Transkulturelle Psychiatrie: Die schmerzende östliche Seele

In östlichen Kulturen werden psychische Beschwerden oft durch körperliche Symptome ausgedrückt, vor allem durch Schmerzen, berichtet Serkan Basman. Im Interview berichtet er von seiner Arbeit in der Tagesklinik für transkulturelle Psychiatrie bei Vivantes in einem multikulturellen Team. Er hilft Menschen aus Afghanistan, der Türkei, Persien und anderswo bei psychischen Problemen, die jetzt in Deutschland leben, darunter viele Geflüchtete, viele mit posttraumatischen Belastungsstörungen.

Sie arbeiten in einer Tagesklinik für transkulturelle Psychiatrie. Wo wurden Sie selbst geboren und welcher Kultur fühlen Sie sich verbunden? Welche Sprachen „bringen Sie mit“?
Ich bin in der Südtürkei geboren, fast an der Grenze zu Syrien, wo die türkische und arabische Kultur eng miteinander verbunden sind. Meine Großeltern sprachen fließend Arabisch, ich kann leider nur ein paar Wörter. Ich bin wegen des Studiums nach Istanbul gezogen. Istanbul ist eine Metropole, in der viele verschiedene Kulturen zusammen leben. Gleichzeitig bin ich mehrmals aus privaten oder dienstlichen Gründen nach Europa gereist und mit der europäischen Kultur bekannt geworden. Nun wohne ich seit 4 Jahren in Deutschland.
Meine Kultur ist eine Synthese: Auf der einen Seite die auf Intuition und Emotion basierende östliche Kultur und auf der anderen Seite die pragmatische und realistische westeuropäische Kultur.

Wie kam es zur Mitarbeit in der transkulturellen Tagesklinik?
Ich wollte Arzt werden, um Menschen zu helfen. Besonders durch meine eigene Kultur und Muttersprache in einem fremden Land habe ich die Möglichkeit, den Menschen zu helfen, die aus verschieden Gründen in einem anderen Land leben möchten oder müssen, und die nur wenige Chancen haben, sich in einer psychiatrischen Behandlung selbst auszudrücken oder behandeln zu lassen.
Am Anfang war  die Arbeit in unserem Zentrum  wie ein Sprung ins kalte Wasser. Ich hatte  angenommen, dass ich nur mit türkischen Patienten arbeiten würde. Die Anzahl meiner afghanischen und persischen  Patienten liegt inzwischen aber bei 60 Prozent.
Die Patienten leiden häufig unter posttraumatischen Belastungsstörungen und brauchen eine besonders aufwendige Therapie und große Zuwendung.

Sehen sie die Sprache als Schlüssel, um überhaupt zum Ansprechpartner für Patienten zu werden?
Sprache ist ein absoluter Schlüssel, der unsere Arbeit beim  Verstehen der Symptome, der Stellung der Diagnose und im Laufe der gesamten Therapie vereinfacht. Dennoch halte ich es für wichtiger, die Patienten zuerst auf der menschlichen Ebene zu sehen. D.h. sie nicht nur als Patienten wahrzunehmen, sondern als  Menschen mit eigener Geschichte.  Wir signalisieren schon beim ersten Gespräch, dass wir den Patienten zur Seite stehen und Hilfe anbieten.

Sie sagten es gerade, die Menschen unterscheiden sich auch aufgrund ihrer Herkunft und Kultur. Wie kann man sich darauf vorbereiten? Oder lernt man durch Erfahrung?
Absolut. Gerade bei psychischen Erkrankungen ist es wichtig, in Diagnostik und Therapie kulturelle Prägungen zu berücksichtigen.  Eine kulturelle Nähe ist ein großer Gewinn bei der Beziehung zwischen Patienten und Behandlern. Außerdem lernt man jeden Tag durch die neuen Erfahrungen. In der Medizin gibt es Patienten, nicht Krankheiten. Patienten müssen vor allem verstanden werden.

Zeigen sich die kultur- und landesspezifischen Unterschiede auch in den Krankheitsbildern?
In östlichen Kulturen werden psychische Beschwerden eher durch körperliche Symptome ausgedrückt, u.a durch Schmerzen oder Dissoziationen (besonders dissoziative Krampfanfälle).
Schmerz ist das Hauptsymptom in unserer täglichen Praxis. Überaus häufig leiden die Patienten unter Magen- und Kopfschmerzen, deren Ursachen nicht auf körperliche Beschwerden zurückgeführt werden können.

Sie haben inzwischen 2300 Patienten. Wie lässt sich das managen?
Tatsächlich nimmt die Zahl der Patienten zu. Wir haben ein multikulturelles  Team, bestehend aus Ärzten, Psychologen, Psychotherapeuten, Ergotherapeuten, Sozialarbeitern sowie Pflegekräften. Am Anfang der Therapie stellen wir fest, was der Patient neben einer psychiatrischen Behandlung benötigt. Dabei berücksichtigen wir auch die perspektivisch sozialen Bedürfnisse des Patienten.
Das ist Team-Arbeit – wir sammeln eigene Erfahrungen und tauschen uns aus. Psychologische Betreuung und Sozialberatung werden muttersprachlich (deutsch, englisch, türkisch, russisch, persisch, Paschtu ) angeboten.

Worin sehen Sie die Unterschiede zu Angeboten von niedergelassenen Psychologen?
Die  Behandlung in unserem Zentrum besteht aus verschieden Bausteinen und Kontakten. Durch die Gruppentherapien in verschieden Sprachen (türkisch, russisch, persisch, paschtu)  und unterschiedlichen Modellen (Männer- oder Frauengruppe, Psychoedukation) erreichen wir viele Patienten.
Trauma  Therapie oder ambulante Psychotherapie, bei der die Patienten wöchentlich gesehen sowie begleitet werden, können wir dagegen nicht leisten. Nach der psychischen Stabilisation und medikamentösen Einstellung leiten wir die Patienten zu diesen Einrichtungen oder ambulanten Psychotherapeuten weiter.  Meistens begleiten wir unsere Patienten, bis ein Platz gefunden wird. Dies dauert im besten Fall  nicht länger als sechs  Monate.

Mehr Informationen über das Zentrum für Transkulturelle Psychiatrie finden Sie hier.


Foto: Fotolia.com 43954981_Cienpies Design&Communication

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