Es geht um den Patienten

Das Wohl des Patienten ist der Maßstab für die Arbeit in den Vivantes Kliniken. Oft beinhalten Entscheidungen, die aus medizinischer Sicht getroffen werden, aber auch ethische Aspekte. Die können bei den Behandelnden für Konflikte sorgen. Bei der Suche nach Lösungen hilft das Ethikkomitee.

„Um einen respektvollen Umgang mit ethischen Werten zu wahren und zu stärken, setze ich mich im Ethikkomitee ein. Denn der Patient als sozial und kulturell geprägter Mensch steht im Fokus unseres Handelns.“ Dr. Claudia Altermann, Vorsitzende des Ethikkomitees im Vivantes Klinikum im Friedrichshain

Geht es zum Beispiel um die Begrenzung einer Therapie oder um die Begleitung eines Sterbenden, dann ist es möglich, dass Behandelnde und Betreuende in Konfliktsituationen geraten. Eine interne Ethikberatung bietet in so einem Fall Hilfe. Die vom Konflikt Betroffenen, die ratsuchenden Personen – Patienten, Angehörige, Pflegepersonal, Ärzte – können im Rahmen einer solchen Beratung ihre Fragen an Experten richten, die sich fundiert mit der Thematik befassen und Empfehlungen aussprechen können. Durch diese Unterstützung lassen sich problematische Entscheidungen rationaler und befriedigender treffen. Außerdem vermittelt es den Ratsuchenden mehr Sicherheit und gibt ihnen das Gefühl, in ethischen Fragen nicht auf sich allein gestellt zu sein und im Rahmen eines gemeinsamen Werteverständnisses zu handeln.

Dr. Claudia Altermann ist Fachärztin für Anästhesiologie und Intensivmedizin sowie Tauchärztin der Gesellschaft für Tauch- und Überdruckmedizin (GTÜM). Zusätzlich bekleidet sie das Amt der Vorsitzenden des Ethikkomitees im Vivantes Klinikum im Friedrichshain (KFH). Ethikkomitees sind an allen Standorten der Vivantes Kliniken vertreten, deren Vorsitzende und stellvertretende Vorsitzende bilden den übergeordneten Ethikrat von Vivantes. Gemeinsam mit einem engagierten zwölfköpfigen Team führt Claudia Altermann Ethikberatungen durch, kümmert sich um Seelsorge-Visiten auf den Intensivstationen und klärt auf über den Umgang mit Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten.

gesund! fragte Claudia Altermann: Warum ist die Arbeit des Ethikkomitees so wichtig?
„Die Arbeit auf einer hochmodernen Intensivstation erfordert unbedingt ein ethisches Verständnis und ethisches Handeln. Denn auch die fortschrittlichste Medizin stößt irgendwann an ihre Grenzen, und menschliche Zuwendung ist durch nichts zu ersetzen. Wir werden häufig mit Schicksalsschlägen konfrontiert. Dabei erleben wir oft die Überforderung von Patienten und Angehörigen – bei der Stellung der Diagnose und den dann anstehenden Entscheidungen. Manchmal ist es für alle Beteiligten sehr schwer, vor dem Hintergrund des ‚medizinisch Machbaren‘ den mutmaßlichen Patientenwillen herauszustellen. Mitunter wird eine Vertrauensbasis dabei in Frage gestellt und eine offene Gesprächsbereitschaft geht verloren.“

Was genau macht das Ethikkomitee?
Vertreter aus unterschiedlichen Bereichen bilden das Komitee: Pflege, Intensiv- und Palliativmedizin, Rettungsstellen, Anästhesie, Seelsorge und Psychologie. Unabhängig von einzelnen Beratungsanforderungen treffen sich die Komiteemitglieder vier Mal jährlich zu Besprechungen und Vorträgen, zum Erfahrungsaustausch. Gemeinsam werden Standards und Leitlinien erarbeitet, die in die Beratungen einfließen.

Claudia Altermann: „Die Arbeit im Ethikkomitee ist eine wichtige Aufgabe und ein Qualitätsmerkmal von Vivantes. Um beides sicherzustellen, arbeiten wir alle sehr intensiv miteinander.“ Wird das Komitee um eine Beratung gebeten, kommen Vertreter aus dem betroffenen Umfeld zusammen – Mitarbeiter aus der Station, Angehörige, aber auch Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen. Der Patient selbst ist meist nicht dabei. Einige müssen intensivmedizinisch behandelt werden und sind nicht bei Bewusstsein.

„Wir besuchen vorher jeden Patienten persönlich, um uns einen Eindruck zu verschaffen.“ Mindestens die Hälfte der Komiteemitglieder sollten sich zur Beratung zusammenfinden, ein gewählter Moderator übernimmt die Leitung. Grundsätzlich erfolgt zunächst eine klinische Fallvorstellung, anschließend eine Konfliktdarstellung. Wo genau liegt das Problem? Erfahrungsgemäß sind einige Konflikte auf eine misslungene Kommunikation zurückzuführen, andere Fälle erfordern eine tiefergehende Analyse. Der Anspruch des Komitees: möglichst innerhalb von zwei Tagen, spätestens jedoch nach einer Woche eine Empfehlung für eine Konfliktlösung aussprechen zu können.

Welche Entscheidung ist die richtige?
Dr. Claudia Altermann berichtet über den Fall eines Patienten, der das Ethikkomitee beschäftigt hat. Die Ausgangssituation: Der Mann mit Trisomie 21 ist Mitte 40. Seine Mutter, inzwischen 70 Jahre alt, hatte ihn vor längerer Zeit bereits in eine Pflegeeinrichtung gegeben – sie fühlte sich mit der Betreuung überfordert. Allerdings übt sie weiterhin die rechtliche Betreuung aus, entscheidet für ihren Sohn und fühlt sich für ihn verantwortlich. Nun erkrankt der Sohn an einer schweren Lungenentzündung, muss an medizinische Geräte angeschlossen werden, um leben zu können. Die Mutter bittet darum, diese Geräte abzustellen. Sie sieht in den lebenserhaltenden Maßnahmen keinen Sinn mehr. Eine gegenteilige Meinung vertreten die Betreuer des Patienten aus der Pflegeeinrichtung. Aus dem täglichen Miteinander haben sie für sich die Erkenntnis gewonnen, dass der Patient sein bisheriges Leben als erfüllt und glücklich beurteilen würde, bescheinigen ihm eine lebhafte Teilnahme an seiner Umgebung und seinem Umfeld. Eine Konfliktsituation – welche Entscheidung ist die richtige? Das Ethikkomitee berät; auch darüber, ob nicht doch ein Gericht eingeschaltet werden müsse, um diesen Fall im Sinne des Patientenwohls zu klären.

www.vivantes.de/ethik


Dieser Beitrag stamm aus unserem Patientemagazin „gesund! Leben in Berlin“ – Ausgabe 02/2016


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