Antworten unter der Oberfläche – das Ethikkomitee der Vivantes Hauptstadtpflege

Heike Sporkhorst und Antje Stscheppin-Lohfing arbeiten im Management der Vivantes Hauptstadtpflege. Oft erleben sie Situationen, in denen Bewohnerinnen und Bewohner der Pflegeeinrichtungen ihre Wertvorstellungen nicht mehr mitteilen können. Wie sieht die bestmögliche Pflege und Betreuung in diesem Fall aus? Welche Wünsche haben sie? Wie kann man diese erkennen? Bei der Beantwortung solcher Fragen kommt es mitunter zu individuellen ethischen Entscheidungskonflikten. Um hier zu unterstützen und zu beraten, ist die Vivantes Forum für Senioren GmbH dabei ein Ethikkomitee einzurichten.

Wie entstand die Idee des Ethikkomitees und wie arbeitet es?

Heike Sporkhorst: Frau Hötzer, Prokuristin der Forum für Senioren GmbH, führte das Ethikkomitee als strategisch wesentliches Gremium bei uns ein. Sie hatte bereits im klinischen Bereich umfassende Erfahrungen gesammelt. So fanden wir uns schnell als Team zusammen. Wir gründeten zunächst eine Expertengruppe für ethische Fallbesprechungen, um das Fundament für unsere Arbeit zu legen.

Antje Stschepin-Lohfing: Parallel dazu informieren wir Bewohner und Angehörige in den Häusern des Forum für Senioren und verteilen Flyer, damit alle wissen, dass sie uns jederzeit anrufen können. Wir verstehen uns als Moderatoren und Koordinatoren für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Ort. Perspektivisch soll in jedem Hauptstadtpflegehaus ein Ansprechpartner des Ethikkomitees zu finden sein.

Wie wurden Sie zu Ethikberaterinnen ausgebildet?

Antje Stschepin-Lohfing: Wir erhielten eine Weiterbildung, in der es um die übergeordneten Fragen zu Ethik und Moral ging, die sich in unserem Arbeitsalltag stellen können.

Heike Sporkhorst: Außerdem bekamen wir ein Instrumentarium für ethische Fallgespräche an die Hand. Wie werden Gespräche geführt? Welche Fragestellungen bringen uns weiter?

Herausfordernd ist es, wenn Menschen sich zum Beispiel aufgrund einer Demenz nicht mehr mitteilen können und keine schriftliche Entscheidung verfügt haben. Wie kann man sie dann nach ihrem Willen behandeln und pflegen?

Antje Stschepin-Lohfing: Ich habe bei meiner Arbeit mit demenziell erkrankten Bewohnern festgestellt, dass jeder Mensch uns zeigt, wie es ihm geht und was er möchte – auch wenn er es nicht mehr deutlich sagen kann; so zum Beispiel, indem er das Essen verweigert. Aber natürlich ziehen wir zusätzlich die Erfahrungen und Erlebnisse der Ärzte hinzu, fragen Angehörige und Pflegekollegen nach ihren Eindrücken und ihrer Meinung mit Blick auf eine Bewohnerin oder einen Bewohner.

Heike Sporkhorst: Gerade bei „unklaren Fällen“ hilft es, sich im Ethikkomitee zu beraten und verschiedene Perspektiven und Meinungen einfließen zu lassen. Das ist besonders für die Mitarbeiter eine Entlastung, die solche Entscheidungen umsetzen sollen – weil sie nicht allein gelassen, sondern von der Empfehlung getragen werden.

Sicher ist es doch gerade für Mitarbeiter schwer, wenn Bewohner sterben, die lange im Forum für Senioren gelebt haben?

Heike Sporkhorst: Ja, natürlich sind die seelischen Belastungen für die Mitarbeiter oft hoch. Aber auch hier kann das Ethikkomitee unterstützen.

Das Ethikkomitee kann nur Empfehlungen aussprechen. Wie gehen Sie damit um, wenn Angehörige zu einer ganz anderen Einschätzung kommen?

Heike Sporkhorst: Wenn es Differenzen zwischen Angehörigen und den Mitarbeitern der Einrichtung gibt, sollte das Ethikkomitee moderierend beraten. Gerade bei sehr dominanten Betreuern ist es für die Mitarbeiter eine Entlastung, die Ansprechpartner des Ethikkomitees als Berater hinzuziehen zu können.

Antje Stschepin-Lohfing: Es gab einmal einen Palliativpatienten, dem wir es ermöglichen wollten, ohne Schmerzen und in Frieden zu sterben. Weil diese Entscheidung dann von allen getragen wurde, standen die Mitarbeiter nicht allein da, wenn die Frage auftauchte, ob der Bewohner ins Krankenhaus gebracht werden sollte, obwohl er das gar nicht wollte.

Welche Situationen können neben der Demenz noch zu ethischen Fragen führen?

Heike Sporkhorst: Im John F. Kennedy Haus leben Bewohner in einem geschützten Bereich, für den ein richterlicher Unterbringungsbeschluss notwendig ist. Mobile, erheblich verhaltensauffällige Menschen mit einer medizinisch-therapeutisch nicht beeinflussbaren Demenz werden hier betreut. Mitarbeiter des Bereiches entscheiden gemeinsam mit den Betreuern, wie lange ein richterlicher Unterbringungsbeschluss aufrechterhalten werden muss. Ziel ist es, einen Bewohner nur so lange in diesem geschützten Bereich zu betreuen, wie nötig. Eine umfassende Beratung und Schulung der Mitarbeiter ist da besonders wichtig.

Ethikkomittee der Vivantes Forum für Senioren GmbH

Mitglieder des Ethikkomitees von links nach rechts: Antje Stschepin-Lohfing, Ilona Bialek, Jasmina Pipic, Carolin Wiggert, Gundula Hötzer und Heike Sporkhorst. Nicht abgebildet sind Petra Kornau und Madlen Franz.

Hintergründe:

Das Ethikkomitee ist interdisziplinär aufgestellt und besteht aus Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern und Pflegefachkräften. Auch Vertreterinnen und Vertreter der Seelsorge, der therapeutischen Angebote sowie Ärztinnen und Ärzte sind Teil des Beratungsteams.

Ziel ist es, die Menschen der Hauptstadtpflege individuell zu versorgen und ihnen ein autonomes Leben nach eigenem Willen zu ermöglichen.

Kommentare anzeigen (0)

Kommentar schreiben

Ja, ich habe die Datenschutzerklärung zur Kenntnis genommen und bin damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten elektronisch erhoben und gespeichert werden. Ich nehme außerdem zur Kenntnis, dass der von mir angegebene Name neben meinem Kommentar erscheinen wird.

Meine Daten werden dabei nur streng zweckgebunden zur Bearbeitung und Beantwortung meiner Anfrage benutzt.

Mit dem Absenden des Kommentars erkläre ich mich mit der Verarbeitung einverstanden.

This is a unique website which will require a more modern browser to work! Please upgrade today!