Chance auf Zukunft

Über eine Million Menschen sind allein im letzten Jahr vor allem aus Syrien, Albanien, dem Kosovo, Afghanistan oder Irak nach Deutschland geflüchtet – 80.000 davon nach Berlin. Ihre Fähigkeiten erkennen, ihnen Perspektiven geben – das hat sich das Vivantes Projekt „Geflüchtete werden Mitarbeiter“ auf die Fahnen geschrieben.

Es geht um das Ankommen in einer neuen Gesellschaft, um Selbstbestimmtheit, um das Gefühl, etwas wert und willkommen zu sein – kurz: Es geht um Integration. Wer seine Fähigkeiten einsetzen kann, eine berufliche Perspektive hat, der fühlt sich auch angenommen, er kann auf etwas bauen, sein Leben planen. 80.000 Geflüchtete sind allein im vergangenen Jahr nach Berlin gekommen, von Januar bis März 2016 weitere 12.600. Vivantes hat nun ein Projekt ins Leben gerufen, das die Chance bietet, neue Fachkräfte zu gewinnen und den Geflüchteten Wege ins Berufsleben ebnen soll. „Geflüchtete werden Mitarbeiter“ heißt die Initiative. „Uns geht es darum, den Menschen in Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen und Einrichtungen Perspektiven zu geben“, so Charlotte Kruhøffer, ehemalige Bereichsleiterin Zentrale Organisation am Vivantes Institut für berufliche Bildung im Gesundheitswesen (IbBG) und ehemalige Leiterin des Projekts. „Wir wollen dabei nicht nur eine Durchlaufstation sein, sondern einen nachhaltigen Einstieg ins Berufsleben ermöglichen.“

Orientierung geben

„Wir arbeiten eng mit Kooperationspartnern zusammen, um die Menschen zu finden, die zu uns passen könnten“, so Charlotte Kruhøffer. Der Verein Life e. V. zum Beispiel simuliert Behandlungssituationen mit Schauspielern als Patienten – und schafft so einen Raum zur Berufsorientierung. In Zusammenarbeit mit der Bundesagentur für Arbeit wird Geflüchteten die Möglichkeit angeboten, in den Vivantes Kliniken und Betrieben ein Praktikum zu absolvieren. Somit bekommen sie eine erste Möglichkeit, in vier bis sechs Wochen Pflegeberufe sowie die Berufe Stationsassistent, Patientenbegleiter oder Berufe in der Speiseversorgung ganz praktisch kennenzulernen. Hier kann erst mal Krankenhausluft geschnuppert werden. Ist das überhaupt etwas für mich? Kann ich mir hier eine Zukunft vorstellen? Gleiches möchte ein Projekt von Charité und Vivantes erreichen: Über 30 Geflüchtete im Jahr bekommen die Chance, im Klinikum in Pflegeberufe hineinzuschnuppern – gekoppelt mit Deutschunterricht in der Schule. Auch ein Praktikum ist möglich: Dafür soll es künftig eine zentrale Anlaufstelle geben, die Geflüchtete unbürokratisch in die jeweiligen Kliniken vermittelt.

Türen öffnen

Wer schon weiß, dass die Pflege das Richtige für ihn ist, der kann den nächsten Schritt machen. Zum Beispiel mit einem Pflegebasiskurs im IbBG, der mit einem Bildungsgutschein der Arbeitsagentur besucht werden kann: ein neunmonatiger Kurs, der zu je einem Drittel aus Sprachkurs, Pflege-Theorie und Praxiseinsätzen in den Vivantes Kliniken sowie im Forum für Senioren besteht. Auch die Berufsfachschule Paolo Freire im Zentrum „Überleben“, dessen Träger Vivantes ist, bietet einen sechsmonatigen Pflegekurs mit praktischen Stunden im Forum für Senioren an. Und in Zusammenarbeit mit dem Waldenser Bildungsmarkt ermöglicht Vivantes die Grundausbildung zum Serviceassistenten. „Danach kann es immer weitergehen, mit einem Job bei uns oder einer berufsbegleitenden Ausbildung“, so Charlotte Kruhøffer. Die Mittel zur Finanzierung der Maßnahmen stellt das Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge (BAMF) über das Förderprogramm „Integration durch Qualifizierung (IQ)“ zur Verfügung.

Über Hürden ins Ziel

Die Umsetzung des Großprojektes „Geflüchtete werden Mitarbeiter“ ist nicht immer einfach. Das liegt auch an den Rahmenbedingungen in Deutschland, findet Charlotte Kruhøffer: „Viele Geflüchtete landen nicht sofort in geordneten Verhältnissen. Es gibt das Vorurteil, Menschen anderer Kulturen legten nicht so viel Wert auf Pünktlichkeit wie die Deutschen. Und wenn einer zu spät kommt, heißt es gleich, das sei kulturell bedingt. Manchmal sind es aber ganz praktische Gründe, wenn in den Sammelunterkünften 50 Leute auf eine Dusche warten müssen. Es ist die große Herausforderung, pragmatisch zu bleiben.“ Und es braucht Zeit, alle Teilprojekte zum Leben zu erwecken. „Umso schöner ist es, wenn sich dann die ersten Erfolgsgeschichten erzählen lassen“, so die Projektleiterin. Wie die von einer jungen Frau aus Somalia, die erfolgreich ihre Pobezeit als Auszubildende zur Gesundheits- und Krankenpflegerin bestanden hat. Oder die von zwei syrischen Jugendlichen aus einer Willkommensklasse einer Berliner Schule. Sie absolvierten im Klinikum Neukölln ein dreiwöchiges Betriebspraktikum und werden noch dieses Jahr, wenn sie erfolgreich die Schule abgeschlossen haben, eine zweijährige Ausbildung zum/zur Sozialassistent/in Pflege bei Vivantes beginnen. Oder die von einem syrischen Arzt, der ein halbes Jahr lang in der Neurologie des Klinikums Spandau hospitiert und Unterstützung bekommt, seine Approbation zu erlangen. Und ein Mann aus Eritrea machte im Rahmen eines staatlichen Migrationskurses ein vierwöchiges Praktikum im Klinikum im Friedrichshain und wird nun im Sommer den Pflegebasiskurs beginnen. „Sie alle haben einen Weg bei uns vor sich“, freut sich Charlotte Kruhøffer. Mitarbeiter und Patienten von Vivantes unterstützen dabei, dass Geflüchtete Mitarbeiter werden – „mit einem großen Verständnis und einer Offenheit für Vielfalt und Integration“.

Adressen und Links

• „Berlin braucht dich“ – Berufsorientierung für Jugendliche mit Migrationshintergrund
www.bqn-berlin.de
• Vivantes Institut für berufliche Bildung im Gesundheitswesen
http://www.vivantes.de/karriere-ausbildung
• Ausbildungsangebote im sozialpflegerischen Bereich bei der Berufsfachschule Paolo Freire
www.pflege-lernen.de
• Angebote zur Weiterbildung und Berufsorientierung des Vereins Life e. V.
www.life-online.de

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Dieser Artikel ist in unserem Patientenmagazin „gesund! Leben in Berlin“ in der Ausgabe 02.2016 erschienen.
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Illustration: Adrian Sonnberger 

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