Schlafen Sie gut!?

Fast jeder kennt sie: unruhige Nächte, in denen man nicht einschläft, oder nachts aufwacht und sich stundenlang im Bett hin und her wälzt. Meist stecken punktuelle Ursachen dahinter; Stress, beruflicher Ärger, private Probleme oder die Vorfreude auf eine Reise oder ein schönes Ereignis. Aber auch andere Faktoren wie eine Erkältung oder eine durchgelegene Matratze können Grund für Schlafprobleme sein. Wenn diese sich aber über Monate hinziehen und die Lebensqualität beeinträchtigen, sind Experten gefragt. Wie Dr. Heinz Thiele, leitender Oberarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Vivantes Auguste-Viktoria Klinikum.

Sleep, insomnia, night.Herr Dr. Thiele, in der Fachliteratur ist zu lesen, dass rund 10% der Deutschen unter Schlafproblemen leiden. Kommen Patienten mit Schlafstörungen auch zu Ihnen in eine psychiatrische Behandlung?

In der Regel sind die Schlafstörungen nicht der erste Behandlungsgrund, sondern sie treten neben anderen Beschwerden auf (sekundäre Insomnie). Deshalb sollte erst eine Schlafdiagnostik gemacht werden. Gibt es hirnorganische Erkrankungen? Eine Demenz? Durchblutungsstörungen des Gehirns? Internistische Krankheiten von Herz- oder Lunge? In diesem Fall muss zunächst die Grundkrankheit behandelt werden und vielleicht sind dann auch die Schlafstörungen vorbei.

Und wenn nicht?

Dann gilt es herauszufinden, wo psychische Wurzeln dafür liegen könnten.  Wichtig ist, sich für die Betroffenen Zeit zu nehmen und nachzuforschen. Fast immer findet sich ein Grund für die Schlafstörung. Zum Beispiel eine beginnende Depression.

Neben psychischen Gründen wird auch die richtige Schlafhygiene angeführt, was versteht man darunter?

Es gibt Rituale und Lebensgewohnheiten, die den Schlaf fördern. Zum Beispiel ist es sinnvoll, kurz vor dem Einschlafen keine wichtigen Dinge mehr zu erledigen. Man sollte etwas Angenehmes tun und sich möglichst nicht aufregen. Also Thriller oder Horrorfilme machen das Einschlafen – gerade bei älteren Menschen – schwieriger, weil man innerlich nicht mehr zur Ruhe kommt.
Auch abendlicher Konsum von Kaffee, schwarzem Tee oder Alkohol können zu Einschlafproblemen führen. Und wenn man früh aufsteht, sollte man nach 18 Uhr möglichst auch keinen besonders fordernden Sport mehr betreiben, weil das die Hormone hochfährt und erst recht wach macht.

Was ist, wenn die Angst vor dem Schlafmangel zu Schlafmangel führt?

Das ist ein zentrales Problem. Ganz wichtig ist, sich selbst den Druck zu nehmen. Es gibt eine weitverbreitete Mär in der Bevölkerung, dass der Mensch in der Nacht 8-9 Stunden Schlaf brauche. Aber erstens ist das bei jedem unterschiedlich, zweitens braucht man mit zunehmendem Alter weniger Schlaf.  Es kann also schon helfen, wenn man sich sagt, dass auch sieben Stunden ausreichen. Oder dass man nicht um 22 Uhr ins Bett gehen muss, um ab sechs Uhr wach sein zu können. Der Körper holt sich normalerweise den Schlaf, den er braucht.  Auch der Rhythmus, das sogenannte Schlafprofil verändert sich im Laufe des Lebens. (Mit den Schlafstadien: Einschlafen, leichter Schlaf, Tiefschlaf, Traumschlaf). Wenn man sich die Schlafarchitektur wie ein Gebirge vorstellt, ähnelte der Schlaf des Kleinkinds, das bis zu 21 Stunden täglich schlafen kann,  den Alpen. Der Schlaf des Sechzigjährigen dagegen sieht nur noch aus wie der Harz.

Es gibt also keine allgemeinen Lösungen, jeder muss seinen eigenen Weg in den Schlaf finden?

Genau. Wir haben ein genetisches Programm in uns. Darin sind unsere späteren Schlafmuster festgelegt. Wenn wir uns selbst zuhören, bekommen wir heraus, wieviel Schlaf wir brauchen, oder ob wir eher eine Lärche oder eine Eule sind. Sprich: Es gibt Spät-Typen, die besser spät einschlafen und länger schlafen und Früh-Typen, die besser früh einschlafen und dann früh morgens leistungsfähiger sind. Lernstörungen bei Kindern haben beispielsweise oft damit zu tun, dass die Schule für alle zur selben Zeit beginnt, auch wenn das nicht dem Biorhythmus des Einzelnen entspricht. Auch Menschen, die in der Nachtschicht arbeiten und ständig den Rhythmus wechseln müssen, haben oft Schlafprobleme. Hier wäre es wichtig für fünf oder sechs Tage hintereinander dieselben Zeiten einzuhalten.

Im Schichtdienst geraten Tag und Nacht durcheinander. Aber das lässt sich je nach eigenem Beruf ja nicht verhindern…

Nein, aber nach Möglichkeit sollte man die Nacht zum Schlafen nutzen. Selbst Mittagsschlaf ist ab ungefähr vierzig Jahren nicht mehr zu empfehlen – nicht mal am Wochenende. Es sollte genügen, zwei bis drei Minuten zu dösen.
Gleichzeitig spielt nicht nur die Nacht eine Rolle, wenn es um erholsamen Schlaf geht, sondern auch der Tag: Wenn man nachts nicht durch Sorgen belastet werden will, sollte man sich nur zwei große Aufgaben pro Tag stellen, die auch umsetzbar sind. Am besten man macht sich einen genauen Plan oder eine Liste mit Zielen, die an einem Tag erreicht werden können. So ist der Kopf frei für die Nacht.

Wie ist es bei Ihnen? Schlafen Sie gut? Was ist Ihr persönliches Einschlaf-Ritual?

Auch ich habe manchmal Einschlafprobleme und gewöhne mir an, nach 20 Uhr keinen Fernseher mehr einzuschalten. Stattdessen höre ich klassische Musik oder Kulturradio. Außerdem versuche ich nach 19 Uhr nichts mehr zu essen – auf jeden Fall nichts Schweres. Ich gehöre zu den Spät-Typen, deshalb gehe ich meist erst gegen 24 Uhr ins Bett. Weil ich nicht bis acht Uhr ausschlafen kann, mache ich das dann manchmal am Wochenende.

Vielen Dank für das Gespräch! Und: Gute Nacht!

Sie wollen mehr zum Thema Schlafstörungen erfahren? Kommen Sie vorbei am 13.10., 19.00 Uhr zum Infoabend „Schlafen Sie gut? – Schlafstörungen müssen nicht sein“! Mehr Informationen zur Veranstaltung: Schlafen Sie gut?

Wir freuen uns auf Sie!

——————————————————————————————–
Fotos: Mond – iStock by Getty Images kycstudio 4015846; Frau – Fotolia 85348554

Kommentare anzeigen (0)

Kommentar schreiben

This is a unique website which will require a more modern browser to work! Please upgrade today!