Ey Alter – Gebrechlichkeit ist keine Frage von Lebensjahren

Dr. Oliver Altenkirch

Im Jahr 2050 sind in Deutschland voraussichtlich doppelt so viele Menschen über siebzig wie heute und der Anteil der über 90 Jährigen verdreifacht sich. Über die Hälfte der Bevölkerung wird älter als 52 Jahre alt sein, ein Drittel älter als 65. Was bedeutet das für die Medizin? Und wie kann man dem biologischen Alter selbst entgegenwirken? Darüber berichtet Dr. Oliver Altenkirch, Chefarzt des neu zertifizierten Zentrums für Alterstraumatologie im Vivantes Wenckebach-Klinikum.

Es heißt, heutzutage bleibe man „länger jung“ – was kann man dafür tun?

Weiterhin gilt die Regel „wer sich bewegt, der rostet nicht“. Sport ist nicht nur in der Jugend sinnvoll um die Muskeln zu stärken, sondern gerade im Alter besonders wichtig. Es stärkt die Abwehrkräfte, beugt dem Risiko vor zu stürzen und verbessert sogar die kognitiven Fähigkeiten und die Koordination. Das heißt, durch körperlichen Einsatz wird auch die Beweglichkeit im Kopf gefördert und Demenz vorgebeugt.

Welche Sportarten eignen sich?

Im Alter sollten die Gelenke geschont werden. Der Klassiker ist das schnelle Spazierengehen, „nordic walking“; das geht auch ohne Wanderstöcke. Laufen mit schnellem Schritt regt Herz und Kreislauf an und hält gesund.

Sport hält jung – und trotzdem kann man den Alterungsprozess nicht aufhalten. Welche Erkrankungen sind im höheren Lebensalter typisch?

Mehrfache Grunderkrankungen von Niere, Herz, Lunge oder Demenz kommen im Alter häufiger vor und auch der natürlichen Alterung der Organe kann man nicht entgegenwirken, aber es gibt durchaus die Möglichkeit, das biologische Alter aktiv zu beeinflussen. In der Altersmedizin macht der Begriff der „frailty“ die Runde, der den Grad an Gebrechlichkeit definiert: „F“ steht für Fatigue (Müdigkeit), „R“ für Resistance (Muskelkraft), „A“ für Ambulation (Gehfähigkeit), „I“ für illness (Krankheiten) und „L“ für loss of weight (Gewichtsverlust). Den Patientinnen und Patienten werden bei der Aufnahme entsprechende Fragen gestellt: Fühlen Sie sich oft schlapp? Wie viele Treppenstufen können Sie steigen? Können Sie 100 Meter gehen? Welche Erkrankungen haben sie (mehr als fünf)? Haben sie in den letzten Monaten mehr als 5 Kilo abgenommen? Wer keines der Kriterien erfüllt, ist fit, wer mindestens drei erfüllt ist „prefrail“.

Was hat die Einschätzung als „frail“ medizinisch zur Folge?

Es zeigt, wie hoch das Risiko für Knochenbrüche ist, wie belastbar Patienten zum Beispiel mit Blick auf eine Operation und den damit verbundenen Stress sind. Aber durch die Kombination von Bewegungs- und Ernährungsprogrammen können die Prozesse angehalten oder sogar rückgängig gemacht werden.

Ihr Zentrum für Alterstraumatologie wurde jetzt durch die DGU (Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie) zertifiziert. Wie profitieren die Patienten davon?

Die Patientinnen und Patienten werden vom ersten Moment an gemeinsam von unfallchirurgischen und geriatrischen Experten betreut. Sie merken im Idealfall nicht, dass sie im Zentrum für Alterstraumatologie sind, weil sie von der Aufnahme bis zur Entlassung nicht aus ihrem Bett von der Unfallchirurgie verlegt werden und dasselbe Team aus Pflegekräften, Therapeuten und Ärzten bei ihnen ist. Die Interdisziplinarität ist uns sehr wichtig – alle Visiten und Besprechungen erfolgen gemeinsam.

Unterscheidet sich die Behandlung von jungen Menschen und Hochbetagten?

Operativ sind die Eingriffe vergleichbar, bei älteren Menschen unterscheiden sich die Frakturtypen in der Art und Ausprägung (Frakturen in der Nähe einer Gelenkprothese oder aufgrund von Osteoporose). Entscheidend ist aber die Nachsorge. Wir wollen unsere betagten Patientinnen und Patienten nach der Operation schnell wieder voll belastbar machen. Dazu setzen wir die Physiotherapie und die aktivierende Pflege (Pflege nach „Bobath-Konzept“) ein. Im Augenblick erreicht ungefähr die Hälfte der Patienten nach einer OP wieder die Selbstständigkeit, die sie vorher hatten – da wollen wir noch besser werden.

Merken sie jetzt schon demographischen Wandel in der Klinik?

Ja, im Vivantes Wenckebach-Klinikum werden viele über 90 und 100jährige behandelt. Es gibt für Operationen keine „Altersbegrenzung“, weil sich das Alter wie gesagt nicht nach dem Geburtsdatum richtet. Nur bei schwersten Herz- und Lungenerkrankungen bzw. Multiorganerkrankungen wird in Einzelfällen davon abgeraten.


Fotos: Dr. Altenkirch – Regina Sablotny; Fotolia.com 6781811

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