Demenz – das Chaos im Kopf

Wie eng bei diesem Thema Lachen und Weinen beieinander liegen, zeigt dieser Dialog: „Ich bin nicht deine Mutter“, sagt die schwer demente Mutter. „Wer bist du denn?“, fragt der Sohn. „Deine Schwiegermutter.“ „Mhm. Könntest du dir eventuell vorstellen, dass ich dein Sohn bin?“ „Mhm. Auch möglich.“
Wenn der Geist verloren geht – wörtlich übersetzt aus dem Lateinischen heißt Demenz „weg vom Geist“ oder „ohne Geist“ – dann verliert der davon Betroffene nach und nach seine Persönlichkeit. Alles, was ihn in seinem bisherigen Leben ausmachte, geht verloren. Diesen Prozess beschreibt der Autor Jörn Klare auf sehr berührende Weise, ehrlich, schonungslos, aber auch mit Humor, in seinem Buch „Als meine Mutter ihre Küche nicht mehr fand“. Es ist die Geschichte seiner schwer demenzkranken 70-jährigen Mutter, es ist aber auch seine Geschichte: die des schmerzhaften Abschiednehmens von einem geliebten Menschen.

Was passiert bei Demenz? Was ist das für eine Krankheit, unter der rund 1,5 Millionen Menschen in Deutschland leiden? Die jährlich mehr als 300.000 Neuerkrankungen hervorbringt und Prognosen zufolge bis 2050 etwa 3 Millionen Menschen betreffen wird? Ist die Krankheit heilbar und was kann man dagegen tun?
Die ernüchternde Nachricht vorweg: Die Forschung steht in Bezug auf Ursachen und frühzeitige Diagnose noch immer am Anfang – es gibt kaum Kenntnisse darüber, wie Demenz verhindert oder geheilt werden kann. Aber – und diese Erkenntnis sollte man den guten Nachrichten zuordnen: Es ist möglich, den Verlauf der Krankheit zu verzögern.
Voraussetzung ist eine genaue Diagnose durch einen ausgewiesenen Spezialisten. Daran kann sich eine individuelle Behandlung anschließen, die die Situation der Betroffenen und damit auch die ihrer Angehörigen verbessert.

Die Entwicklung von Demenz

AB_GettyImages_RF-492927271Stehen zu Beginn noch Störungen des Kurzzeitgedächtnisses und der Merkfähigkeit, so verschwinden im weiteren Verlauf der Krankheit auch Bestandteile des Langzeitgedächtnisses. Die kognitive Leistung lässt deutlich nach, das heißt, die gesamte Funktionsweise und Effektivität des Gehirns verlangsamt sich mehr und mehr. Der von Demenz Betroffene verhält sich in Alltagssituationen anders als gewöhnlich, er verliert sukzessive die im Laufe seines Lebens erworbenen Fähigkeiten und Fertigkeiten. Das betrifft sein komplettes Dasein, seine Existenz. Seine Wahrnehmung, sein Verhalten, sein Erleben – alles verändert sich. Damit geht seine Persönlichkeit verloren.
Für Angehörige ist das selbstverständlich belastend, auch sie müssen lernen, mit der veränderten Situation umzugehen und sich dabei auch helfen zu lassen. Das Zusammenleben mit dem an Demenz Erkrankten verändert sich, je nach Art der Demenz und dem individuellen Verlauf der Krankheit, unterschiedlich schnell und stark.
Bei einigen schreitet die Demenz zügig voran, bei anderen dauert es mehrere Jahre, bis deutliche Symptome wahrgenommen werden und dann weitere Jahre, bis eine Verschlechterung bemerkt wird.
Auch aus diesem Grund ist es für Betroffene und ihre Angehörigen oft schwierig, zu erkennen: Handelt es sich bei den Auffälligkeiten um harmlose Gedächtnislücken oder um erste Anzeichen einer Demenz?

Das Gespenst des Alters

Mittlerweile ist die Angst vor dieser Erkrankung in unserer Gesellschaft riesengroß. Medien sprechen im Zusammenhang mit Demenz bereits vom „Gespenst des Alters“ und Umfragen haben ergeben: Über 60-Jährige fürchten sich davor mittlerweile mehr als vor Krebs oder einem Schlaganfall.
Um sich Sicherheit zu verschaffen: Sollte man bei sich selbst oder einem Angehörigen Symptome oder Anzeichen wahrnehmen, die einen ersten Verdacht nahelegen – bitte unbedingt einen Arzt aufsuchen. Durch spezielle Untersuchungen und Tests lässt sich feststellen, ob und wenn ja, um welche Art und Form der Demenz es sich handelt.
Man unterscheidet in der Regel zwischen der Alzheimer-Krankheit (ungefähr zwei Drittel der an Demenz Erkrankten leiden unter diesem Krankheitsbild), der Vaskulären Demenz (die zweithäufigste Demenzerkrankung), der Lewy-Körperchen-und Parkinson-Demenz sowie weiteren Demenzformen. Nur ein Spezialist kann die exakte Diagnose stellen und darauf aufbauend eine passende Behandlung verordnen, die die Lebenssituation der an Demenz Erkrankten wie auch die ihrer Angehörigen positiv verändern kann. Das Ziel ist, möglichst lange selbstbestimmt leben und handeln zu können. Je früher die Krankheit erkannt wird, desto besser lässt sich ihr Fortschreiten hinausschieben.

