Hebammen sind keine Kräuterhexen, wie manch einer denkt…

In diesem Jahr geht es in der Hebammenschule am Vivantes Institut für berufliche Bildung im Gesundheitswesen in Neukölln ausnahmsweise nicht nur um Geburten, sondern auch um einen runden Geburtstag: Seit 100 Jahren werden in der Einrichtung Hebammen ausgebildet, seither bereits über 2.000. Am 01.07.1917 wurde die Schule eröffnet.

Nicole Emmerich ist im dritten Jahr Auszubildende zur Hebamme am Vivantes Institut für berufliche Bildung im Gesundheitswesen (IbBG). Bei Vivantes ist die Hebammenschule seit 2002 am IbBG angesiedelt. Wie alt das Berufsbild als solches ist, davon zeugen schon Tempelmalereien aus dem dritten Jahrtausend vor Christus. Aber die Geburtshilfe unterliegt bis heute einem ständigen Wandel. Darüber, und wie Nicole Emmerich selbst zur Hebammen-Schülerin wurde, berichtet sie im Gespräch.

War es für Sie ein Kindheitstraum Hebamme zu werden? Oder wie entstand Ihr Wunsch?

Während eines freiwilligen sozialen Jahres nach dem Abi in einer Kita lernte ich eine Mutter kennen. Sie schwärmte von der Hebamme ihrer Zwillinge –das hat mich neugierig gemacht. Ich informierte mich über den Beruf und stellte fest, dass er genau das ermöglicht, was ich immer wollte: Einen Bezug zur Medizin, engen Kontakt zu Menschen und eigenverantwortliches Arbeiten. In Weimar absolvierte ich daraufhin ein Praktikum auf einer Wöchnerinnenstation und bewarb mich dann bei Vivantes – mit Erfolg.

Was reizt sie, nach ihren ersten Erfahrungen, an diesem Beruf?

Mich reizen die intimen und nie ganz vorhersehbaren Situationen, in denen man mit Frauen und ihren Familien, aber auch mit verschiedenen Teams interagiert. Immer wieder ist die eigene Flexibilität gefragt und jede Phase ist wieder völlig anders – von der Schwangerschaft, über die Geburt bis hin zum Wochenbett. Gerade im „Externat“ bei der außerklinischen Begleitung habe ich festgestellt, wie anders Frauen vor, während und nach der Geburt sind. Man kommt sich – gerade im häuslichen Bereich – sehr nahe und es war sehr schön sie zu unterstützen.

Wie gefällt Ihnen die Ausbildung?

Bis jetzt klappt die Verbindung von Theorie und Praxismodulen gut. Ich bekam die Inhalte immer „pünktlich“ zur praktischen Anwendung. Im ersten Jahr kommt man vor allem zur Beobachtung in den Kreissaal, kann Puls, Blutdruck und Temperatur messen – aber zum Ende des ersten Lehrjahres lernten wir beispielsweise schon – am sogenannten „geburtshilflichen Phantom“ (einem Modell des Beckens) – wie man den „Dammschutz“ vorbereitet und durchführt.

Gab es in der Praxis im Kreissaal auch besondere Momente – vielleicht auch Momente, in denen Sie die Luft anhalten mussten?

Ein bisschen halte ich noch bei jeder Geburt die Luft an; schon allein, weil es so unglaublich ist. Natürlich gab es auch Notfallsituationen. Aber ich persönlich habe festgestellt, dass ich in solchen Augenblicken sehr auf die Arbeit konzentriert bin – ich habe einfach agiert und reagiert. Das Bewusstsein kam erst im Nachhinein: was ist hier passiert? Es gab schwere, berührende Momente, wie ein Fehlgeburt, oder eine vorzeitige Lösung. Aber vor allem schöne Momente. Zum Beispiel, als bei einer Wannengeburt der Vater das Kind direkt in Empfang genommen hat. Überhaupt auch immer der Moment, in dem die Frauen ihr Baby begrüßen.

Sie haben in der Ausbildung viele angehende Hebammen kennengelernt. Gibt es eine typische Vertreterin dieses Berufs?

Sicher spielt Empathie für uns alle eine wichtige Rolle. Ansonsten haben sich die Klischee-Vorstellungen von der verträumten Hebamme, der Öko-Frau oder der Kräuterhexe überhaupt nicht bewahrheitet. Bei uns gibt es jüngere und ältere Auszubildende, Mütter und Nicht-Mütter und jede hat eine andere Vorstellung von der Ideal-Geburt.

Wie geht es nach der Ausbildung weiter?

Ich würde mich gern im Vivantes Klinikum im Friedrichshain bewerben. Irgendwann steht auch meine eigene Familienplanung an – aber auch ein Leben als Freiberuflerin könnte ich mir vorstellen, selbst wenn die Organisation der außerklinischen Arbeit eine Herausforderung ist.

Was hat sich für die Geburtshilfe aus Ihrer Sicht in den letzten Jahren verändert?

Es gibt stetig neue Studien im Geburtshilfebereich und große Entwicklungen, insbesondere was medizinische Standards und die verbesserten Möglichkeiten betrifft, Schwangere und junge Mütter zu betreuen.  Ich habe festgestellt, dass Frauen mit positiven Schwangerschaftstest sofort zum Arzt gehen – wenn sie früher eher eine Hebamme aufgesucht haben. Wir sehen auch, dass es durch CTGs nicht weniger Komplikationen gibt, aber durchaus mehr Kaiserschnitte. Das ist aus meiner Sicht eine negative Nebenerscheinung.

Unabhängig von den medizinischen Innovationen finde ich es wichtig, dass der Aufklärung und dem Gespräch mehr Raum eingeräumt wird, dafür will ich mich stark machen, wenn ich mit der Ausbildung fertig bin.


Neue Ausstellung „100 Jahre Hebammenschule“

Das Museum Neukölln zeichnet mit Fotos und Dokumenten die Geschichte von „100 Jahren Hebammenschule“ nach. Die Ausstellung wird an folgenden Standorten zu sehen sein:

  • 18.09.-22.10.17 Rotunde des Mutter-Kind-Zentrums im Vivantes Klinikum Neukölln
  • 23.10.-19.11.17 Vivantes Klinikum am Friedrichshain
  • 20.11.-15.12.17 Vivantes Klinikum Am Urban

Impressionen der 100-Jahr-Feier der Hebammenschule


Weitere Informationen: 100 Jahre Hebammenschule Pressemitteilung


Fotos: Reiner Freese

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