Fotoausstellung „schwere(s)los“: „Adipositas ist keine Charakterschwäche.“

Prof. Dr. Jürgen Ordemann ist Chefarzt des Zentrums für Adipositas und Metabolische Chirurgie am Vivantes Klinikum Spandau.

Prof. Dr. Jürgen Ordemann

Im Interview erläutert er den Unterschied zwischen „ein paar Pfunden zu viel“ und krankhafter Adipositas, skizziert Behandlungsmöglichkeiten und berichtet von der aktuellen Fotoausstellung „Schwere(s)los“, die mit diskriminierenden Klischees und weit verbreitetem Halbwissen aufräumen will.

Herr Prof. Ordemann, bei übergewichtigen Personen gibt es die weitläufige Einschätzung, dass Betroffene durch eine gesündere Ernährung sowie Bewegung abnehmen können. Wer das nicht schafft, ist selbst schuld – so der Tenor. Würden Sie das unterzeichnen?

Prof. Dr. Jürgen Ordemann: Nein, keinesfalls. Meine Einschätzung ist hier ganz klar: Bei schwerer Fettleibigkeit sind konservative Maßnahmen wie Ernährungsberatung, klassische Diäten und Bewegungstherapie zum Scheitern verurteilt.

Warum?

Wichtig ist zu verstehen, dass es bei den Betroffenen nicht darum geht, dass sie etwa „ein paar Pfund zu viel auf den Rippen“ haben, gegen die mit ein paar Einheiten Sport angegangen werden kann. Viel mehr liegt hier ein chronisches Krankheitsbild vor, für das in erster Linie biophysiologische sowie genetische Voraussetzungen ursächlich sind. Adipositaschirurgie ist deshalb auch mehr als nur Gewichtsreduktion – Adipositaschirurgie rettet Leben. Studien weisen eindeutig nach, dass die chirurgische Therapie die wirksame und langfristige Behandlungsform ist.

Ab wann ist eine chirurgische Maßnahme zur Bekämpfung des Übergewichts anzuraten?

Es gibt Leitlinien, die genau definieren, wann eine Operation sinnvoll und anzuraten ist und wann nicht. Wir unterscheiden dabei zwischen Patientinnen und Patienten, die „nur“ Adipositas haben und keine schwerwiegenden Folgeerkrankungen und solchen, die an Adipositas leiden und erhebliche Folgeerkrankungen entwickelt haben. Wenn jemand sonst gesund ist, wird empfohlen, ab einem BMI von 40 kg/m2 zu operieren. Vorher müssen die Patienten aber ein halbes Jahr lang eine sogenannte Multimodale Therapie durchführen – eine Kombination aus Ernährungsberatung, Bewegungstherapie und Verhaltenstherapie. Etwas anders ist es, wenn die Patienten einen BMI von über 50 kg/m2 oder schon einen schweren Diabetes ausgebildet haben. Dann kann schon operiert werden, ohne dass ein halbjährliches Multimodales Therapieprogramm gefordert wird.

Welche operativen Behandlungsmöglichkeiten bietet die Adipositaschirurgie und wie genau profitieren Patientinnen und Patienten?

Die wichtigsten chirurgischen Maßnahmen sind der Magenbypass und der Schlauchmagen. Beim Magenbypass wird ein kleiner Vormagen gebildet und mit einer Dünndarmschlinge verbunden. Damit wird der eigentliche Magen aus der Verdauung ausgeschlossen. Beim Schlauchmagen wird ein Großteil des Magens entfernt. Es bleibt nur noch ein Schlauch als Verbindung zwischen Speiseröhre und Darm erhalten. Bei beiden Verfahren wird davon ausgegangen, dass das Übergewicht um 70 bis 85 Prozent reduziert werden kann.


„Die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten steigt und die Lebenserwartung wird verlängert.“


Und die Folgeerkrankungen lassen sich so auch in den Griff bekommen? 

Ja, durch die Eingriffe werden auch – und das ist mit entscheidend – Folgeerkrankungen wie Diabetes mellitus Typ 2, Bluthochdruck oder das Schlafapnoesyndrom deutlich verbessert, wenn nicht sogar geheilt. Die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten steigt und die Lebenserwartung wird verlängert.

Stichwort Lebensqualität. Adipöse Personen leiden häufig nicht nur an physischen, sondern auch psychischen Belastungen, etwa durch diskriminierende Äußerungen von außen. Welche Auswirkungen kann dies haben?

In unserer Gesellschaft bestehen – unabhängig von vermittelten Schönheitsidealen –  zig Vorurteile gegenüber übergewichtigen bzw. adipösen Menschen. Faul, undiszipliniert, nicht leistungsfähig – die Zuschreibungen sind vielfältig. Viele Betroffene leiden unter dieser Form von Ausgrenzung und Diskriminierung. Dieser ständige Druck, die Stigmatisierung, die regelmäßigen Selbstvorwürfe, all das bedrückt die Betroffenen sehr – und führt mitunter zu Depressionen.

Vom 29. Juli bis 16. August 2019 ist im Vivantes Klinikum Spandau die Wanderausstellung „schwere(s)los“ zu sehen. Gezeigt werden 26 künstlerisch umgesetzte Fotografien adipöser Menschen. Was sollen die Fotos bei den Ausstellungsbesuchern bewirken?

Die Ausstellung soll die Aufmerksamkeit darauf lenken, dass Adipositas keine Charakterschwäche ist, sondern die dramatische Konsequenz einer komplett veränderten Umwelt, auf die wir physiologisch nicht vorbereitet sind. Es handelt sich um ein Krankheitsbild, das heute dank moderner chirurgischer Eingriffe erfolgreich behandelt werden kann. Die wunderbare Fotoausstellung klärt auf und hinterfragt nebenbei weit verbreitete Vorurteile. Denn unabhängig davon, ob eine Erkrankung vorliegt oder nicht: Menschen wegen ihres Gewichts auszugrenzen, ist in jedem Fall unangebracht.


Fotoausstellung „schwere(s)los“
Wo? Foyer des Vivantes Klinikum Spandau, Neue Bergstr. 6, 13585 Berlin
Wann? 29. Juli bis 16. August 2019

Die Ausstellung „schwere(s)los“ ist Kern der bundesweiten Aufklärungskampagne zu Adipositas, die die Krankenkasse DAK mit der Johnson & Johnson Medical GmbH initiiert hat.

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