Dr. Timo Pauli ist Oberarzt der Gerontopsychiatrie, Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik – Memory Clinic im Vivantes Klinikum Spandau. Wie sind seine Erfahrungen mit Demenz-Patienten im klinischen Alltag?

Redaktion: Mit welchen Symptomen kommen Patienten zu Ihnen?
Dr. Timo Pauli: Viele Menschen kommen wegen Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen zu uns, meist wenn sie bemerken, dass sie Schwierigkeiten haben, ihren Alltag zu bewältigen. Häufige Symptome sind auch Probleme mit der räumlichen Orientierung, z. B. beim Auto oder Bahnfahren. Viele stellen sich aber auch mit Lustlosigkeit, Traurigkeit, Ängsten, Sorgen und Schlaflosigkeit vor. Dann müssen wir herausfinden, ob es sich um Vorboten einer Demenzerkrankung handeln könnte.

Redaktion:  Welche Methoden stehen Ihnen für die Diagnostik zur Verfügung?
Dr. Timo Pauli: Am Anfang steht ein ausführliches Untersuchungsgespräch mit dem Patienten und den Angehörigen. Dann folgen Gedächtnistests. Umfangreiche Laborwerte werden ebenso benötigt wie eine Computer- oder Kernspintomografie des Gehirns. Behandelbare Ursachen von Demenz-Symptomen müssen frühzeitig herausgefiltert werden.

Redaktion: Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es bei einem Demenzbefund?
Dr. Timo Pauli: Bei einigen Formen, beispielsweise der Alzheimer-Demenz, gibt es Medikamente, die die Gedächtnisleistung zeitweise verbessern können. Bei allen Demenzen können die Symptome, die Einfluss auf die Lebensqualität haben, behandelt werden. Daneben sind körperliche und geistige Aktivität sowie soziale Kontakte wichtig. Später müssen Betreuungs- und Unterstützungsangebote gefunden sowie Angehörige beraten und unterstützt werden.

Redaktion: Sie führen eine 18-Betten-Station zur Behandlung von Menschen, die schwer an Demenz erkrankt sind.
Dr. Timo Pauli: Ein erfahrenes Team aus Ärzten, Pflegekräften, Neuropsychologen, Ergo und Physiotherapeuten sowie Sozialarbeitern kümmert sich hier um unsere oft psychiatrisch sowie körperlich schwer kranken Patienten. Wichtig ist uns eine aktivierende und mobilisierende Behandlung, möglichst in Gruppengemeinschaft. Eine große Herausforderung für unser engagiertes Team.

Redaktion: Eine Besonderheit an Ihrer Klinik sind die Gedächtnissprechstunde und die Memory Clinic.
Dr. Timo Pauli: Ja, dort bündeln wir Kompetenz und Erfahrung in der Behandlung von Demenzen und neuropsychiatrischen Erkrankungen. Alle für die Demenzabklärung erforderlichen Untersuchungen können bei uns ambulant, teil oder vollstationär durchgeführt und die Weiterbehandlung dann nahtlos angeschlossen werden.

Redaktion: Eine weitere Sonderleistung ist das sogenannte Home-Treatment-Projekt. Was verbirgt sich dahinter?
Dr. Timo Pauli: Unser Ambulanzteam behandelt Menschen mit Demenz in verschiedenen Spandauer Pflegeeinrichtungen durch Hausbesuche, meist zweimal im Quartal. Den Bewohnern bleibt dadurch der aufwendige, manchmal auch unmögliche Transport zum Arzt erspart. Außerdem wird dieser Patientengruppe so das gesamte Behandlungsangebot unserer Klinik leicht zugänglich.

Redaktion: Kann man Demenz verhindern?
Dr. Timo Pauli: Grundsätzlich verhindern kann man sie nicht. Aktiv bleiben, soziale Kontakte pflegen und gesund leben sind allerdings vorbeugende Maßnahmen. Wenn man bei sich oder Angehörigen Anzeichen festzustellen glaubt – bitte einen Spezialisten zur Abklärung aufsuchen!

Hier finden Sie Informationen und Hilfe:
Auf der Internetseite der Deutschen Alzheimer Gesellschaft e. V. (DAlzG) erhalten Sie weitere Informationen zu Demenz sowie auch Tipps und Adressen, die weiterhelfen. Die DAlzG und ihre Mitgliedsgesellschaften sind Selbsthilfeorganisationen. Sie setzen sich für die Verbesserung der Situation von Menschen mit Demenz und deren Familien ein. www.deutsche-alzheimer.de
Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat einen Wegweiser Demenz eingerichtet. Dort finden Betroffene und Angehörige ebenfalls nützliche Hinweise und umfassende Informationen. www.wegweiser-demenz.de

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Fotos: GettyImages

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