Wieder ganz Ohr

Wie moderne Medizintechnik und eine minimalinvasive Operation bei Schwerhörigkeit und sogar bei Gehörlosigkeit helfen.

Das Motorengeräusch eines heranbrausenden Autos, das Gespräch bei Tisch, die Tochter, die uns etwas zuflüstert, ein Violinkonzert: Ohne unseren Hörsinn entgeht uns vieles, das uns Sicherheit gibt, Freude macht oder unser Miteinander bestimmt. Doch fast jeder kennt jemanden, dessen Gehör eingeschränkt ist. Abfinden muss man sich damit keineswegs. In unserem Interview erklärt Priv.-Doz. Dr. Parwis Mir-Salim, Chefarzt des Vivantes Hörzentrums im Friedrichshain, Risiken für das Gehör, den Nutzen moderner Hörgeräte und Hörimplantate.

Herr Dr. Mir-Salim, welches ist die wichtigste Ursache für Schwerhörigkeit? Es gibt nicht eine Hauptursache, sondern drei. Eine Hörstörung kann angeboren sein oder erst durch eine Lärmbelastung ausgelöst werden. Und natürlich hören viele Menschen im Alter schlechter.

Wie oft kommen angeborene Hörstörungen vor?
Drei bis fünf von 1.000 Neugeborenen haben eine schwere Hörstörung. Es gibt unterschiedliche Arten, manche betreffen die Schallleitung, manche auch das Innenohr. Bei anderen kleinen Patienten sind die Hörzellen funktionslos.

Im Alter lässt das Gehör oft nach. Warum?
Das ist ein normaler physiologischer Prozess, der etwa vom 60. Lebensjahr an beginnt. Wie andere Zellen degenerieren auch unsere Hörzellen.

Welches sind die ersten Anzeichen?
Typischerweise versteht man anfangs Frauen- und Kinderstimmen schlechter, denn die Hörfähigkeit lässt zuerst in höheren Frequenzbereichen nach. Außerdem wird es schwieriger, einem Gespräch mit mehreren Menschen an einem Tisch zu folgen, besonders, wenn dabei Musik läuft. Oft fällt es übrigens anderen früher auf als dem Betroffenen selbst, dass er schlechter hört.

Wenn jüngere Leute schwerhörig werden – liegt es vor allem am Lärm?
Oft ja, und tatsächlich werden die Betroffenen immer jünger. Früher ging Lärmschwerhörigkeit vorwiegend auf Lärm am Arbeitsplatz zurück. Das ist dank der Lärmschutzbestimmungen stark zurückgegangen. Viel häufiger geworden ist die Lärmbelastung durch Musik, in Clubs oder Konzerten. Dort wirken oft 85 Dezibel auf das Gehör; wenn man direkt vor einem Lautsprecher steht, können es bis zu 95 Dezibel sein. Schon nach zehn Minuten besteht dann die Gefahr einer Hörschädigung.

Kann sich eine solche Schädigung von selbst zurückbilden?
Zum Teil ja, das hängt vom Schalldruck ab. Ein dumpfes Gefühl im Ohr nach einem Konzert legt sich meistens von selbst. Aber wenn man sich immer wieder solchem Lärm aussetzt, kann es zu einem dauerhaft schlechteren Hörvermögen kommen. Ich rechne damit, dass die Lärmschwerhörigkeit bei Jüngeren in den nächsten Jahren noch zunehmen wird.

Sie waren Ende Juni nach dem schweren Anschlag auf eine Moschee in Kuwait und haben dort die Ärzte bei der Untersuchung verletzter Opfer unterstützt. Dort haben Sie auch erlebt, was ein extremer Schalldruck durch eine Explosion anrichten kann.
Ja. Eine solche Druckwelle kann auf einen Schlag alle Hörzellen auslöschen. Das lässt sich nicht rückgängig machen. Ich habe auch viele Verletzungen des Trommelfells gesehen. Abgesehen jedoch von den Verletzungen, die mein Fachgebiet betreffen, haben mich die seelischen Traumatisierung der jungen und erwachsenen Menschen sehr betroffen gemacht.

