Schlau bleiben: Wie man dafür sorgen kann, dass das Gehirn bis ins hohe Alter jung bleibt

Porträt von Dr. Timo Paul

Dr. Timo Pauli, Chefarzt der Klinik für Gerontopsychiatrie mit Memory Clinic

Wer seinen wohlverdienten Ruhestand genießen und den eigenen Lebensabend möglichst lange selbstbestimmt gestalten will, braucht nicht nur einen fitten Körper – sondern auch einen fitten Geist. Doch das Gehirn ist ein Verschleißteil: Mit der Zeit schleichen sich Funktionsstörungen ein, wie zum Beispiel eine Altersvergesslichkeit. Allerdings kann man das Gehirn dabei unterstützen, möglichst lange gesund zu bleiben. Das gilt laut Timo Pauli, Chefarzt der Klinik für Gerontopsychiatrie mit Memory Clinic am Vivantes Klinikum Spandau, auch hinsichtlich einer Demenz: „Sie lässt sich zwar nicht ausschließen – aber das Erkrankungsrisiko lässt sich durchaus senken.“

Aktiv leben

Was dem Körper guttut, hilft auch dem Geist: Eine gesunde und ausgewogene Ernährung, der Verzicht auf Nikotin und übermäßigen Alkoholkonsum – all das sind laut Chefarzt Pauli Dinge, die helfen, auch geistig fit zu bleiben. Ebenso körperliche Aktivität. Aus Studien geht hervor, dass das Volumen des Gehirns bei Menschen, die regelmäßig Sport treiben, in einigen Regionen zunehmen und sich die Funktionsfähigkeit verbessern kann. Regelmäßige körperliche Aktivität hilft zudem, Stress abzubauen sowie Erkrankungen wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Beschwerden vorzubeugen – allesamt Faktoren, die auch das Gehirn auf lange Sicht schädigen können. Hinzu kommt ein weiterer Effekt, der das Sprichwort vom gesunden Geist im gesunden Körper zu bestätigen scheint: Wer einen sportlichen Lebensstil pflegt, hält seinen Körper widerstandfähiger, geschmeidiger – und wird dadurch häufig erst später gebrechlich, bleibt also länger mobil.

Aber keine Sorge: Um diese positiven Effekte zu erreichen, müssen Sie nicht zum Leistungssportler oder Marathonläufer werden. Aktivitäten wie Joggen, Fahrradfahren, Wandern, aber auch zügigeres Spazierengehen eignen sich sehr gut, weil man dabei leicht aus der Puste kommt. „Alles ist besser, als alleine zu Hause auf dem Sofa zu liegen“, sagt Chefarzt Pauli. Um neben dem Körper aber auch das Gehirn zu trainieren, sind insbesondere solche Sportarten empfehlenswert, die die Koordination fördern, zum Beispiel Tennis oder Tanzen. Letzteres ist noch in einer zweiten Hinsicht vorteilhaft: Es beinhaltet den Kontakt mit dem Tanzpartner – und damit die fürs Gehirn sehr wichtige soziale Interaktion.

Weiterdenken

„Das Gehirn muss trainiert werden“, sagt Pauli, „sonst baut es ab.“ Eine antrainierte kognitive Reserve könne zudem demenziellen Abbauprozessen entgegengesetzt werden – und sie so möglicherweise verlangsamen. Doch auch allgemein tut Denken gut, während geistige Trägheit eher schadet. Das lässt sich häufig nach dem Wechsel in den Ruhestand beobachten: Aus „jungen Alten“ werden plötzlich „alte Alte“, die aufgrund einer anhaltenden geistigen Unterforderung zunehmend abbauen. Dagegen kann man angehen: mit neuen Herausforderungen für das Gehirn, zum Beispiel einem neuen Hobby wie Fotografieren oder Gitarre spielen.

Auch eine neue Sprache zu lernen fördert das Gehirn. Genauso wie Reisen: „Man erhält neue Eindrücke, muss sich orientieren – das ist ein gutes Training“, sagt Timo Pauli. All das sollte jedoch nicht in Stress ausarten – denn der kann wiederum genau das Gegenteil bewirken, also die geistige Gesundheit negativ beeinflussen. „Wichtig ist immer, dass der Spaß im Vordergrund steht“, sagt Chefarzt Pauli. Sonst würde es auch schwer, durchzuhalten. Genau diesen Spaß versprechen zahlreiche kommerzielle Anbieter von „Gehirnjogging“-Computerspielen. Einige behaupten zudem, die Spiele würden die allgemeine geistige Leistungsfähigkeit steigern – und sogar Demenzerkrankungen vorbeugen. Das ist aber vor allem Werbung. „Richtig trainiert wird dabei nur das Spiel“, sagt Pauli. In diesem lässt sich die Leistung dann auch steigern, bis jetzt konnte aber nicht wissenschaftlich nachgewiesen werden, dass sich das auch auf die allgemeinen geistigen Fähigkeiten auswirkt. Auch hier gilt jedoch: Wer Spaß an den digitalen Knobel- oder Geschicklichkeitsspielen hat, kann sie natürlich trotzdem spielen. Schaden tut es nicht, solange dafür keine anderen, nützlichen Tätigkeiten wegfallen.“Ungünstig ist es allerdings, wenn man durch ein Spiel ständig mit seinen Defiziten konfrontiert wird“, sagt Chefarzt Pauli. Denn das könne zu Frustration führen.

