Vorsorgen statt verdrängen!

Wir alle wissen, dass solche Situationen eintreten können: Ein Unfall, der uns ganz plötzlich mitten aus dem Leben reißt. Eine Krankheit, die uns ans Bett fesselt. Ein Unglück, das es uns nicht mehr möglich macht, unseren eigenen Willen zu äußern. Für diese Fälle ist es wichtig, vorzusorgen: Drei Arten von Vollmachten und Verfügungen helfen, dass andere so für uns entscheiden können, wie wir es in gesunden Tagen wohlüberlegt verfügt haben.

Sybille Heyer weiß aus ihrer Berufspraxis im Sozialdienst der Vivantes Hauptstadtpflege, dass Begriffe wie Patientenverfügung, Betreuungsverfügung und Vorsorgevollmacht für die meisten mit unangenehmen Gefühlen besetzt sind. „Man beschäftigt sich nicht gerne mit der eigenen Endlichkeit, Tod und Leiden werden häufig verdrängt. Dabei ist das Sterben auch Teil des Lebens, und was da passieren soll, sollte man – so weit es möglich ist – mitbestimmen.“ Auch den Angehörigen und Betreuern macht es schwere Entscheidungen leichter, wenn vorher festgelegt wurde, wie im Ernstfall gehandelt werden soll. „Wir sind doch schon Jahrzehnte verheiratet, weshalb benötige ich denn nun eine Vorsorgevollmacht?“ Mit Fragen dieser Art wird Sybille Heyer häufig konfrontiert.

Patientenverfügung

Seit 1. September 2009 gilt das Patientenverfügungsgesetz. Damit sind schriftliche Willenserklärungen von Kranken, die sich mündlich nicht mehr äußern können, erstmals gesetzlich geregelt und bindend. Laut Umfragen haben inzwischen rund 28 Prozent der Deutschen eine Patientenverfügung verfasst, bei den Älteren ab 60 Jahren sogar mehr als jeder Zweite. Eine Patientenverfügung regelt, welche ärztlichen Maßnahmen der Verfasser im Rahmen seiner medizinischen Versorgung wünscht und welche er ablehnt. Damit die Verfügung anerkannt wird, muss sie in schriftlicher Form vorliegen und Folgendes enthalten: eine Eingangsformel mit Vor- und Familiennamen, Geburtsdatum und Anschrift sowie eine exakte Beschreibung der Situation, in der die Patientenverfügung gelten soll. Beispielsweise: „Wenn ich mich aller Wahrscheinlichkeit nach unabwendbar im unmittelbaren Sterbeprozess befinde …“ oder „Wenn ich mich im Endstadium einer unheilbaren, tödlich verlaufenden Krankheit befinde …“ Die Vorgaben sollten detailliert ausformuliert sein, etwa zu lebenserhaltenden Maßnahmen, Symptombehandlung sowie künstlicher Ernährung. Schwammige Formulierungen wie „Ich möchte nicht an Schläuchen hängen …“ reichen dafür nicht aus. Ebenfalls wichtig: Wünsche zu Sterbeort und Sterbebegleitung, ein Hinweis zu einer möglichen Bereitschaft für eine Organspende, Aussagen zur Verbindlichkeit, zur Auslegung, zur Durchsetzung und zum Widerruf der Verfügung, Hinweise auf weitere Vorsorgeverfügungen sowie eine Schlussformel mit Datum und Unterschrift. Empfehlenswert: regelmäßige Aktualisierungen der Patientenverfügung, jeweils mit Datum und Unterschrift. Eine Kopie sollte den Angehörigen ausgehändigt und beim Hausarzt hinterlegt werden. Es ist auch nützlich, eine Karte bei sich zu tragen, auf der vermerkt ist, dass eine Verfügung existiert und wo diese im Original hinterlegt ist. Grundsätzlich muss eine Patientenverfügung nicht notariell beglaubigt sein.

Vorsorgevollmacht

Wer noch umfassender für seine Zukunft vorsorgen will, der kann die Patientenverfügung

Altenpflegerin hält Hand einer Seniorin

mit einer Vorsorgevollmacht und Betreuungsverfügung verbinden. Mit einer Vorsorgevollmacht wird eine Person des Vertrauens damit beauftragt, stellvertretend zu handeln, zu entscheiden und Verträge abzuschließen. Der Bevollmächtigte muss die Vollmacht gegenzeichnen. Sie wird nur dann wirksam, wenn Dinge vom Betroffenen nicht mehr selbst bewältigt werden können. Die Vorsorgevollmacht kann jederzeit wieder entzogen und/oder auch inhaltlich verändert werden. Beispiele für ihre Anwendung: Vertrags- und Bankangelegenheiten, Einzug in ein Pflegeheim und Ähnliches, der Gestaltungsspielraum ist hier individuell. Familienmitglieder können nicht automatisch für den Betroffenen entscheiden – ohne eine Vollmacht oder den Beschluss einer richterlichen Betreuung ist das nicht möglich! Fehlt die Bevollmächtigung, dann bestimmt das Amtsgericht einen rechtlichen Betreuer. Der kann aus dem Familienkreis kommen oder aber ein Fremder sein. Auch hier gilt: Eine notarielle Beglaubigung ist nicht nötig, sie ist nur für die Übernahme von Grundstücks- und Unternehmensgeschäften sowie Darlehensaufnahmen durch den Bevollmächtigten zwingend erforderlich. Die Vollmacht sollte regelmäßig überprüft werden: Sind die Aussagen weiterhin gültig, müssen sie ergänzt oder korrigiert werden? Datum und Unterschrift bitte immer als Bestätigung aufnehmen. Das Originaldokument ist beim Bevollmächtigten zu hinterlegen.

Betreuungsverfügung

Im Unterschied zur Vorsorgevollmacht wird bei einer Betreuungsverfügung ein gewünschter rechtlicher Betreuer vorgeschlagen. Das Gericht bestellt eine vom Betroffenen vorgeschlagene Person als rechtlichen Betreuer – für den Fall, dass in Zukunft rechtliche Angelegenheiten gegebenenfalls nicht mehr bewältigt werden können. Die Person wird vom Richter auf ihre Eignung überprüft, vom Gericht überwacht und muss diesem berichten. (Bei einer Vorsorgevollmacht steht der Bevollmächtigte nicht unter gerichtlicher Kontrolle.) Die Betreuungsverfügung unterliegt keinen Formvorschriften, sollte allerdings schriftlich abgefasst werden. Auf Wunsch kann sie mit einer Vorsorgevollmacht verknüpft werden, sodass eine bevollmächtigte Person gleichzeitig auch als rechtlicher Betreuer eingesetzt werden kann.

Informationen

Hier erfahren Sie mehr, finden Erläuterungen in verständlicher Sprache und können sich entsprechende Musterformulare herunterladen:
www.caritas.de
www.amtlich-einfach.de
www.bmjv.de
www.bmg.bund.de

Kontakt
Sybille Heyer
Sozialdienst – Vivantes Forum für Senioren GmbH
Hauptstadtpflege Haus Teichstraße

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Dieser Artikel stammt ursprünglich aus dem Vivantes Patientenmagazin „gesund!“ – Ausgabe 01/16

Fotos: Fotolia.com – 93845674 und 95942699

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