„Du bist aber groß geworden“ – wenn die Pubertät schon im Kindesalter beginnt

Mädchen und Jungen kommen immer früher in die Pubertät. Warum das so ist, ist noch nicht abschließend erforscht – ebenso wenig wie die Folgen. Professor Dr. Hermann Josef Girschick, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin im Vivantes Klinikum im Friedrichshain, rät den betroffenen Kindern und ihren Eltern zu einer Abklärung bei einer Kinderärztin oder einem Kinderarzt.

Was passiert in der Pubertät?

In dieser Entwicklungsphase kommt es zu einer hormonellen Umstellung im Körper. Auslöser sind Botenstoffe der Hirnanhangdrüse, sie regen die Bildung von Testosteron in den Hoden beziehungsweise Östrogen in den Eierstöcken an. In der Folge bilden sich bei Jungen und Mädchen die primären und sekundären Geschlechtsmerkmale aus. Diese Veränderung findet bei Jungen in der Regel zwischen dem 12. und dem 21. Lebensjahr statt, bei Mädchen im Zeitraum vom 10. bis 18. Lebensjahr.

Periode und Samenerguss

Die Fakten belegen: Im Jahr 1860 lag das Alter bei der ersten Regelblutung bei 16,6 Jahren, 2007 hatten die Mädchen im Schnitt ihre erste Periode mit 12,8 Jahren. Auch die Brustentwicklung setzt früher ein, bisweilen schon mit zehn Jahren. Die Jungen sind ebenfalls immer früher „dran“. Ein Vergleich von Daten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zeigt: 1980 hatten 69 Prozent der 14-Jährigen ihren ersten Samenerguss hinter sich, 2006 waren es 83 Prozent. Warum das so ist, ist noch nicht abschließend geklärt. Bisher fehlen die dafür notwendigen Langzeituntersuchungen. Allerdings gibt es mehrere tragfähige Theorien.

Ernährung als Auslöser

Die verbesserte Ernährungslage wird als ein Grund für einen früheren Eintritt in die Pubertät gesehen. Es ist bekannt aus dem 19. Jahrhundert, dass schlecht ernährte Mädchen aus einem sozial schwachen Milieu ihre Regel später bekamen als wohlgenährte Mädchen aus vermögenderen Schichten. Heute sorgt eine Überversorgung mit Eiweißen und Fetten in Verbindung mit Bewegungsmangel bei Kindern und Jugendlichen häufig für Übergewicht. Die daraus resultierenden hohen Fetteinlagerungen führen zu einer früheren Reife, das belegen auch entsprechende Tierversuche. Das gegenteilige Phänomen ist ebenfalls bekannt: Magersüchtige oder Hochleistungssportlerinnen bekommen teilweise ihre Periode überhaupt nicht. Es liegt nahe, dass zwischen der Bildung des Fettgewebes und der hormonähnlichen Botenstoffe, die die Reife auslösen, ein Zusammenhang besteht.

Schadstoffe nehmen Einfluss

Eine andere Theorie sieht ein Zusammenspiel zwischen früher Pubertät und Schadstoffen aus Plastik in der Nahrung. Unter Verdacht steht der Weichmacher Bisphenol A. Es ist bewiesen, dass diese Chemikalie nachweislich den Hormonhaushalt stören kann. Auch hier haben Tierversuche Erkenntnisse gebracht: Bisphenole weisen eine ähnliche Wirkung auf wie das Hormon Östrogen. Eine Vielzahl von Alltagsprodukten, die auch zur Verpackung von Lebensmitteln gebraucht werden, beinhalten diesen Stoff. Immerhin: Seit 2011 ist der Stoff EU-weit in den Materialien von Babyflaschen verboten.

Die Psyche spielt mit

Evolutionsbiologen vermuten, dass Stress ebenfalls ein möglicher Auslöser für eine frühe Pubertät ist. Fehlt eine Stabilität im Umfeld der Kinder und Jugendlichen, trennen sich die Eltern oder wechseln häufig die Bezugspersonen, dann sendet der Körper das Signal, früh selbstständig sein zu müssen.

