Wenn der Schlaf nicht kommen will

Gernot S. (49) findet seit ungefähr sechs Jahren nachts keine Ruhe mehr. Das hat erhebliche Auswirkungen: auf seine Arbeitsfähigkeit, seine Stimmung, sein Familienleben, auf seinen gesamten Alltag. Doch Schlafen kann man (wieder) lernen, auch ohne die Einnahme von Schlafmitteln.

1,2 Millionen Menschen in Deutschland nehmen regelmäßig Schlafmittel ein.

Hin- und herwälzen, zur Uhr schauen, Kopfkissen aufschütteln, Wasser trinken, aus dem Fenster schauen – und dann alles wieder von vorn. Man fragt sich verzweifelt: Warum nur kommt der Schlaf nicht?

Unter einer Schlafstörung, in der Fachsprache Insomnie genannt, versteht man Probleme beim Einschlafen, beim Durchschlafen, häufiges Erwachen nachts, sehr frühes Aufwachen morgens und/oder eine schlechte Schlafqualität mit der Folge einer erhöhten Tagesmüdigkeit – und das über einen längeren Zeitraum. Der Mensch kommt an seine Grenzen, kann sogar krank werden. Statistiken belegen: Rund ein Viertel der Deutschen sind von Störungen der Nachtruhe betroffen.

Ein Albtraum, der nicht endet

Gernot S.: „Dieses stundenlange Wachliegen, das Hin-und-herwälzen ist für mich wie ein Albtraum. Auch meine Frau leidet darunter, wird immer wieder gestört. Doch je mehr ich mich ärgere und darüber grüble, warum ich nicht in den Schlaf finde, desto länger bleibe ich wach. Ein Teufelskreis!“ Am Morgen fühlt sich der Berufsschullehrer wie gerädert, kann sich kaum konzentrieren, ist in einem ständigen Stress- und Erregungszustand und hält nur mit Mühe sein Tagespensum durch. Auch seine Anfälligkeit für Krankheiten ist gestiegen. Musste er sich früher nur ein- bis zweimal im Jahr mit einer Erkältung rumschlagen, so leidet er heute alle acht bis zehn Wochen an Schnupfen und Husten, auch sein Magen ist empfindlicher geworden.

Der Körper braucht gesunden Schlaf

Eine Richtschnur, wie viele Stunden es sein müssen, gibt es allerdings nicht. Einige kommen mit fünf aus, andere schlafen elf oder sogar zwölf Stunden, bis sie sich richtig erholt fühlen. Was passiert mit unserem Körper in der Nacht? Grundsätzlich folgen Schlafen und Wachen einem natürlich vorgegebenen Rhythmus. Im Schlaf durchlaufen wir unterschiedliche Phasen während der Nacht (Leichtschlaf-, Tiefschlaf, REM-Phase), von denen jede Einzelne wichtig ist für die Erholungsfunktion des Schlafes. Auf Unregelmäßigkeiten reagiert unser Organismus ausgesprochen sensibel. Muskelspannung, Atmung, Herzschlag, Blutdruck, Körpertemperatur, Hormone, Stoffwechsel und weitere wichtige Funktionen geraten bei Störungen durcheinander. Denn ein Großteil der Vorgänge in unserem Körper passt sich dem Wechsel von Tag und Nacht an, versetzt uns in die Lage, abends müde und am Morgen wach zu werden. Unser Gehirn kommt nachts nicht vollständig zur Ruhe, es lenkt allerdings seine Aktivitäten um und nutzt die Schlafenszeit für wichtige Aufräum- und Reparaturarbeiten, es befreit sich von überflüssigem Ballast und sortiert Erlebtes. Neue Verbindungen zwischen den Nervenzellen bauen sich auf, frisch Erlerntes wird so gefestigt und im Gedächtnis verankert. Wer gut schläft, lernt leichter und nachhaltiger.

Ursachen für schlechten Schlaf

Warum aber finden so viele Menschen keinen erholsamen Schlaf? Grundsätzlich bedeutet nicht jeder schlechte Schlaf gleich eine Schlafstörung. Es gibt immer wieder Ereignisse, Stress oder Ärger, auch Vorfreude, die eine nächtliche Unruhe verursachen. Stellt sich nach einiger Zeit aber der natürliche Schlafrhythmus nicht wieder ein, dann nehmen viele Schlaflosigkeit als gegeben hin oder versuchen sogar, ihr mithilfe von Schlafmitteln entgegenzuwirken. Dabei sind die Ursachen komplex. Körperliche oder auch seelische Krankheiten können dahinterstecken, auch Medikamente. Deshalb sollte zuerst immer ein Besuch beim Hausarzt stattfinden. Mit Untersuchungen und in Gesprächen kann dieser sich ein erstes Bild machen und den Patienten anschließend bei Bedarf an andere Spezialisten überweisen. Denn je eher eine Schlafstörung erkannt wird, umso besser und effektiver lässt sie sich behandeln.

