bei Tumorerkrankungen ist eine der schwerwiegendsten Folgen der Tumorerkrankung selbst oder der Tumortherapie. Eine schwere Mangelernährung – also ein Verlust von mehr als 10% des ursprünglichen Körpergewichtes im Verlauf von 6 Monaten- vermindert die Heilungsaussichten drastisch und kann, noch häufiger als die Tumorerkrankung selbst, zum Tode führen. Ursächlich sind Appetitlosigkeit, Geschmacks- und Geruchsstörungen oder Schluckstörungen.

Wie können Sie da helfen?

Wir, das heißt unsere Ernährungsberaterinnen, wir Ärzte und die Pflegekräfte beraten und begleiten Menschen mit drohender oder bereits bestehender Mangelernährung intensiv. Man darf sich nicht vorstellen, dass wir sie bedrängen. Auch hier werden behutsam Beschwerden und Vorlieben des Einzelnen erfasst, Angehörige bei Bedarf eingebunden, gegebenenfalls die Mahlzeiten durch hochkalorische Zusatznahrung ergänzt, damit der Betroffene nicht so große Portionen bewältigen muss. Ziel ist erst einmal nicht die Gewichtszunahme, sondern dass sich das Gewichtsverhalten stabilisiert.

Mangelernährung ist die eine Seite. Aber es gibt auch Menschen, die nach einer Tumortherapie zunehmen, oder?

Stimmt, umgekehrt kann die ungewollte Gewichtszunahme auch sehr belastend sein, zum Beispiel als Folge einer antihormonellen Therapie und Immobilität. Auch hier beraten wir gerne bezüglich einer gesunden und langfristigen Gewichtsabnahme. Wir haben eine tolle Lehrküche. Wer Lust dazu hat, kann bei uns ein- oder mehrmals in einer kleinen Gruppe angeleitet kochen.

Sind nicht auch viele Patienten nach einer Krebstherapie niedergeschlagen oder depressiv?

Niedergeschlagen und erschöpft ja, weniger häufig depressiv. Wichtig ist aus unserer Sicht, Erschöpfungssymptome und Depression voneinander zu trennen, nicht alles zu „psychologisieren“. Nicht wenige Patienten kommen mit der Krebsdiagnose psychisch gut zurecht. Es ist aus unserer Sicht legitim, mit dem Krebs abschließen und nach vorne blicken zu wollen. Wir bieten selbstverständlich auch intensive psychoonkologische Begleitung einzeln oder in Gruppengesprächen an. Dieses Unterstützungsangebot anzunehmen, sollte aber vollkommen freiwillig  bleiben.

Bitte geben Sie Menschen nach einer Krebserkrankung einen guten Rat!

Hören Sie auf sich selbst – und nicht auf die vermeintlich wohlwollenden Ratschläge Außenstehender. Sie kennen sich, Ihren Körper und Ihre Seele besser als jeder andere. Verwöhnen Sie sich, lassen Sie sich verwöhnen, aber schonen Sie sich nicht. Allein durch Ausruhen gewinnt man keine Kräfte.

Noch was Persönliches: Wie sind Sie eigentlich dazu gekommen, sich auf die onkologische Rehabilitation zu spezialisieren?

Das war ein langer Weg. Seit 27 Jahren bin ich Ärztin.  In den ersten Jahren war ich in der Kardiologie und Notfallmedizin tätig und das auch lange mit viel Enthusiasmus. Irgendwann bemerkte ich selbst, aber auch mein Mann und meine Freunde an mir, dass gerade bei der Tätigkeit auf der Intensivstation etwas fehlt: der Kontakt und der Austausch mit dem Menschen hinter dem Patienten. Im Rahmen der Weiterbildung zur Fachärztin für Innere Medizin wechselte ich 1996 in die Onkologie und wusste nach einer Woche, das ist mein Fachgebiet – und blieb.

Und dann wechselten Sie in den Reha-Bereich?

Mehr oder weniger zufällig wurde von der 2003 von Vivantes eröffneten ambulanten Rehabilitationsklinik eine Internistin gesucht, die sich sowohl in der Kardiologie als auch in der Onkologie auskennt, so kam ich 2005 hierher und wusste auch hier nach kurzer Zeit, dass meine  Entscheidung richtig war. Es ist wunderbar, zu erfahren, wie gut wir im Team durch einen multimodalen Therapieansatz den von Krebs betroffenen Menschen dabei helfen können, wieder „ReininsLeben“ zu kommen. Das ist unser Motto.

Am 19. Mai 2017 veranstaltet das Vivantes Tumorzentrum einen Patiententag zum Thema „Hilfe und Unterstützung rund um die Krebstherapie“ in der Vivantes Rehabilitation in Berlin-Schöneberg.

Die Abteilung Onkologie in der Vivantes Rehabilitation ist die einzige onkologische Rehabilitationseinrichtung in Berlin, die alle Tumore behandelt, und die größte ambulante onkologische Rehabilitationsklinik in Deutschland.

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