MedPunkt im Flughafen Tempelhof

16_05 Medpunkt THF Lindner_Weber_blog

Dr. Lindner (links), Dr. Weber (rechts)

Seit Anfang 2016 sind die Vivantes-Infektiologen Dr. Andreas Lindner und Dr. Christoph Weber im Rahmen ihrer regulären Tätigkeit auch  im Medpunkt am ehemaligen Flughafen Tempelhof eingesetzt. Nach einer großangelegten Impfkampagne sind beide nun dort in die medizinische Versorgung von 1.300 Geflüchteten eingebunden. Demnächst soll der Medpunkt seinen provisorischen Standort verlassen und neue Räume beziehen.





Frage: Sie beide arbeiten eigentlich als Fachärzte in der Klinik für Infektiologie im Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum. Warum haben Sie sich für den Einsatz im Medpunkt gemeldet?

Dr. Weber: Eigentlich aus humanitären Gründen! Ich wollte einfach, dass die Leute, die hierher fliehen mussten, mit dem Notwendigen gut versorgt werden. Dazu gehörte unbedingt auch das Impfen! Unsere Sorge war übrigens nicht, dass die Leute Keime mitbringen, sondern dass sie sich hier im Umfeld anstecken könnten, z.B. mit Windpocken. Damals waren hier 2.300 Leute untergebracht. Nicht auszudenken, wenn uns eine Infektionswelle überrollt hätte…

Dr. Lindner:  Ich habe einen tropenmedizinischen Hintergrund und habe schon mehrere Einsätze für „Ärzte ohne Grenzen“ mitgemacht. Insofern hatte ich schon Kontakte zur Flüchtlingsmedizin, .d.h. zu einem anderen Krankheitsspektrum je nach Herkunftsland und anderen kulturellen Hintergründen. Dazu gehört z.B. Malaria, aber auch Erkrankungen, die durch die prekären Lebensverhältnisse während der Flucht entstehen. Wir können hier zwar nicht alles behandeln, aber wir haben eine wichtige Filter- und Verteilerfunktion, um die Leute bei Bedarf zur Behandlung an die richtigen Stellen weiter zu leiten.

Was unterscheidet die Arbeit im Medpunkt von der regulären Arbeit in der Klinik?

Dr. Lindner: Man ist nicht nur Arzt, sondern auch Sozialarbeiter. Wenn wir jemanden zur Weiterbehandlung ins Klinikum schicken, müssen wir alles mit bedenken vom Übersetzer bis zur Busfahrkarte, sonst gehen unsere Patienten  im System verloren.

Dr. Weber: Ja, dieser Ansatz des multiplen Denkens ist eine spannende Herausforderung: Man muss aus Sicht der Patienten rangehen. Da sind andere Länder übrigens schon viel weiter.

Welche Erfahrung hat Sie besonders beeindruckt?

Dr. Weber: Als wir hier Anfang des Jahres den Medpunkt einrichteten und auf die Schnelle fast 1.500 Leute impfen mussten, haben wir unheimlich viel Unterstützung bekommen. Vivantes hat uns organisatorisch auf allen Ebenen extrem pragmatisch unterstützt! Echt super! Aber vor allem auch unser Netzwerk (das Schöneberger Modell) aus der Infektiologie: Es haben so schnell so viele niedergelassene Ärztinnen und Ärzte Hilfe angeboten, das war beeindruckend! Ruckzuck hatten wir 60 Unterstützer zusammen und haben 6 Tage die Woche 20 Tage lang praktisch durchgeimpft. Die Kollegen wussten, jetzt werden sie gebraucht. Und sie waren da! Das hat mir die Tränen in die Augen getrieben! Das war klasse!

Ist der Umgang mit den Patientinnen und Patienten in der Flüchtlingsunterkunft mit Ihnen anders?

Dr. Lindner: Man trifft schon viel existenzieller aufeinander! Neulich war ein Mann hier, eigentlich nur zum Blutdruckmessen, der fing an zu weinen: Zwei seiner Töchter wurden im Krieg entführt. Ich habe selbst zwei Töchter. Wahnsinn!

Dr. Weber: Viele haben großen Respekt vor uns Ärzten, eine Arbeit mit Geflüchteten ist daher sehr angenehm. Aber „die Flüchtlinge“ gibt es sowieso nicht. Es gibt Ahmed und Hussein und Yasemin, und alle haben ihre eigene Geschichte und ihre ganz persönlichen Erlebnisse. Das wird in der öffentlichen Diskussion immer völlig ausgeblendet, wenn über „die Flüchtlinge“ als Masse geredet wird. Das stört mich sehr. Aber auch diese einseitigen Opferklischees! Neulich standen hier fünf Frauen mit Kopftuch, fröhlich und sehr selbstbewusst. Ich möchte nicht wissen, was die hinter sich haben, aber das waren totale Powerfrauen! Super!

Dr. Lindner: Ich empfinde es jedenfalls als große Bereicherung hier in diesem Projekt zu arbeiten!

Viel Erfolg weiterhin und vielen Dank für das Gespräch!

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Foto Hände: Fotolia_31129710_M_Haende_© Nelos

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