Wie schaff ich das?

Wenn der Arbeitsalltag zur Mammutaufgabe wird: Immer mehr Beschäftigte greifen zu Pillen, um im Job leistungsfähig zu bleiben – sie dopen sich. Mit fatalen Folgen für die eigene Gesundheit.

Erinnern Sie sich an Mad Men, die kultige TV-Serie über eine Werbeagentur in den USA? Die Bars der Büros sind stets mit Hochprozentigem gefüllt, und auch während der Arbeitszeit genehmigen sich die Mitarbeiter jede Menge Drinks. Nicht nur eine Erfindung der Serienmacher: Alkohol im Job war in den 50er- und 60er-Jahren gang und gäbe. Und heute? Man schluckt Pillen – um runterzukommen, konzentrierter zu sein, wacher und leistungsfähiger – kurz: Man betreibt Hirndoping. Wie die Krankenkasse DAK in einer Studie herausfand, nehmen drei Millionen Arbeitnehmer zwischen 20 und 50 Jahren leistungssteigernde Medikamente. Das sind 6,7 Prozent – 2008 waren es noch 4,7.

„gesund!“ hat Dr. Darius Chahmoradi Tabatabai, Chefarzt der Hartmut-Spittler-Fachklinik für Entwöhnungstherapie, zu dieser neuen Entwicklung und ihren Folgen befragt.

Herr Dr. Tabatabai, was ist mit Hirndoping gemeint?

Wenn Menschen mit Stoffen das eigene Bewusstsein verändern, spricht man von Hirndoping. In der Regel geht es dabei um verschreibungspflichtige Medikamente, die auch ohne medizinische Indikation eingenommen werden.
Warum greifen manche Menschen zu solchen Medikamenten?
Mit der Digitalisierung haben sich die Anforderungen in vielen Arbeitsbereichen grundlegend verändert: Die Informationsflut ist größer geworden, der Leistungsdruck gestiegen und damit die Sorge vor einem Jobverlust. Die ständige Angst ersetzbar zu sein, immer verfügbar sein zu müssen, treibt einen Teil der Arbeitnehmer dazu, Hirnfunktionen wie Konzentration, Erinnern oder Wachheit mithilfe von Medikamenten zu steigern, das eigene Wohlbefinden zu verbessern, Ängste oder Nervosität abzubauen.

Wer ist besonders anfällig?

Es ist ein Vorurteil, dass nur Menschen in den höchsten Funktionen mit dem höchsten Stresslevel zu leistungssteigernden Substanzen greifen. Es sind eher diejenigen, die ihren Arbeitsplatz als bedroht ansehen oder einer monotonen Arbeit nachgehen.

Welche Präparate werden eingenommen?

Bei dem Wirkstoff Methylphenidat, besser bekannt als Ritalin, das zur Behandlung des Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms (ADHS) bei Kindern eingesetzt wird, gab es einen erstaunlichen Zuwachs an Verschreibungen, ohne dass die Diagnosen zunahmen. Das sind Stimulanzien, die bei Kindern für eine bessere Konzentration sorgen sollen. Bei Erwachsenen können sie auch leistungs- oder antriebssteigernd wirken. Auch Beta-Blocker sind beliebt, Präparate, die eigentlich zur Behandlung von Bluthochdruck verschrieben werden. Sie verlangsamen den Herzschlag, haben eine dämpfende Wirkung auf den Kreislauf und senken das subjektive Stressempfinden. Ebenso verbreitet sind Amphetamine, die aufputschend wirken. Zu den illegalen gehören zum Beispiel Chrystal Meth oder Speed, legale Amphetamine finden sich etwa in Appetitzüglern. Außerdem sind Antidementiva, die die Gedächtnisleistung steigern sollen, oder Modafinil, ein Wachmacher, gern genommene Präparate. Auch Tranquilizer, die zwar nicht klassisch zum Hirndoping zählen, sind zu erwähnen. Denn auch sie steigern indirekt die Leistung. Wer Tranquilizer einnimmt, um Ängste zu unterdrücken, kann mit Präparaten wie Diazepam über Jahre hinweg handlungsfähig sein – um den Preis einer körperlichen Abhängigkeit. Und letztlich gehört auch ein übersteigerter Konsum von Kaffee, Energydrinks oder Zigaretten in dieses Feld. Je nach Menge wirken auch diese Substanzen verändernd auf unser Gehirn.

Wie kommen die Menschen an die Medikamente?

Die meisten Menschen lassen sie sich einfach von ihrem Hausarzt oder Psychiater verschreiben. Innerhalb der letzten 20 Jahre hat beispielsweise die Verordnungshäufigkeit von Antidepressiva um rund 600 Prozent zugenommen. Das ist schon bedenklich. Ein Phänomen ist, dass zunehmend Privatrezepte ausgestellt werden, weil dann die Krankenkassen außen vor sind, also die Rezepte nie zu sehen bekommen und damit auch nicht kontrollierend tätig werden können. Fast alle Medikamente kann man aber auch auf den bekannten Schwarzmärkten der Stadt beschaffen. Es gibt auch einen Apotheken-Schwarzmarkt oder die Möglichkeit, im Ausland zu bestellen.

Wie wirkt sich die Einnahme der Präparate aus?

Signale, die der Körper und die Seele senden, um den Organismus davor zu schützen, sich in schädliche Situationen zu bringen, werden bekämpft. Man verschleiert eine bestehende psychiatrische Diagnose, ohne das Problem zu beheben, zum Beispiel mittels Therapie. Das geht irgendwann an die Substanz. Spätestens ab 50 Jahren steigt das Risiko für Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall, Erschöpfung, Depression und Ängste.

Gibt es gesündere Wege?

Ja, natürlich. Entspannungsverfahren wie progressive Muskelentspannung zum Beispiel oder autogenes Training. Das sind die Klassiker, mit denen man sich zwar vorkommt wie ein Steinzeit-Mediziner, aber sie sind nun mal wirksam. Auch eine Psychotherapie ist häufig sehr förderlich. Grundsätzlich rate ich jedem, der sich über längere Zeit überfordert fühlt, einen Arzt aufzusuchen und sich beraten zu lassen. Jeder sollte die Zeichen seines Körpers ernst nehmen, er signalisiert in der Regel sinnvolle Grenzen.

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Foto: Fotolia.com_74988378

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 01/2016 unseres Patientenmagazins „gesund!“ erschienen.

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