„Ich wurde sehr herzlich aufgenommen“

Seit einem Jahr ist der Spanier José Luis Moreno Sotos im Zentrum für Infektiologie und HIV im Vivantes Auguste Viktoria Klinikum angestellt. Zusätzlich arbeitet er im Medical Center auf dem Tempelhofer Feld, wo Geflüchtete medizinisch versorgt werden. Warum er sich für eine Migration nach Deutschland entschieden hat und wie er bei Vivantes aufgenommen wurde, hat er im Interview erzählt.

Herr Sotos, was waren Ihre Beweggründe, nach Deutschland zu kommen?

Ich habe meine Ausbildung zum Pfleger in Spanien gemacht. Wie in fast allen europäischen Ländern ist Pflege in Spanien ein Universitätsstudium, genau wie Medizin. Neben meiner Arbeit in verschiedenen Praxen und Kliniken als Pfleger habe ich einen Master in Pflegewissenschaften gemacht und für einige Zeit in einer Forschungsgruppe gearbeitet. Als Spanien 2013 von der großen Wirtschaftskrise getroffen wurde, mussten die Krankenhäuser viele Mitarbeiter entlassen. Das betraf in erster Linie Jüngere wie mich. Bei einem Kongress bekam ich Kontakt zu einer deutschen Klinik in Kreischa bei Dresden. 2014 habe ich dort als Pfleger angefangen.

Wie kamen Sie dann nach Berlin?

Ich habe zunächst einen dreimonatigen Deutschkurs gemacht. Danach hatte ich zwar Grundkenntnisse der Sprache, aber habe natürlich noch nicht fließend Deutsch gesprochen. Deswegen durfte ich in der Klinik nur Grundpflege machen, wie zum Beispiel die Patienten waschen. Das fand ich mit meinem Ausbildungshintergrund auf die Dauer zu wenig. Und auch wenn ich dort keine wirkliche Fremdenfeindlichkeit erlebt habe, konnte ich doch immer ein gewisses Misstrauen gegenüber mir als Ausländer spüren.

Berlin hatte ich schon einige Male besucht und die ganze Atmosphäre als viel offener und toleranter empfunden. Hier bekam ich dann über das Arbeitsamt die Chance, noch einmal einen knapp sechsmonatigen Deutschkurs zu machen. Das Besondere an dem Kurs war, dass wir explizit medizinisches Vokabular gelernt haben und zwei medizinische Praktika inbegriffen waren. Eine der Praxen, die ich durch das Praktikum kennengelernt hatte, hat mich dann auch übernommen. Aber nach einer Weile wollte ich mich gerne weiterentwickeln und habe mich Ende 2015 bei Vivantes beworben, wo ich dann im Februar 2016 in der Tagesklinik für Infektiologie und HIV anfangen konnte.

Was waren Ihre ersten Erfahrungen bei Vivantes – wie wurden Sie aufgenommen?

Ich wurde in der Tagesklinik sehr herzlich aufgenommen. Meine Stationsleiterin hat selbst für einige Zeit in Spanien gelebt. Aber auch alle anderen haben mich immer unterstützt und mir geholfen, wenn ich anfangs noch mit der Sprache Probleme hatte. Auch die Arbeit macht mir viel Spaß, weil ich sehr eigenverantwortlich arbeiten darf. Dafür bin ich sehr dankbar.

Derzeit arbeiten Sie im Medical Center auf dem Tempelhofer Feld. Wie kann man sich die Arbeit mit den Geflüchteten konkret vorstellen?

Ja, nach einem Monat bin ich ins Medical Center gewechselt. Damals lebten in den Hangars des ehemaligen Flughafens zeitweise bis zu 1.500 Menschen, deswegen war der Bedarf an medizinischer Versorgung groß. Wir hatten hier im letzten Jahr bis zu 80 Patienten täglich.

Mit welcher Art Erkrankungen hatten Sie es zu tun?

Das waren gar nicht so viele außergewöhnliche Erkrankungen wie man vielleicht denken mag. Anfangs hatten wir viele Patienten mit Krätze, Läusen, Windpocken und Hepatitis A. Zwischenzeitlich gab es auch einige Patienten mit Haut-Abszessen und Tuberkulose. Aber ansonsten waren es hauptsächlich Erkrankungen, wie sie in jeder Hausarztpraxis behandelt werden wie Atemwegsinfekte oder dergleichen. Im Prinzip kann man sich den Medical Center wie eine große Arztpraxis vorstellen, in der verschiedene Fachrichtungen unter einem Dach arbeiten. Sehr spannend fand ich die große Impfkampagne des Senats: Hier haben wir in kurzer Zeit hunderte von Menschen mit den Grundimpfungen immunisiert.

Die Zusammenarbeit im Team hat auch im Medical Center viel Spaß gemacht. Mit den Patienten, die hauptsächlich aus dem arabischen, iranischen und afghanischen Raum kamen, haben wir über Dolmetscher kommuniziert. Es hat am Anfang etwas gedauert, bis sich alle Prozesse eingespielt hatten, aber jetzt läuft es sehr gut.

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft? Wollen Sie in Deutschland bleiben?

Erstmal auf jeden Fall. Unsere Arbeitsbelastung hier in Tempelhof hat deutlich abgenommen, seitdem nicht mehr so viele Geflüchtete in den Hangars leben. Deswegen fange ich ab April wieder Vollzeit in der Tagesklinik an, worauf ich mich sehr freue.

In etwas fernerer Zukunft könnte ich mir auch gut vorstellen in der OP-Pflege oder der Intensivstation zu arbeiten. Ein Traum ist, meine Doktorarbeit zu schreiben. Ich habe in Spanien ja meinen Master gemacht, der mich für die Promotion qualifiziert. Dann wäre ich hier in Deutschland einer der wenigen Pflegenden mit Doktortitel – was in Spanien übrigens gar nicht so unüblich ist. Das fände ich toll!


Foto: Fotolia.com © Rawpixel

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