Großer Markt für Schlafmittel

Obwohl die Grenzen der Selbstbehandlung eng sind, wächst der Markt für rezeptfreie Schlaf- und Beruhigungsmittel seit Jahren. Fast 200 Millionen Euro haben die Deutschen 2012 für frei in der Apotheke erhältliche Medikamente gegen Unruhe und Schlafprobleme ausgegeben. Rund 1,2 Millionen Menschen nehmen regelmäßig Schlafmittel ein, ein großer Teil konsumiert die häufig von Ärzten verschriebenen Benzodiazepine oder ähnliche Stoffe. Annähernd 20 Millionen Packungen (geschätzter Umsatz: 300 Millionen Euro) davon wurden 2012 verkauft.

Lehrer Gernot S. hat lange gezögert, sich Hilfe zu suchen, hoffte, das Problem selbst in den Griff zu bekommen. Viele Jahre hat er frei in der Apotheke erhältliche Schlafmittel geschluckt und sich davon abhängig gemacht. „Anfangs habe ich mit einer halben Tablette begonnen, dann ließ nach einigen Wochen die Wirkung nach, und ich habe die Dosierung angehoben.“ Zuletzt brauchte er regelmäßig zwei oder drei Pillen, um überhaupt zur Ruhe zu kommen. Dann suchte er sich endlich Hilfe. Seinem Hausarzt hatte er bis dahin das wirkliche Ausmaß seines Problems verschwiegen. Als er sich dann offenbarte, alle körperlichen Befunde unauffällig waren, überwies ihn dieser an einen Psychiater. Der stellte fest, dass sein Patient an einer Depression leidet und überwies ihn an einem Psychotherapeuten. Berufliche Überlastung an der Berufsschule, geringe Wertschätzung in seinem Arbeitsumfeld und der frühe Tod eines nahestehenden Freundes hatten über die Jahre Selbstzweifel und Ängste entstehen lassen, die Gernot S. alleine nicht verarbeiten konnte. In der Psychotherapie hat der Lehrer nun gelernt, seine Erfahrungen zu bewerten, ihnen den nötigen Raum zu geben und trotzdem nachts Ruhe zu finden.

Tipps für erholsamen Schlaf

  • Keinen Mittagsschlaf halten, auch kein Nickerchen am Tag
  • Regelmäßige Bewegung tagsüber, am besten an der frischen Luft, körperliche Anstrengung allerdings nicht kurz vor der Schlafenszeit
  • Vier Stunden vor dem Zubettgehen keine stimulierenden Getränke wie Kaffee, Tee, Cola oder Energiedrinks zu sich nehmen
  • Die letzte große Mahlzeit am besten drei bis vier Stunden vor der Nachtruhe einnehmen
  • Keinen Alkohol kurz vor der Bettzeit
  • Bequemes Bett mit guter Matratze, abgedunkelter, ruhiger Raum in gedämpfter Wandfarbe, Temperatur zwischen 16 und 19 Grad Celsius, frische Luft
  • Das Bett nur zum Schlafen nutzen (nicht im Bett arbeiten, kein Fernsehen vom Bett aus)
  • Möglichst feste Zeiten fürs Zubettgehen und (besonders wichtig!) fürs Aufstehen einhalten
  • Nur ins Bett gehen, wenn man wirklich müde ist
  • Belastende Tagesereignisse vor der Nachtruhe Revue passieren lassen
  • Entspannungsfördernde Schlafrituale entwickeln (z. B. Tagebuch schreiben, heiß baden)
  • Wenn der Schlaf nicht kommt, besser aufstehen, statt sich zu ärgern
  • Vorher nicht zu viel trinken – eine gefüllte Blase macht Toilettengang nötig
  • Nicht auf die Uhr schauen
  • Nicht mehr als sieben/acht Stunden im Bett verbringen
  • Tiere sollten nicht mit im Bett schlafe

Experten-Interview

„gesund!“ befragte Dr. Verena Komanek-Prinz, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie im Vivantes Klinikum Neukölln, zu ihren Erfahrungen mit Patienten, die unter Schlafstörungen leiden.

In welcher Verfassung kommen Patienten mit Schlafstörungen zu Ihnen?