Sexuelle Aktivitäten

Dass eine frühe hormonelle körperliche Pubertät zu einer früheren sexuellen Aktivität führt, lässt sich nicht belegen. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung verzeichnete in ihrem Bericht aus dem Jahr 2015 einen Rückgang bei den sexuell aktiven 14-Jährigen deutscher Herkunft: von zehn bis zwölf Prozent zwischen 1998 und 2005 auf drei bis sechs Prozent. Diese Entwicklung ist sicher aber auch auf eine zunehmende Aufklärung im Kindes- und Jugendalter zurückzuführen.

Psychische Belastung

Für die Kinder ist die Pubertät grundsätzlich eine Herausforderung. Tritt sie ungewöhnlich früh auf, kann sich daraus eine große psychische Belastung entwickeln. Zum einen ist das soziale Umfeld noch nicht darauf eingestellt. Zum anderen müssen die Betroffenen in einer Zeit, in der sie emotional noch Kind sein wollen, mit den körperlichen Veränderungen zurechtkommen. Viele fühlen sich verunsichert und überfordert.


Herr Prof. Girschick, wie erleben Sie die Kinder oder Jugendlichen, die zu Ihnen in die Sprechstunde kommen? Wann ist früh zu früh?

Das Phänomen der zunehmend früher auftretenden Pubertät ist nicht immer leicht abzugrenzen von einer eindeutig zu früh auftretenden Pubertätsentwicklung. Gibt es zum Beispiel bei Mädchen vor dem 8. Lebensjahr eine Brustentwicklung und tritt zusätzlich auch die erste Regelblutung ein, dann müssen Kinderärztin oder Kinderarzt nach möglichen Ursachen dieser vorzeitigen Pubertätsentwicklung fahnden.

Was sind die Ursachen für einen solchen „Frühstart der Hormone“?

Hier ist an eine Vielzahl möglicher Ursachen zu denken, etwa an eine hormonelle Störung, ausgehend von den dafür zuständigen Zentren des zentralen Nervensystems oder auch vom Eierstock oder von den Hoden. Der Beginn der Pubertät z. B. zwischen dem 9. und 10. Lebensjahr kann aber auch eine natürliche Variante darstellen.

Wie lässt sich eine frühzeitige Pubertät diagnostizieren?

Erfahrene Kinderärztinnen und -ärzte werden zusammen mit der Familie diese Entwicklung beobachten und eventuell, bei Verdacht auf eine überaus vorzeitige Pubertätsentwicklung, weitere Untersuchungen durchführen. Zum Beispiel eine Knochenaltersbestimmung oder eine Ultraschalluntersuchung des inneren Genitals, zusammen mit einer Blutuntersuchung.

Wann empfehlen Sie eine Therapie?

Bei einer noch im natürlichen Rahmen frühzeitig auftretenden Pubertätsentwicklung sind in der Regel keine therapeutischen Maßnahmen erforderlich. Entsteht allerdings der Eindruck, dass alle Aspekte einer Pubertät eindeutig zu früh auftreten, dann besteht diagnostischer und eventuell auch therapeutischer Handlungsbedarf. Die Entwicklung kann zum Beispiel medikamentös gebremst werden. Das könnte helfen, die psychoemotionale Belastung, die Kinder in noch nicht dafür vorbereitetem Alter durchmachen würden, zu vermeiden. Ebenfalls wichtig: Bei einer eindeutig vorzeitigen Pubertät wird das letztendliche Körperlängenwachstum vorweg- genommen, langfristig kann daher die Körperlänge zu klein sein.

Was ist Ihr konkreter Rat an die Eltern der betroffenen Kinder oder Jugendlichen?

Sie sollten einen Kinderarzt oder eine Kinderärztin aufsuchen. Die Vorsorgeuntersuchung U 10 (7. bis 8. Lebensjahr) ist eine gute Gelegenheit, möglicherweise vorliegende vorzeitige Pubertätsentwicklungen zu erkennen. Auch im Rahmen der U 11 (9. und 10. Lebensjahr ) können Aspekte frühzeitiger Entwicklungen angesprochen werden.


Foto: AB iStock 1004029834

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