SpraBo – Eine Zwischenbilanz nach den ersten 4 Praxiswochen

Seit Dezember 2016 nehmen bei Vivantes im Rahmen des Projektes SpraBo (Sprachkompetenz und Berufsorientierung für Geflüchtete) ein Dutzend Männer und Frauen an einem ersten Kurs zur Berufsorientierung für den Pflegebereich teil. Nach vier Wochen „Praktikum“ auf den Stationen des Vivantes Klinikums Kaulsdorf fällt die Bilanz sehr positiv aus.

Dilshad N. hat den Kopf in die Hand gestützt, mit der anderen reibt er sich die Augen. Der 24-Jährige aus dem Irak könnte eine Mütze voll Schlaf gebrauchen, aber es ist Zeit für den Stationsdienst im Vivantes Klinikum Kaulsdorf. Zusammen mit zehn weiteren Teilnehmerinnen und Teilnehmern macht Dilshad hier erste praktische Berufserfahrungen zum Thema Pflege im Rahmen des SpraBo-Kurses. Für ihn steht bereits fest: Wenn er den Kurs  abgeschlossen hat, wird er in die dreijährige Fachausbildung zur Pflegekraft einsteigen.

Thomas Kobalz, Pflegedirektor im Vivantes Klinikum Kaulsdorf ist von seinen neuen „Schnupperpraktikanten“ begeistert: „Wir wussten ja auch nicht, worauf wir uns hier einlassen, aber bislang sind alle Rückmeldungen von den Stationen total positiv. Die Kursteilnehmer sind empathisch, wissbegierig, aber nicht aufdringlich. Höchstens in Sachen Pünktlichkeit gibt es manchmal noch Lernbedarf.“

Zeitweise unpünktlich, aber wissbegierig und empathisch

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Dr. Hagen Tuschke, S. Mahlo, Thomas Kobalz, Dilshad N.

„Ja, das Thema Pünktlichkeit haben wir in Besprechungen regelmäßig auf der Tagessordnung“, sagt auch Dr. Hagen Tuschke, Projektleiter von SpraBo bei Vivantes. „Die Stationen brauchen natürlich Zuverlässigkeit, aber ich muss auch die persönliche Situation der Leute im Blick behalten. Die sind im Moment von 9 bis 15 Uhr auf Station, von 17-20 Uhr im Sprachkurs. Viele haben schlimme Fluchterfahrungen hinter sich, sind in Sorge um ihre Angehörigen, und dazu kommt manchmal noch eine katastrophale Wohnsituation ohne jede Privatsphäre.“

Die fehlenden Rückzugsmöglichkeiten machen auch S. Mahlo zu schaffen. Der 21-Jährige Iraker bewohnt zusammen mit Dilshad und vier weiteren Männern aus Afghanistan, Syrien und Somalia ein 6-Bett-Zimmer in einer Massenunterkunft. Ende 2015 sind sie zusammen nach Deutschland gekommen. Die beiden gehören der der Religionsgruppe der Jesiden an, stammen aus der gleichen Stadt und haben sich auf der Flucht in Syrien kennengelernt. Jetzt meistern sie gemeinsam ihr Leben in Berlin.

Schwarz arbeiten? Nein, nur mit einer Ausbildung öffnen sich einem die Türen.

Während Dilshad im Irak bereits ein Wirtschaftsstudium angefangen hatte, will Mahlo überhaupt erstmal einen Schulabschluss schaffen. „Man könnte schwarz arbeiten und gleich Geld verdienen, aber damit hat man keine Zukunft“, sagt er. „Nur mit einer Ausbildung öffnen sich einem alle Türen.“

Auf den Klinikstationen schauen sie den Pflegekräften über die Schulter, dürfen schon mal Temperatur und Puls messen oder das Essen reichen. Auch Ihr Fazit nach den ersten Schnupperwochen fällt positiv aus. „Mir gefällt die Arbeit sehr“, sagt Dilshad. „Man kann den Menschen helfen. Nur das Waschen von fremden Leuten ist gewöhnungsbedürftig. Im Irak würden das Familienmitglieder übernehmen.“

Sprachlich ist die Verständigung mit den Patienten zwar nach wie vor nicht leicht, aber viele freuen sich über die Aufmerksamkeit der Pflege-Neulinge, sagt Pflegedirektor Kobalz. Auch die Kolleginnen und Kollegen aus der Pflege würden die künftigen Azubis am liebsten gar nicht mehr hergeben. Die müssen jedoch erstmal weiterziehen und werden ihren nächsten Stationseinsätze im Vivantes Wenckebach –Klinikum haben. Projektleiter Tuschke ist überzeugt, dass mit einer engmaschigen Betreuung die meisten seiner Schützlinge einen Berufseinstieg in die Pflege schaffen können. Und auch Dilshad und Mahlo haben für sich erkannt, dass mit der wachsenden Zahl von Pflegebedürftigen in diesem Feld eine Zukunft für sie liegt.

Hintergrund-Infos zu SpraBo – Sprachkompetenz und Berufsorientierung für Geflüchtete:

Am 08. Dezember 2016 war der offizielle Start von SpraBo, einem Projekt, das sich speziell an geflüchtete Menschen mit Interesse an Gesundheitsberufen richtet. Rund zwanzig Frauen und Männer aus verschiedenen Herkunftsländern wie Syrien, Irak, Afghanistan, Senegal oder Gambia haben Anfang Dezember mit dem ersten von insgesamt 4 geplanten Kursen begonnen. Der Orientierungskurs ist auf 6 Monate angelegt und umfasst zu gleichen Teilen praktische Einblicke in den Berufsalltag sowie Sprachunterricht ab der Eingangsstufe A1. Betreut werden die Teilnehmenden von Pflegepädagoginnen und –pädagogen des Institutes für berufliche Bildung im Gesundheitswesen (IbBG) von Vivantes und der Charité Gesundheitsakademie.

Das Pilotprojekt von Charité – Universitätsmedizin Berlin, Vivantes – Netzwerk für Gesundheit GmbH und des IQ Landesnetzwerks Berlin verfolgt das integrationspolitisch wichtige Ziel, Geflüchteten eine berufliche Qualifizierung zu ermöglichen und damit ihren Zugang zum Arbeitsmarkt nachhaltig zu verbessern.

Das Qualifizierungsprojekt wurde vom IQ Landesnetzwerk Berlin initiiert, das beim Beauftragten des Berliner Senats für Integration und Migration angesiedelt ist. Als Partner für die praktische Berufsorientierung wurden die Charité und Vivantes gewonnen. Gefördert wird das Projekt im Rahmen des Förderprogramms „Integration durch Qualifizierung“ aus Mitteln des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS). Partner in der Umsetzung sind das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und die Bundesagentur für Arbeit.

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