Ob mit einem neuen Instrument, Sudoku oder digitalen Knobelaufgaben – womit genau man seinen Geist letztlich fit hält, das sei weniger wichtig, sagt Pauli. Das Wichtigste sei in jedem Fall der Spaß, denn der fördere auch die Motivation.

Gesellschaft, Bewegung und Gehirntraining sind die besten Voraussetzungen für gesundes Altern

Gesellig bleiben

Gutes tun tut gut – und zwar nicht nur emotional, sondern auch geistig. Soziales Engagement und eine Teilhabe am sozialen Leben insgesamt wirken sich positiv auf die Hirngesundheit aus. Denn Gesellschaft bedeutet in der Regel auch geistige Stimulation. „Soziale Interaktionen sind sehr komplex und benötigen alle Bereiche des Gehirns“, sagt Timo Pauli. Zugleich seien sie der beste Schutz vor Depressionen und Einsamkeit, dem „Gift für Konzentration und Gedächtnis.“

Wer vorrangig alleine zu Hause vor dem Fernseher sitzt, dem fehlt die Interaktion mit anderen, die häufig auch eine gewisse geistige Flexibilität und Anpassungsfähigkeit erfordert. Vielen Menschen fällt das vor allem nach dem Renteneintritt auf. Denn mit der Berufstätigkeit haben sie auch die Kollegen hinter sich gelassen – und damit wertvolle tägliche soziale Kontakte. Um diesen Verlust aufzuwiegen, kann man sich für Freizeitaktivitäten einer Gruppe anschließen. Dies kann zum Beispiel ein Chor sein, eine Sport- oder Wandergruppe oder ein Schachclub. Wichtig ist, dass ein Austausch stattfindet – und dass die Gruppe im Idealfall ein gemeinsames Ziel verfolgt. Dann sind die Treffen laut Experten für die Hirngesundheit besonders förderlich. Wenn das gemeinsame Ziel auch noch der guten Sache dient – perfekt. Dann kann sich neben der geistigen Fitness auch noch das Gefühl einstellen, gebraucht zu werden. Und das tut wohl jedem gut.

Früh zum Arzt

Auch das beste Hirntraining kann eine Demenz nicht wirksam ausschließen. Die Krankheit beginnt meist schon lange, bevor sich die ersten Symptome bemerkbar machen. „Die krankhaften Veränderungen im Gehirn – die Plaques – bilden sich möglicherweise bereits Jahrzehnte vor dem eigentlichen Ausbruch der Krankheit“, sagt Pauli. Um dann noch gegensteuern zu können und den Krankheitsverlauf zu verlangsamen, sei ein früher Behandlungsbeginn sehr wichtig. „Wer bei sich selbst oder bei Angehörigen Gedächtnisschwierigkeiten, Probleme mit der Orientierung und der Bewältigung des Alltags feststellt, sollte diese abklären lassen.“ Ärzte können eine Demenz unter anderem anhand von Gedächtnistests und bildgebenden Verfahren wie einer Computertomografie diagnostizieren. „Dabei gilt es auch, andere mögliche Ursachen wie beispielsweise einen Gehirntumor auszuschließen“, sagt Pauli. Eine beginnende Demenz kann dann teilweise mithilfe von Medikamenten behandelt werden – auf jeden Fall aber mit weiterem Hirntraining. „Vor allem komplexe Abläufe zu trainieren, tut dem Kopf gut“, sagt Pauli. Dafür müsse man aber nicht Rechenaufgaben lösen – gut sei es zum Beispiel, sich regelmäßig mit Freunden zu treffen, um Strategiespiele zu spielen. Denn bisher lasse sich eine Demenz zwar nicht heilen – ihr Verlauf könne durch Medikamente und geistige Arbeit aber oft verlangsamt werden.

ein Beitrag von Hauke Hohensee im Gesundheitsmagazin des Tagesspiegel „Gesundheit und Alter“

Mehr Informationen:

Klinik für Gerontopsychiatrie mit Memory Clinic im Vivantes Klinikum Spandau

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