Kein Täter werden

Anlaufstelle für sexuell auffällige Jugendliche

„Du träumst von ihnen“ heißt ein gemeinschaftliches Präventionsprojekt der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Vivantes Klinikum im Friedrichshain und dem Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité Berlin.

Das Präventionsangebot ist als diagnostisches und therapeutisches Versorgungsangebot konzipiert und richtet sich an sexuell auffällige Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren, die sich sexuell zu Minderjährigen hingezogen fühlen und zum Teil bereits sexuell übergriffig geworden sind. Therapeutische Maßnahmen sollen ihnen dabei helfen, ihr Verhalten zu kontrollieren. Ziel ist es, den sexuellen Missbrauch von Kindern sowie den Konsum von kinder-pornografischen Materialien zu verhindern.

Irgendetwas läuft bei mir anders

Tobias Hellenschmidt, Sexualmediziner und leitender Oberarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Vivantes im Friedrichshain leitet gemeinsam mit Prof. Dr. med. Dr. phil. Klaus M. Beier, Direktor des Institutes für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité, das Präventionsprojekt für Jugendliche „Du träumst von ihnen“.

Das Präventionsangebot richtet sich an Jugendliche im Alter von 12 bis 18 Jahren mit sexuellen Phantasien oder Verhaltensweisen, die auf Kinder bezogen sind. Das Projekt macht ein diagnostisches Angebot zur Klärung der Hintergrundproblematik, die in einer sexuellen Präferenzausrichtung auf Kinder bestehen kann. Werden Hinweise auf diese ermittelt, sollen die Jugendlichen möglichst früh in ihrer Entwicklung Unterstützung bei der Bewältigung und Kontrolle ihrer auf Kinder gerichteten sexuellen Wünsche und Bedürfnisse erhalten.

Hellenschmidt erklärt, warum das Projekt sich auf die Gruppe der 12- bis 18-Jährigen konzentriert: „Der Bedarf an Hilfe für sexuell auffällige Jugendliche ist groß. Wenn die Jugendlichen bemerken, dass sie von kindlichen Körpern erregt werden, darüber aber mit niemandem sprechen können, dann brauchen sie eine Person ihres Vertrauens, eine Anlaufstelle für Beratung und Therapie. So können sie lernen, ihr Verhalten zu kontrollieren, damit sie Kindern gegenüber nicht übergriffig werden.“

Entstehung des Projektes

Das Projekt fußt auf klinischen Erfahrungen und Erkenntnissen, die im „Präventionsprojekt Dunkelfeld (PPD)“ gesammelt wurden (vgl. www.kein-taeter-werden.de). Dieses ebenfalls am Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin gegründete Projekt läuft seit 2005 und richtet sich an Erwachsene mit einer sexuellen Präferenz für Kinder. Rund 2.000 Männer meldeten sich seitdem, jeder zweite von ihnen hatte zuvor vergeblich Hilfe gesucht. Ein Therapieangebot erhielten 400 von ihnen, 180 traten sie an. Inzwischen haben rund 100 von ihnen die Therapie abgeschlossen. Ihr Durchschnittsalter liegt bei 37 Jahren.

Im Laufe der Zeit wurden zunehmend 15- bis 17-Jährige am Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin vorgestellt. Hier sahen die Projektmitarbeiter Handlungsbedarf. „Ein Jugendlicher hat noch Entwicklungsperspektiven, auch therapeutisch. Bei einem Mittfünfziger, der einen Übergriff begangen hat und seitdem mit seinen sexuellen Fantasien lebt, sind die Einflussmöglichkeiten nicht mehr so gut“, sagt Tobias Hellenschmidt.

Die im Präventionsprojekt Dunkelfeld vorstellig gewordenen Erwachsenen mit einer sexuellen Ansprechbarkeit für das kindliche Körperschema im Sinne einer Pädophilie berichteten darüber hinaus häufig, dass sie bereits im Jugendalter ihre sexuelle Präferenz feststellten sowie teilweise in dieser Lebensphase Übergriffe begangen hatten. Beinahe alle Patienten äußerten überdies, dass sie sich frühzeitiger eine therapeutische Ansprache und Hilfe gewünscht hätten, um Handlungsstrategien zu entwickeln, ihre eigene sexuelle Präferenz nicht auszuleben und Verantwortung in kritischen Situationen zu übernehmen.

Prof. Dr. med. Dr. phil. Klaus M. Beier stellt ebenfalls Logik und Kontinuität als ein wesentliches Handlungsmotiv heraus: „Wir haben aus dem erfolgreichen Projekt ‚Kein Täter werden‘, das für erwachsene pädophile Männer konzipiert worden ist, die Erkenntnis gewonnen, dass wir so früh wie möglich therapeutische Hilfe anbieten sollten. Erwachsene mit dieser sexuelle Neigung verweisen immer wieder auf den Beginn ihrer auf Kinder bezogenen sexuell erregenden Fantasien im Jugendalter, und tatsächlich können auch Jugendliche aufgrund ihrer sexuellen Ansprechbarkeit durch den kindlichen Körper zu Tätern werden. Der Großteil aller Fälle wird den Ermittlungsbehörden aber gar nicht bekannt, sondern findet im so genannten Dunkelfeld statt. Wir wissen, dass rechtzeitige Hilfe möglich ist und damit auch ein selbstbestimmtes Leben ohne Übergriffe oder die Nutzung von Missbrauchsabbildungen im Internet.“

Projektziel

Das Ziel des Präventionsprojekts fasst Herr Hellenschmidt so zusammen: „Im Anschluss an die Diagnostik stehen Therapiegespräche im Mittelpunkt, die bei den Jugendlichen die Akzeptanz für die eigene Sexualität wecken und schulen. Wir wollen ihnen Handlungsoptionen für den Alltag aufzeigen. Ziel ist nicht die „Heilung“, sondern konkrete Hilfestellung. Vielmehr geht es darum, ein Leben lang die Kontrolle über die eigenen sexuellen Impulse zu gewinnen.“ Deshalb sei es besonders wichtig, dass die Eltern mit einbezogen würden, um ihr Kind bei der Therapie zu begleiten und zu unterstützen. Diese sind in der Regel nicht auf die Problematik vorbereitet und entsprechend hilflos.

Darüber hinaus ist „eine sorgfältige kinder- und jugendpsychiatrische Diagnostik erforderlich, um den Entwicklungsaspekten der Jugendlichen ausreichend Rechnung zu tragen“, betont Herr Hellenschmidt.

Kern des Angebotes sind Therapiegespräche, die das Bewusstsein und die Akzeptanz für die eigene Sexualität wecken, schulen und Handlungsoptionen anbieten sowie im Alltag anwendbar machen sollen. Konkret sollen die Jugendlichen lernen, ihr Verhalten in möglichen Gefahrensituationen sozial angemessen zu kontrollieren. Dies gilt auch für die Nutzung von Missbrauchsabbildungen.

Das Projektteam versucht, die junge Altersgruppe in ihren alltäglichen Erlebniswelten zu erreichen. Dabei spielt das Internet eine wichtige Rolle. Über eine multimedial gestaltete Website wird das kostenlose und unter Schweigepflicht stattfindende Hilfsprojekt von Vivantes und Charité vorgestellt. Zusätzlich ist es geplant, mit Plakaten auf das Angebot aufmerksam zu machen.

Hier geht es zur Website des Projekts: du-traeumst-von-ihnen.de

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