Täglich kleine Wunder

Die Folgen eines schweren Schädel-Hirn-Traumas werden vielen Menschen bewusst, wenn in der Zeitung über Berühmtheiten berichtet wird. So erlag Prinz Friso, Sohn des niederländischen Königspaares, im August 2013 den Folgen eines Lawinenunglückes. Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher erwachte im Juni 2014 aus dem Koma, das durch einen schweren Skiunfall verursacht wurde.

Dr. Andrea von Helden, Chefärztin des Zentrums für Schwerst-Schädel-Hirnverletzte:
„Gerade für die Familie und Freunde ist es anfangs unfassbar, für sie ist es unmöglich die Schwere einer Hirnschädigung zu begreifen. Viele hoffen, dass ihre Familienmitglieder nach einem Koma aufwachen und sofort wieder voll da sind. Aber der Weg zurück ins Leben ist lang und anstrengend, – und die meisten Betroffenen werden nicht mehr dieselben sein. Aber der Weg ist auch voller kleiner Triumphe, Überraschungen und Etappensiege, und wie bei der Tour de France brauchen Erfolge ein gutes Team von Unterstützern.“

Schädel-Hirntraumata entstehen bei Schlägen, Stürzen oder Unfällen. Durch die Fortschritte der Intensivmedizin überleben Menschen auch schwere Hirnschädigungen. Glücklicherweise hat sich aber auch die Prognose verbessert. Durch intensive frühe Rehabilitationsmaßnahmen können viele Menschen aus dem Koma „zurückgelockt“ werden und wieder am Leben teilhaben.

Dr. von Helden: „Für Außenstehende ist oft nicht erkennbar, was ein Patient nach einer schweren Hirnschädigung von seiner Umwelt wahrnimmt. Manche Patienten können sich gar nicht verständlich machen, andere können nur über die Augen kommunizieren. Unsere Pflegekräfte in der Neurorehabilitation sind sehr erfahren und verstehen auch kleinste Zeichen. Zusammen mit einem Team aus Therapeuten und Ärzten regen sie das Gehirn des Patienten mit vielfältigen Maßnahmen an. So können sie den Patienten langsam wieder zurück in den Alltag führen. Im Unterschied zu vielen anderen Klinikbereichen haben wir in der Frührehabilitation viel mehr Zeit, uns den Patienten zuzuwenden.“

Nicht alle Blutungen gehen auf äußere Verletzungen oder Unfälle zurück – manchmal kommt es anscheinend ohne Grund zu einer Hirnblutung, die ein ganzes Leben verändert. Patienten können nicht mehr sprechen, haben keine Kontrolle mehr über ihre Körperfunktionen. Das Gehirn muss dann viele Fähigkeiten wieder erlernen, gesunde Zellen können einen Teil der Aufgaben übernehmen.

Dr. Andrea von Helden: „Für Angehörige ist es manchmal schwer vorstellbar, dass ihre Lieben trotz ihrer schweren Behinderung so noch weiter leben wollen. Wer ein schweres Schädel-Hirn-Trauma überlebt, ist eine Kämpfernatur mit starkem Überlebenswillen. Natürlich ist der Alltag ganz anders als vorher – aber es ändern sich auch die Prioritäten. Viele Menschen besinnen sich auf das, was wirklich zählt: Die zwischenmenschlichen Beziehungen. Plötzlich wird klar woran sich Lebensqualität und Lebensfreude wirklich festmachen lassen.“

Nach einem schweren Schlaganfall, einem Unfall oder Misshandlungen am Kopf sind die ersten Minuten und Stunden für die Betroffenen entscheidend. Nach der akuten Versorgung durch die Neurochirurgen und die Intensivmedizin ist es jedoch sehr wichtig, mit der neurologischen Rehabilitation möglichst früh zu beginnen. Gleichzeitig benötigen die Patienten in dieser frühen verletzlichen Phase noch häufig intensive medizinische Behandlungen. Im Zentrum für Schwerst-Schädel-Hirnverletzte am Vivantes Klinikum Spandau beginnt die Neurologische Frührehabilitation bereits auf der Intensivstation. Ein erfahrenes Team aus Therapeuten, Pflegekräften und Ärzten entwickelt ein individuelles Trainingsprogramm. Auch in der Frührehabilitation nach der Intensivstation stehen alle Mittel des Krankenhauses zur Verfügung.

Dr. Andrea von Helden: „Für unser Team, das mit Schwerst-Hirnverletzten jahrelange Erfahrung hat, sind schon erste Bewusstseinsregungen und Reaktionen ein ermutigendes Erfolgserlebnis. Wir freuen uns mit den Patienten, wenn sie wieder selbstständig atmen können, wenn ein Patient wieder ohne Hilfe ein Glas Wasser trinkt, wenn er wieder erste Worte verständlich spricht.

Im Zentrum für Schwerst-Schädel-Hirnverletzte werden Patienten zur Neurologischen Frührehabilitation der Phase B aufgenommen, die besonders schwer betroffen sind oder einen komplizierten Krankheitsverlauf auf der Intensivstation hatten. Da die Chefärztin über langjährige Erfahrung in der Neurochirurgie verfügt, liegt ein Schwerpunkt auf Patienten mit neurochirurgischen Erkrankungen.

Dr. Andrea von Helden: „Aber es geht nicht nur um eine exzellente medizinische Versorgung. Die Patienten und auch ihre Familien müssen unterstützt werden, da durch eine solche Erkrankung das Leben einer ganzen Familie aus den Fugen geraten kann. Deshalb beziehen wir Partner, Familie und Freunde der Betroffenen möglichst früh in den Rehabilitationsprozess ein und beraten sie auch wie es nach der Rehabilitation weiter gehen wird. Die besten Fortschritte machen die Patienten, die ein intaktes soziales Umfeld haben und von ihrer Familie und ihren Freunden optimal unterstützt werden.
Nach einer schweren Hirnverletzung haben die Patienten oft schwere Störungen des Bewusstseins und der Wahrnehmung ihrer Umwelt. Daher wenden wir neben den herkömmlichen Rehabilitationsmaßnahmen auch achtsame Verfahren wie Shiatsu, Snoezelen und Musiktherapie an. Auf einem warmen Wasserbett werden die Patienten mit Klängen stimuliert, dadurch können sie entspannen und haben weniger Angst. Auch ein Therapiehund ist Teil des therapeutischen Teams, Boxerhündin Helga bewirkt oft auch kleine Wunder.“

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