Blasenschwäche macht den Alltag zur Belastungsprobe

Rund sechs Millionen Deutsche, vor allem Frauen, leiden an einer Blasenschwäche. Eine Belastung im Alltag und für das Selbstwertgefühl. „Das muss nicht sein“, sagt Priv.-Doz. Dr. med. habil. Christian Göpel, Chefarzt des Kontinenz- und Beckenbodenzentrums im Vivantes Humboldt-Klinikum. „Mit wirksamen Therapien lässt sich eine Inkontinenz meist vollständig beheben.“

Husten, Niesen, Heben von schweren Gegenständen, Treppensteigen oder schnelles Laufen – insbesondere viele Frauen verlieren bei kleinsten körperlichen Erschütterungen oder Tätigkeiten im Alltag Urin. Dahinter steckt meist eine sogenannte Belastungs- oder Stressinkontinenz, eine der häufigsten Formen der Inkontinenz. Aber auch ein häufiger Drang, also eine überaktive Blase, ist eine verbreitete Form der Inkontinenz (Dranginkontinenz). Betroffene müssen übermäßig häufig die Toilette aufsuchen, über achtmal täglich, mehr als einmal nachts. Keine Situation kann ohne Toilettengang bewältigt werden.

Belastung des Selbstwertgefühls

Harninkontinenz gehört zu den häufigsten Gesundheitsproblemen. Dabei sind häufiger Frauen als Männer betroffen – aufgrund anatomischer und hormoneller Unterschiede bereits in jungen Jahren doppelt so häufig. Annähernd 40 Prozent der weiblichen über 60-Jährigen haben eine Blasenschwäche.“

„Die Frauen sind in ihrer Lebensqualität sehr eingeschränkt“, weiß Dr. Christian Göpel,   Spezialist für das Krankheitsbild Harninkontinenz bei Frauen. „Inkontinenz belastet nicht nur den Körper, sondern auch Seele und Selbstwertgefühl.“ Nicht selten sind die Folgen Rückzug, Isolation oder sogar Depression. Doch der Chefarzt macht Mut: „Wenn man Angst und Scham überwindet und sich einem Arzt oder einer Ärztin anvertraut, ist das ein erster ganz wichtiger Schritt. Durch eine geeignete Abklärung und Therapie können rund 80 Prozent der Betroffenen von ihrem Leiden befreit werden. Den restlichen 20 Prozent wird mit geeigneten Hilfsmitteln ein normales Leben ermöglicht.“

Ursachen für Blasenschwäche

Die Blase ist eigentlich ein äußerst leistungsfähiges Organ, dehnbar wie ein Luftballon, kann sie bis zu einem Liter Urin fassen. Sie sammelt den Urin über Stunden, erst ab einem Füllvolumen von 300 bis 600 Millilitern meldet die Blase starken Harndrang. „Ein schwacher Beckenboden, durch eine Schwangerschaft und Geburt, oder eine angeborene Gewebsschwäche können aber Ursachen für eine Inkontinenz sein. Auch Voroperationen, Übergewicht, Rauchen und die Aufnahme von Alkohol oder Kaffee können die Blase beeinträchtigen“, erläutert der Chefarzt.

Wirksame Behandlungsmöglichkeiten

Der Weg zu einer Spezialistin oder einem Spezialisten lohnt sich. In einer urogynäkologischen Untersuchung wird zunächst festgestellt, ob es sich um eine Stressinkontinenz, eine überaktive Blase oder eine Senkung handelt. Dann wird ein adäquater Behandlungsplan erstellt. Im Vivantes Kontinenz- und Beckenbodenzentrum behandelt Dr. Christian Göpel Patientinnen in erster Linie mit konservativen Maßnahmen: „Eine Veränderung des Trinkverhaltens und Gewichtsabnahme sind oft wichtige erste Schritte. Auch gezielte Beckenbodenübungen, unter Anleitung einer erfahrenen Physiotherapeutin, und eine Elektro- bzw. Biofeedbacktherapie sind wirksam.“ Dabei wird eine Sonde in die Scheide eingeführt. Kommt es dort zu einer Muskelanspannung, nimmt die Sonde dies als kleinen elektrischen Impuls auf und wandelt ihn in ein visuelles oder akustisches Signal um. „So können die Patientinnen wahrnehmen, wie stark sie die Beckenbodenmuskulatur anspannen und entwickeln nach und nach ein besseres Gefühl dafür. Bei einem lokalen Hormonmangel ist die vorsichtige lokale Applikation von Östrogenen sinnvoll. Bleibt der Erfolg aus, können auch Medikamente verabreicht werden.“ Gerade bei der überaktiven Blase stehen zahlreiche wirksame Präparate zur Verfügung, die eine Linderung des Harndrangs bewirken.

Eingriff als Plan B

Bei besonders schwierigen Fällen diskutieren Experten aktuell eine Botox-Injektion in die Blasenwand. „Der kurze ambulante Eingriff verspricht eine circa zwölfmonatige Besserung des Harndrangs“, so Dr. Christian Göpel. Bei einer Stressinkontinenz kann nach erfolgloser konservativer Therapie auch eine OP in Erwägung gezogen werden. „Dabei wird ein kleines Bändchen (Tension-free Vaginal Tape, TVT) um die Harnröhre gelegt, um den Urinabgang bei einer Belastungssituation zu verhindern.“ Häufig liegt einem Urinverlust auch eine Senkung des Beckenbodens zugrunde. Dr. Christian Göpel: „Eine Senkungsbehebung, beispielsweise durch das Einsetzen eines Pessars, einem Hilfsmittel, das in die Scheide eingesetzt wird, meistens aus Gummi oder Silikon, kann hier sinnvoll sein. Reicht das nicht aus, ist eine Senkungsoperation in Erwägung zu ziehen. Diese wird so wenig belastend wie möglich durch die Scheide vorgenommen.“ Das Vivantes Beckenbodenzentrum arbeitet interdisziplinär. „Wenn notwendig, werden auch Fachkollegen der angrenzenden Teilgebiete Urologie, Chirurgie, Neurologie, Gastroenterologie und Physiotherapie hinzugezogen“, so Dr. Christian Göpel.
Dass eine frühe hormonelle körperliche Pubertät zu einer früheren sexuellen Aktivität führt, lässt sich nicht belegen. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung verzeichnete in ihrem Bericht aus dem Jahr 2015 einen Rückgang bei den sexuell aktiven 14-Jährigen deutscher Herkunft: von zehn bis zwölf Prozent zwischen 1998 und 2005 auf drei bis sechs Prozent. Diese Entwicklung ist sicher aber auch auf eine zunehmende Aufklärung im Kindes- und Jugendalter zurückzuführen.

Der Beitrag stammt aus dem Vivantes Patientenmagazin „gesund! Leben in Berlin“ – Ausgabe 01/2018


Fotos: Jong Marshes 458354

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