Rückenschmerzen: Es ist ein Kreuz mit der Motivation

Prof. Dr. Christian Woiciechowsky

Puh, jeden Tag Rückenübungen, wenn das Kreuz ohnehin schmerzt? Und warum werden nach der Physiotherapie meine Rückenschmerzen nicht besser?
Rücken- und Sportmediziner Prof. Dr. Christian Woiciechowsky erklärt, wie Bewegungsmedizin und Sport bei Rückenleiden wirklich helfen können und was Patient*innen von Leistungssportlern lernen können.  

Das ist auch Thema auf dem Patientenforum Rückenschmerzen, Bewegungsmedizin und Sport: Erkennen – Behandeln – Vorbeugen“ am 17. März 2018 in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Herr Prof. Dr. Woiciechowsky, was können Menschen mit Rückenschmerzen sich ausgerechnet von Profisportlern abgucken?

Prof. Dr. Woiciechowsky: Vor allem die Motivation. Wenn ein Leistungssportler verletzt ist oder Schmerzen hat, tut er alles, um wieder sein vorheriges Leistungsniveau zu erreichen und dazu gehört intensive physiotherapeutische Rehabilitation. Und oft klappt das auch. Für viele Rückenschmerzpatient*innen hingegen ist das Training völlig neu. Physiotherapie-Übungen nach Plan – das kennen sie nicht. Folglich trainieren sie häufig nicht effektiv und ausdauernd, und viele wissen auch nicht so genau, warum sie den Plan einhalten und sich anstrengen sollten. Sportler wissen das sehr genau. Sie sind gewohnt nach einem Plan zu trainieren und sind deshalb hoch motiviert.

Was ist bei Leistungssportlern noch anders?

Prof. Dr. Woiciechowsky: Sportler spüren unter größerer Belastung viel schneller, wenn etwas im Bewegungsapparat oder Rücken nicht stimmt und konsultieren dann schneller einen Arzt. Sie haben aber auch bessere Trainingsergebnisse, weil sie in der Regel ein besseres Körpergefühl haben und die Übungen genauer und dadurch effektiver ausführen können.

Kann man das auch selbst trainieren, ein besseres Körpergefühl?

Prof. Dr. Woiciechowsky: Ja, man kann das zum Beispiel beim Balancetraining vor dem Spiegel üben. Eine Übung:  Wenn man etwa im Unterarmstütz sein Bein nach hinten hüfthoch heben soll und das Bein gefühlt schon so hoch ist – ist es dann tatsächlich schon so weit oben? Der Blick in den Spiegel zeigt es. Man kann sich selbst besser kennenlernen.

Und woher nehme ich als Rückenschmerz-Patient die Motivation? Wie motivieren Sie denn Ihre Patientinnen und Patienten?

Prof. Dr. Woiciechowsky: Ich frage jeden: Was ist Ihr Ziel? Ist es das Ziel, wieder 5 Kilometer unter 30 Minuten zu laufen oder ist es demjenigen wichtig, wieder schmerzfrei Treppen steigen zu können oder einfach nur schmerzfrei den Alltag bewältigen? Dann schauen wir gemeinsam: Wie kommen wir dahin? Und erstellen einen Plan. Nur: Jeder sollte eben selbst wissen, wofür er sich jeden Tag aufrafft. Motivation hilft dabei, einen Trainingsplan durchzuhalten und sich anzustrengen.

Welche Tipps haben Sie für Menschen, die schon länger Rückenschmerzen haben? Was sollten sie probieren?

Prof. Dr. Woiciechowsky: Oft hilft es, die Rumpfstabilität zu verbessern. Man kann zum Beispiel auf instabilen Unterlagen Gleichgewichtsübungen machen. Oder auf dem Pezziball sitzend die Beine anheben. Oder im Alltag: Immer die Zähne auf einem Bein stehend putzen – die Hand macht beim Putzen ja Querbewegungen, und das muss der Rumpf dann ausgleichen. Die Stabilität ist das A und O, Flexibilität ist nicht ganz so bedeutend für einen schmerzfreien Rücken.

Man hört oft, es wird zu schnell operiert – können Sie das aus Ihrer Praxis bestätigen?

Prof. Dr. Woiciechowsky: Ich operiere ja selbst auch, aber ich bin da sehr kritisch. Ich versuche immer, dem Patienten konservativ, also ohne OP, zu helfen. Ambulant ist wirklich viel möglich. Natürlich gibt es auch klare OP-Indikationen, da gibt es nicht viel Spielraum, wenn es dem Patienten wieder besser gehen soll. Durch minimal-invasive endoskopische Techniken sind die Risiken und Ausfallzeiten deutlich geringer geworden. Auch Hochleistungssportler aus dem Biathlon, die an der Bandscheibe operiert wurden, mischen wieder bei den Profis mit.

