Wenn die Seele krank ist

Am 10. Oktober wird jedes Jahr weltweit der „Tag der Seelischen Gesundheit“ begangen. Um diesen Tag herum startet in Berlin sowie bundesweit die „Woche der Seelischen Gesundheit“. Allein in unserer Stadt finden rund 150 Veranstaltungen und Aktionen statt. Übergeordnetes Ziel ist es, Verständnis für Störungen der psychischen Gesundheit zu entwickeln, die betroffenen Menschen nicht zu stigmatisieren und auf präventive Maßnahmen aufmerksam zu machen. Das Motto der diesjährigen Aktion lautet „Psychisch krank und mittendrin“.

In der 3,5-Millionen-Einwohner-Stadt Berlin leiden gemäß Statistik jede zweite Frau und jeder dritte Mann an einer seelischen Erkrankung. Nahezu jeder kennt in seinem Umfeld davon betroffene Menschen. Gibt es heute mehr psychische Erkrankungen als früher, ist die kranke Seele bereits ein Volksleiden?

Dr.I._Munk ChefärztinDr. Ingrid Munk leitet die Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Vivantes Klinikum Neukölln. Sie sagt: „Psychische Erkrankungen sind keine seltenen Erkrankungen, das waren sie noch nie. Anders ist, dass man offener darüber sprechen kann und sie auch häufiger diagnostiziert werden als früher. Trotzdem müssen Patienten damit rechnen, diskriminiert zu werden, besonders bei psychotischen und schizophrenen Erkrankungen. Wir haben ein weites Feld von Vorurteilen. Für die Patienten ist es wie eine ‚zweite Krankheit’: Neben den Einschränkungen durch die eigentliche seelische Störung müssen sie sich zusätzlich damit auseinander setzen, dass sie von anderen gemieden oder ihnen Rechte abgesprochen werden.“

Grundsätzlich ist der Druck auf den Menschen gestiegen: Er fühlt sich den an ihn gestellten Anforderungen nicht mehr gewachsen, empfindet mehr Last als Freude, leidet unter Stress, Konkurrenzdruck und Überforderung in der Arbeitswelt. Tatsache ist aber auch: Arbeitslose haben eine mehr als doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit, an einer seelischen Störung zu leiden. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Armut und soziale Perspektivlosigkeit psychische Erkrankungen begünstigen. Dr. Ingrid Munk bestätigt das: „Wir wissen seit den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts, dass sich in großstädtischen Armutsbezirken ein hoher Anteil von seelischen Störungen findet. Dort leben oft viele Arbeitslose und Migranten. Neukölln ist dafür ein gutes Beispiel.“ Und welche Erfahrungen macht sie in Ihrem beruflichen Alltag? „Die gute Nachricht ist: Seelische Erkrankungen sind, auch im Vergleich mit körperlichen, gut behandelbar und haben in der Regel eine günstige Prognose. Wichtig sind eine gute Diagnostik und passende Behandlung die, je nach Problemlage, aus drei Behandlungselementen zusammengesetzt ist: Psychotherapie, Soziotherapie und, bei schweren Krankheitsbildern, eine medikamentöse Therapie.“

Die Klinik in Neukölln versteht sich als Knotenpunkt im Netzwerk der gemeindepsychiatrischen Versorgung des Bezirks. Hier kann ambulant, teil- und vollstationär behandelt werden. Das Konzept basiert auf der sogenannten Offenen Psychiatrie. „Bei uns sind alle Türen offen. Wir arbeiten in engem Austausch mit den Bürgern und Institutionen im Bezirk Neukölln. Patienten und ihre Angehörigen werden in unsere Arbeit einbezogen – sie stehen im Mittelpunkt. Wichtig ist uns die subjektive Sicht des Patienten. Wie erklärt er sich die Dinge? Wir hören erst einmal zu und versuchen, ihn zu verstehen.“ Ergänzt wird das Angebot von Vivantes durch die angegliederte Tagesklinik in der Rudower Straße: Sie ist Anlaufstelle für akut Erkrankte und Betroffene von unmittelbar aufgetretenen seelischen Krisen.

Dr. Munk: „Jeder hat schon Krisen gemeistert, sie sind Bestandteil fast jeden Lebens. Es gibt aber auch Situationen, in den wir nicht weiterwissen. Dann sollten wir uns helfen lassen. In jeder Krise steckt auch eine Chance: Gewohnte Verhaltens- und Denkweisen kann man verändern und so einen Wendepunkt herbeiführen. Dabei wollen wir unterstützen!“

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