Schilddrüsenerkrankungen bleiben oft lange unerkannt

Ein Drittel aller Berliner leidet an einer Schilddrüsen-Erkrankung. Das kleine schmetterlingsförmige Organ sitzt im vorderen Halsbereich und ist für die wichtigsten Stoffwechselvorgänge in unserem Körper zuständig. Durch die Hormone, die sie ausschüttet, steuert sie die Funktion fast aller Organe, hat Einfluss auf Kreislauf, Wachstum und sogar unsere Psyche. Ist mit der Schilddrüse etwas nicht in Ordnung, können die unterschiedlichsten Erkrankungen die Folge sein.

Überfunktion ist die häufigste StörungVivantes_Schilddrüse

In der Schilddrüse entstehen die wichtigen Hormone T3 (Trijodthyronin) und T4 (Thyroxin). Gibt die Schilddrüse zuviel oder zuwenig dieser Hormone an den Körper ab, treten unterschiedliche Symptome auf. Häufigste Störung ist die Überfunktion – die Schilddrüse gibt zu viele Hormone ab. „In diesen Fall sind die Patienten nervös und gereizt, auch Gewichtsverlust ist möglich“, erklärt Dr. med. Eric Herzig, Facharzt für Nuklearmedizin am Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) im Vivantes Klinikum am Friedrichshain. „In manchen Fällen ist diese Vergrößerung der Schilddrüse auch von außen sichtbar. In diesem Fall spricht man im Volksmund vom ‚Kropf’.“ Ursache für eine Überfunktion der Schilddrüse ist Jodmangel. Für die Hormonproduktion braucht die Schilddrüse Jod, das nur über die Nahrung aufgenommen werden. Ist dies nicht der Fall, vergrößert sich die Schilddrüse, um auch noch das kleinste Jodteilchen aus der Blutbahn aufzusaugen.

Auch die Autoimmunerkrankung Morbus Basedow kann Auslöser für eine Überfunktion sein. Sie leitet das Immunsystem in die Irre, die Schilddrüse wird plötzlich als Fremdkörper wahrgenommen.

Eine weitere Störung ist die Unterfunktion der Schilddrüse. „Hier werden zu wenig Hormone produziert, die Leistungsfähigkeit nimmt ab“, sagt Dr. Herzig. „Die Patienten fühlen sich schlapp, sind müde, frieren und nehmen ohne ersichtlichen Grund zu.“ Auch hier kann eine Autoimmunerkrankung mit im Spiel sein, die Hashimoto-Thyreoiditis, die eine chronische Entzündung der Schilddrüse verursacht.

Schilddrüsenkrebs ist die häufigste Krebserkrankung unter den hormonbildenden (endokrinen) Organen. Bei knapp 6.000 Menschen in Deutschland wird jedes Jahr ein Schilddrüsenkarzinom diagnostiziert. „Frauen sind dreimal häufiger betroffen“, erklärt Facharzt Herzig. „ Die Ursachen für die Entstehung sind zwar nicht vollständig geklärt, aber in den meisten Fällen ist die Erkrankung gut heilbar.“

Diagnose und Therapie

Besteht der Verdacht auf eine Störung der Schilddrüsenfunktion, wird zunächst der TSH-Wert im Blut überprüft. TSH ist das Hormon, das die Schilddrüse anregt, die Hormone T3 und T4 zu produzieren. Auch Schilddrüsen-Antikörper, die eine Autoimmunerkrankung anzeigen, können durch den Bluttest nachgewiesen werden.

„Zeigt sich hier ein veränderter Wert, sehen wir anschließend im Ultraschall (Sonografie), ob sich die Größe oder Beschaffenheit des Gewebes verändert hat“, sagt Dr. Herzig. Wird hier ein Knoten sichtbar, bringt eine Szintigrafie weiteren Aufschluss. Dabei wird dem Patienten eine schwach radioaktive Substanz gespritzt. Mit einer sogenannten Gammakamera wird sichtbar, wie viel der Substanz sich an der Schilddrüse angesammelt hat. Eine geringe Ablagerung ist ein Zeichen für einen verminderten Stoffwechsel, also eine Unterfunktion. Man spricht von einem kalten Knoten. Ist hingegen eine erhöhte Aktivität zu sehen, wird ein heißer Knoten diagnostiziert, eine Überfunktion liegt vor.

Beide Fehlfunktionen lassen sich gut behandeln. Bei der Unterfunktion können moderne Medikamente den Hormonhaushalt ausgleichen. Besteht eine Überfunktion, gibt es die Möglichkeit der Operation. Hier werden Teile oder sogar die Schilddrüse als Ganzes entfernt. Die Patienten müssen die Hormone für den Rest ihres Lebens in Form von Medikamenten einnehmen. „Eine elegantere Variante ist die Radiojodtherapie“, erklärt Nuklearmediziner Herzig. „Hier werden die überaktiven Teile der Schilddrüse ausgeschaltet, das Organ selbst bleibt intakt.“

Gesunde Ernährung ist wirksamster Schutz

Jod ist der Grundbaustein für eine funktionierende Schilddrüse. Da der Körper es nicht selbst produzieren kann, ist die Aufnahme über die Nahrung entscheidend. Fisch ist die wichtigste Jodquelle, aber auch Roggenbrot, frisches Obst und Gemüse sowie Milchprodukte sollten auf dem Speiseplan stehen.

Wichtig ist aber auch die frühzeitige Diagnose: „Wenn ein Patient merkt, dass an Körper oder Seele etwas nicht stimmt, sollte er einen Arzt aufsuchen“, rät Dr. Herzig. „Oft wird eine Schilddrüsenfehlfunktion erst spät festgestellt und die Patienten verlieren in der Zeit wertvolle Lebensqualität.“

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