Warum kann eine eindeutige Diagnose bei Rückenschmerzen manchmal lange dauern?

Prof. Dr. Woiciechowsky: Weil man auf Bildern wie CT oder MRT manchmal nicht viel sehen kann. Wir wissen heute, dass die Faszien die Muskeln umschließen viele Rezeptoren und Nerven um sich versammeln. Faszien wollen bewegt werden. Wenn man oft lange in einer Position verharrt – etwa am Schreibtisch oder beim Autofahren – dann trocknen die Faszien sozusagen aus, verkleben und verdicken, und das kann zu Verspannungen oder anderen Problemen führen. Das sieht man auf den MRT-Bildern aber nicht immer. Ein Arzt muss sein Patienten anfassen, denn mit Erfahrung kann er die Probleme ertasten.

Die Wirbelsäule gilt als „Verschleißteil“, das sich im Laufe des Lebens abnutzt. Kann man dem Verschleiß vorbeugen?

Prof. Dr. Woiciechowsky: Sagen wir mal so: Man kann die Abnutzungsrisiken der Wirbelsäule minimieren. Risiko Nummer eins ist das Körpergewicht. Wenn dauerhaft zu viel Gewicht auf die Bandscheiben drückt, können sie sich weniger ausdehnen, werden schlechter ernährt und verkümmern. Aus Weintrauben werden Rosinen.

Zweites Risiko: Zu wenig Bewegung. Wer seinen Beruf im Sitzen ausübt, sollte als Ausgleich Sport treiben, um die Rückenmuskulatur zu stärken und die Faszien zu lockern. Etwa Rückenkurse im Fitnessstudio, Tanzen oder Pilates oder Yoga, das ist besonders zu empfehlen. Und das natürlich regelmäßig.

Also nicht: Hauptsache Sport? Ist nicht jede Sportart gut für den Rücken?

Prof. Dr. Woiciechowsky: Bewegung ist wichtig, aber nicht jede Sportart ist für den Rücken auch gut. Wer Golf oder Tennis spielt, der tut seinem Rücken nicht unbedingt etwas Gutes, das kann einseitig belasten und zu so genannten muskulären Disbalancen – also Ungleichgewichten – führen, was schmerzhaft sein kann. Auch Radfahren hilft nicht unbedingt. Das ist zwar ein gutes Ausdauertraining, aber man sitzt ja meist in einer eher starren Position.

Sie sind ja selbst Radfahrer, fahren auch mal mehrere Hundert Kilometer am Stück – haben Sie eigentlich selbst Rückenprobleme? 

Prof. Dr. Woiciechowsky: Zum Glück nicht. Ich habe zwar einige Gelenkprobleme, aber mein Rücken ist stark. Grundsätzlich gilt: Je intensiver man einen Sport betreibt, desto belastender für die Gelenke. Da muss ich auch aufpassen. Neben dem Radfahren mache ich Schwimmen als Ausgleichssport, aber auch da ist nur Kraulen oder Rückschwimmen zu empfehlen, denn entscheidend ist die Streckung. Ich mache auch regelmäßig meine Übungen zur Rückenstabilität.

Prof. Dr. Christian Woiciechowsky ist Chefarzt der Klinik für Rückenmedizin und Wirbelsäulenchirurgie am Vivantes Humboldt-Klinikum in Berlin-Reinickendorf und hat als Neurochirurg und Wirbelsäulenspezialist eine Praxis in Berlin-Charlottenburg.

Veranstaltungstipp:
Rückenschmerzen, Bewegungsmedizin und Sport: Erkennen – Behandeln – Vorbeugen

Fachtagung und Patientenforum des Vivantes Humboldt-Klinikum
am 16. und 17. März 2018 in der
Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Patientenforum mit:

  • Prof. Dr. Bernd Wolfarth, Leiter der Abteilung Sportmedizin der Charité Universitätsmedizin Berlin, seit 2010 leitender Arzt der Deutschen Olympiamannschaften
  • PD Dr. Karsten Labs, Chefarzt – Vivantes Humboldt-Klinikum, Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie, Leiter des Departments für Bewegungschirurgie und Orthopäde am Olympiastützpunkt Berlin
  • Prof. Dr. Christian Woiciechowsky, Chefarzt – Vivantes Humboldt-Klinikum, Klinik für Rückenmedizin und Wirbelsäulenchirurgie
  • Kay Matysik, Volleyballer und Beachvolleyballer, 9. Platz bei Olympia in London 2012, Deutscher Meister 2012

Termin:
17.03.2018, 13:00 – 17:00 Uhr

Ort:
Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften
Markgrafenstraße 38
10117 Berlin

Teilnahme kostenlos, Anmeldung erforderlich.

Mehr Information und Anmeldung: www.rueckenmedizin.Berlin


Foto Rücken: Fotolia.com 75977566 © Maridav


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