ADHS bei Erwachsenen

Ab sofort bietet die Psychiatrische Institutsambulanz (PIA) des Vivantes Klinikums Kaulsdorf eine Sprechstunde für Erwachsene mit Aufmerksamkeitsdefizit- Hyperaktivitätsstörung (ADHS) an. Die psychische Erkrankung wird meist mit Kindern und Jugendlichen in Verbindung gebracht. Warum sie im Erwachsenenalter oft übersehen wird, erklärt Dr. Beatrix Tegler, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie.

Bevor wir über Erwachsene mit ADHS sprechen wäre es interessant zu wissen, wie ADHS entsteht?

Das Zusammenwirken von Genen und Umwelt spielt eine große Rolle – wobei nicht alle konkreten Faktoren bekannt sind. Den Genen kommt jedoch die größte Bedeutung zu. Wenn Familienangehörige ADHS haben, vergrößert sich die Wahrscheinlichkeit, daran zu erkranken -Verwandte 1. Grades haben ein etwa 2-8-fach erhöhtes Risiko.

Zeitweise wirkte ADHS in der medialen Berichterstattung wie eine Mode-Erkrankung, durch die Schüler eine Sonderbehandlung erhalten könnten. Wann kann eine sichere Diagnose gestellt werden?

Es handelt sich um ein situationsübergreifendes Muster mit den Kernsymptomen Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Das heißt, um ADHS zu diagnostizieren, müssen die psychosozialen Beeinträchtigungen verschiedene Lebensbereiche betreffen: Wenn Kinder beispielsweise in der Schule nicht mitkommen, stören oder sich nicht konzentrieren können, zuhause oder im Freundeskreis aber alles in Ordnung ist, liegen die Ursachen vermutlich woanders. Zum Beispiel kann eine – je nach Reife eines Vorschulkindes –  zu frühe Einschulung zu Problemen führen. In diesem Alter ist die Abgrenzung zu einer „normalen Entwicklung“ besonders schwierig. Die Auffälligkeiten sollten über das hinausgehen, was allein durch das Alter und den Entwicklungsstand erklärbar ist. Zudem müssen die Auffälligkeiten bereits mehr als sechs Monate bestehen.

Wird die Erkrankung oft übersehen oder verwechselt, weil Erwachsene nicht mit der Diagnose rechnen?

Ja, ADHS wird immer noch oft als eine Erkrankung des Kindesalters wahrgenommen und weder alle Patienten noch Therapeuten sind dafür sensibilisiert, dass Symptome auch im Erwachsenenalter eine erhebliche Rolle spielen können.
Viele Anzeichen wie Vergesslichkeit, Unkonzentriertheit oder Ablenkbarkeit sind häufige menschliche Verhaltensweisen – einerseits gänzlich ohne Krankheitswert, andererseits treten sie häufig zusammen mit anderen psychischen Erkrankungen auf: Auch bei einer depressiven Episode sind Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit oft eingeschränkt. Umso wichtiger ist es, sich ausführlich schildern zu lassen, wo, in welcher Form und seit wann die Symptome auftreten.

Wie unterscheidet sich ADHS bei Kindern und Erwachsenen?

Während die Hyperaktivität im Kindesalter besonders stark ausgeprägt ist und damit für die Außenwelt auffallender, zeigt sie sich später oft eher als quälende innere Unruhe. Meist kommen die Erwachsenen auch nicht primär aufgrund von ADHS in die Klinik, sondern wegen zusätzlich bestehender psychischer Erkrankungen wie Suchterkrankungen, Angststörungen oder Depressionen. Bei Erwachsenen, die mit dem Verdacht auf ADHS Hilfe suchen, muss rückwirkend rekonstruiert werden, ob die Symptome bereits in der Kindheit bestanden haben. Dazu werden auch die Schulzeugnisse angesehen und die Familie befragt.

Anscheinend ist es also keine Erkrankung, die sich mit den Jahren „verwächst“?

Genau – zumindest trifft dies in den meisten Fällen nicht zu. Mit über fünf Prozent Prävalenz gehört ADHS zu einer der häufigsten psychischen Erkrankungen im Kindes-und Jugendalter. Bei über 50%der Betroffenen bleiben Symptome bis ins Erwachsenenalter bestehen.

Wie wird ADHS behandelt?

Psychotherapeutische und psychopharmakologische Therapien sind gleichermaßen wichtig. Patienten, die wegen ADHS im Beruf oder der Partnerschaft belastet sind, häufig den Job wechseln, eine Ausbildung oder ein Studium nicht abschließen, brauchen individuelle Lösungsansätze und auch eine psychosoziale Unterstützung. Oft haben Menschen mit ADHS sehr gute Ideen; viele sind besonders spontan, offen und begeisterungsfähig, aber scheitern mitunter an der Planung und Umsetzung ihrer Ideen. Hier spielt die Hilfe des Sozialdienstes eine wichtige Rolle, um ein Lebensumfeld und einen Beruf zu finden, der gut passt.


Foto: AdobeStock 164137937 thodonal

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