Wie kann man Schwerhörigkeit behandeln, wenn das Gehör nicht vollständig zerstört ist?
Oft hilft ein Hörgerät. Moderne Geräte können auch kleinere Hörverluste inzwischen gut ausgleichen. Dass man immer mehr Jüngere mit einem Hörgerät sieht, liegt aber auch daran, dass wir heute höhere Anforderungen an den Hörsinn stellen als früher. Im Beruf sind Kommunikation und Telefonieren viel wichtiger geworden.

Wann kommt ein Hörimplantat infrage?
Wenn ein Hörgerät nicht ausreicht oder wenn Komplikationen auftreten, sich etwa der Gehörgang immer wieder entzündet. Sogenannte aktive Mittelohrimplantate eignen sich für Patienten mit unterschiedlichen Schwerhörigkeiten. Sie verstärken besonders effektiv die Schwingungen in mittleren und hohen Frequenzen. Dagegen gibt eine Innenohrprothese, ein sogenanntes Cochlea-Implantat, auch bei annähernder oder völliger Gehörlosigkeit ein Sprachverständnis zurück.

Wie funktioniert ein solches Cochlea-Implantat?
Es besteht aus dem Implantat im Innenohr und einem Sprachprozessor mit Mikrofon und Sendespule, der hinter dem Ohr auf der Haut angebracht wird. Der Prozessor wandelt Schallschwingungen in elektrische Signale um und schickt sie zum Implantat. Dieses entschlüsselt sie und leitet sie an die Cochlea, die Hörschnecke. Dort wird der Hörnerv so stimuliert, dass das Gehirn Geräusche, Sprache oder Klang nach einem Lernprozess erkennen kann.

Wie lange dauert das Einsetzen eines Cochlea-Implantats?
Etwa eine Stunde je Ohr, bei Kleinkindern etwas länger. Ich führe die OP minimalinvasiv durch. Der Eingriff ist nicht sehr belastend: Es wird ein kleiner Schnitt unter die Haut gesetzt, der nur geklebt werden muss. Anschließend bleibt der Patient zwei Nächte lang in der Klinik.

Wie geht es danach für die Patienten weiter?
Kinder können meist nach zwei Wochen wieder in die Kita, Erwachsene wieder arbeiten. Aber in den ersten vier Wochen gehen sie einmal wöchentlich in ein Reha-Zentrum. Dort wird ihr Sprachprozessor eingeregelt und ihrem eigenen Hörempfinden angepasst. Außerdem durchlaufen sie ein Hörtraining. Wenn alles gut läuft, reicht später ein Kontrolltermin im Jahr.

Seit Langem ist das Einsetzen von Cochlea-Implantaten bei gehörlosen Kleinkindern eines Ihrer Spezialgebiete. In welchem Alter ist der Eingriff am günstigsten?
Optimal ist eine Operation vor dem ersten Geburtstag. Oft entscheiden sich Eltern dafür, wenn ihr Kind fünf oder sechs Monate alt ist. Je jünger es ist, desto weniger ist es beim Spracherwerb im Nachteil gegenüber normal hörenden Kindern.

Vivantes Hörzentrum
Das Vivantes Hörzentrum im Friedrichshain ist eines der größten spezialisierten Hörzentren in Berlin. Jährlich kommen 600 Patientinnen und Patienten mit Hörstörungen in die Klinik. Rund 900 Operationen am Ohr führt das fünfköpfige Team von Chefarzt Priv.- Doz. Dr. Parwis Mir-Salim derzeit im Jahr durch. Zu den häufigsten Eingriffen gehören die Rekonstruktion von Gehörknöchelchen und Trommelfell, außerdem das Einsetzen von Innenohr-Hörprothesen (Cochlea-Implantat) und von sogenannten aktiven Mittelohr-Implantaten.

Das Interview stammt aus unserem Patientenmagazin „gesund!“ – Ausgabe 3/2015.

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Foto: fotolia.com – Man holding ear to listen 73815012

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