Eine Schlafstörung ist eines der häufigsten Symptome, das im Erstgespräch von Patienten beklagt wird. Dennoch stellt sie in den wenigsten Fällen den (alleinigen) Grund für die Aufnahme in eine psychiatrische Klinik dar, sondern ist meist Teil einer anderen (psychischen) Erkrankung. Durch diese sind die Patienten belastet und empfinden die Schlafstörung oft als zusätzliche Qual. Wenn Menschen unter Schlafstörungen leiden, beklagen sie vor allem die lange Phase des Einschlafens sowie häufiges Erwachen in der Nacht. Wenn diese Symptome mehrmals pro Woche und über einen Zeitraum von einigen Monaten auftreten und Erschöpfung und Tagesmüdigkeit hinzukommen, spricht man von einer Schlafstörung. Ein frühes Aufwachen am Morgen kann darüber hinaus Zeichen einer depressiven Erkrankung sein.

Können Sie die häufigsten Gründe für Schlafstörungen benennen?

Eine Vielzahl von körperlichen Erkrankungen geht mit Schlafstörungen einher. Hier sind u.a. Störungen des Hormonhaushalts (z. B. der Schilddrüse) oder Atemwegserkrankungen zu nennen. Eine gründliche körperliche Untersuchung und gegebenenfalls weitere Diagnostik stehen daher immer am Anfang der Behandlung. Bei den psychischen Erkrankungen können Depressionen, Angsterkrankungen und Abhängigkeitserkrankungen, um nur einige Beispiele zu nennen, eine Schlafstörung bedingen. Allerdings geht man inzwischen davon aus, dass auch der umgekehrte Fall auftritt und nicht weniger wahrscheinlich ist. Aufgrund von sogenannten primären Schlafstörungen werden Menschen depressiv, fühlen sich nicht leistungsfähig und greifen zu vermeintlich schlaffördernden Substanzen wie Alkohol oder nehmen Schlafmittel ein. Daraus kann sich wiederum eine Abhängigkeit entwickeln.

Was raten Sie Ihren Patienten, wie können Sie ihnen helfen?

Zunächst einmal versuchen wir die Gründe für die Schlafstörung zu verstehen. Körperliche Erkrankungen (z. B. das Restless-legs-Syndrom, eine neurologische Erkrankung mit Gefühlsstörungen und Bewegungsdrang in den Beinen, Füßen und weniger häufig auch in den Armen, oder das Schlafapnoe- Syndrom mit kurzfristigen Atemstillständen) und seelische Erkrankungen (z. B. Depressionen) sollten erkannt und spezifisch behandelt werden. Zudem ist es wichtig, sich ein möglichst genaues Bild über das Schlafverhalten zu machen, beispielsweise durch Schlafprotokolle. Gibt es den Schlaf negativ beeinflussende Parameter wie zum Beispiel Schichtarbeit oder ungünstige Verhaltensweisen wie Arbeiten vom Bett aus, später Konsum von Stimulanzien, übermäßiger Konsum von Alkohol und Drogen? Bevor man nach geeigneten Lösungsstrategien sucht, sollte zudem im Gespräch überprüft werden, welche Vorstellungen von einem „normalen Schlaf“ bei dem Betreffenden existieren und ob diese überhaupt realistisch sind. Anschließend kann der Patient mithilfe psychotherapeutischer Strategien lernen, sein Schlafverhalten günstig zu beeinflussen und gegebenenfalls andere bestehende psychische Probleme zu bearbeiten. Die im Info-Kasten auf Seite 8 unten genannten Tipps stellen erste, sehr wichtige Verhaltensmaßnahmen dar.

Wenn bei den Hilfesuchenden bereits eine Schlafmittelabhängigkeit vorliegt, wie kann man sie entwöhnen?

Ein Entzug von abhängig machenden Schlafmitteln (in der Regel Benzodiazepine) sollte nur unter ärztlicher Aufsicht erfolgen, ggf. sogar stationär im Krankenhaus. Für die Entscheidung ist es wichtig, dass der Betreffende gegenüber dem Arzt offen über die Einnahmemengen berichtet. Wurden Schlafmittel nur über einen kürzeren Zeitraum eingenommen, kann auch ein teilstationärer oder ambulanter Entzug durchgeführt werden. Dieser sollte, wenn möglich, mit psychotherapeutischen Maßnahmen kombiniert werden, um den Patienten zu unterstützen und ihn auf dem Weg zu einem besseren Schlaf zu begleiten.

Wie lange sind Patienten mit Schlafstörungen in der Regel bei Ihnen in Behandlung?
Ein Entzug von Benzodiazepinen kann mehrere Wochen dauern. Die Länge der Behandlung ist abhängig von der Dauer und Menge der Einnahme und eventuell bestehenden zusätzlichen körperlichen Erkrankungen. Aber auch die seelische Verfassung des Patienten und begleitende psychische Erkrankungen spielen eine wichtige Rolle.


Dieser Beitrag stammt aus unserem Patientemagazin „gesund! Leben in Berlin“ – Ausgabe 04/2016

Foto: Fotolia.com 7701241

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