Familien & Sucht – wenn Eltern alkoholabhängig sind

Der Vivantes Psychiater und Experte für Entwöhnungstherapie Dr. Darius Chahmoradi Tabatabai ist Chefarzt in der Hartmut-Spittler-Fachklinik in Schöneberg. Er hat täglich mit Menschen zu tun, die den Weg aus der Sucht suchen. Er macht darauf aufmerksam, dass dabei die Kinder nicht vergessen werden dürfen, die ebenfalls darunter leiden, wenn die Eltern alkohol- oder drogenabhängig sind und sich nicht in angemessener Weise um sie kümmern. 

Was bedeutet es für Kinder, wenn die Eltern eine Abhängigkeitserkrankung haben?

Dr. Darius Chahmoradi Tabatabai: Es gibt sehr unterschiedlich ausgeprägte Konsumstörungen. Wir sprechen von risikoarmem, riskantem und schädlichem Alkoholkonsum. Entsprechend sind Kinder auch weniger oder mehr von den Auswirkungen beeinträchtigt. Das scheinbar sozialverträgliche Trinken ist aber Teil des Problems: Je früher erkannt wird, dass ein Elternteil zu viel trinkt, desto besser lässt sich gegensteuern.
Das stimmt, nicht jeder Alkoholiker beginnt den Tag mit einem Schnaps oder ist gewalttätig.

Was, wenn der Alltag unter der Sucht bestens funktioniert?

Alkohol ist in vielen Familien selbstverständlich. Drei halbe Liter Bier am Tag sind für viele Menschen „noch in Ordnung“. Aber die gesundheitlichen Schäden zeigen sich auf lange Sicht. Während der Alkohol subjektiv eine entspannende Wirkung zu haben scheint, kann das Elternteil die Bedürfnisse des Kindes möglicherweise nicht mehr erkennen und bringt ihm nicht die nötige Aufmerksamkeit entgegen.

Und wie leiden Kinder von starken Alkoholikern? 

Sie müssen häufig zu früh große Verantwortung übernehmen – teilweise auch für ihre Eltern und sind mit dieser Rolle überfordert. Das hat unmittelbare Auswirkungen auf Freundschaften, führt zu Schulproblemen, sie müssen in ihren Bemühungen zwangsläufig scheitern. Vertrauen und Verlässlichkeit, die für Kinder so wichtig sind, fehlen ihnen. Oft wollen sie ihre familiären Probleme in der Schule und im Umfeld geheim halten.

Woran können Erzieher, Lehrer oder Sporttrainer erkennen, dass Kinder aus einer suchtbelasteten Familie kommen?

Die Kinder fallen in der Regel dadurch auf, dass sie nicht auffallen, weil niemand von ihren Problemen wissen soll. Deshalb ist es auch schwer sie zu erkennen. Letztlich müssen subtile Anzeichen auch in Verbindung mit den Eltern und deren Auftreten gedeutet werden.

Ist es nicht schwer auf einen Kindergarten-Vater auf seine Alkoholfahne anzusprechen?

Trotzdem sollte man es versuchen – ohne Vorverurteilung und moralischen Zeigefinger. Stattdessen kann man ausdrücken, dass man sich sorgt, sich fragt, ob es dem anderen gut geht und es ungewöhnlich findet, dass er tags trinkt. Das Verständnis für das Gegenüber sollte im Vordergrund stehen. Bei akuter Kindeswohlgefährdung besteht gleichzeitig Handlungszwang zum Schutz des Kindes- das bleibt ein Dilemma.

Kinder kommen erstmals innerhalb der Familie in Kontakt mit Alkohol – nicht etwa bei Freunden. Wie verhält man sich dabei richtig?

Die Eltern haben eine wichtige Vorbildfunktion. Sie sollten einen realistischen Umgang pflegen und nicht doppelbödig argumentieren nach dem Motto „wir sind älter, wir dürfen mehr trinken.“ In der Pubertät, wenn sich Jugendliche durch den Probierkonsum von den Eltern abgrenzen wollen, sollten sie merken, dass sich ihre Eltern interessieren aber auch Sorgen machen. Sie können vermitteln, dass Grenzen austesten dazugehört, aber die Jugendlichen die Kontrolle behalten sollen (sogenannter „safer use“). Gleichzeitig ist auch klar, dass der erste Rausch nicht gleich in eine Abhängigkeit führt.

Wie wahrscheinlich ist, dass Kinder Konsumstörungen entwickeln, wenn die Eltern diese haben?

Suchterkrankungen sind – soweit das erforscht ist – nicht erblich und die Gründe, die in eine Sucht führen, sind vielfältig. Auf jeden Fall lernen die Kinder vom Verhalten der Eltern. So kann man feststellen, dass 30 bis 40 Prozent der Kinder suchtkranker Eltern selbst auch eine Konsumstörung entwickeln.

Heißt das, Sucht wird als Strategie erlernt und erlebt, die im Leben hilft?

Ja, wenn Eltern in bestimmten Momenten trinken, beispielsweise um emotional zur Ruhe zu kommen, dann kann es passieren, dass Kinder dies später imitieren bzw. nicht lernen auf alternative Strategien (z. B. mit anderen zu sprechen) zu vertrauen.

Wie unterstützt die Hartmut-Spittler-Fachklinik die Eltern und ihre Kinder, die den Weg schon in die Entwöhnung gefunden haben?

Wir bieten Elternarbeit an in Form von Psychoedukation, Beratungen und einem Skilltraining. Zusätzlich sind wir vernetzt mit Trägern, die Hilfen für Kinder und Jugendliche anbieten wie z.B.  „ESCAPE“ vom Notdienst Berlin, der in Tempelhof-Schönberg u.a. Gruppenarbeit anbietet. Aufsuchende „Hilfen zur Erziehung“ (z.B. Familienhelfer) werden auch von den Jugendämtern angeboten.

Wenn bei einer Kindeswohlgefährdung ein Kind in Obhut genommen wird, kann das nicht traumatisierend wirken?

Das passiert nur in Ausnahmefällen als Extremfall der Krisenintervention. Zunächst werden alle Bausteine erwogen und angeboten, die das Familiensystem stützen und schützen. Es gibt Therapieauflagen für die Eltern, damit sie ihr Sorgerecht behalten können. Bei den Kindern bleiben zu können ist zudem eine starke Motivation für die Eltern, an sich zu arbeiten. Es ist ein lohnenswerter Balanceakt.

Haben Sie zum Schluss noch einen Tipp für allgemein Interessierte, wie für das Thema sensibilisiert werden kann?

Wir regen in Schulen an, den Film „Zoey“ von 2015 zu zeigen, in dem es um ein 14-jähriges Mädchen geht, das mit dem Rückfall ihres alkoholkranken Vaters zu kämpfen hat.

Vivantes
Klinik für Entwöhnungstherapie
Hartmut-Spittler-Fachklinik

im Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum
Rubensstraße 125
Haus 30 , 5. OG
12157 Berlin Schöneberg

Tel. (030) 130 20 8604

Sucht in Deutschland – die Hartmut-Spittler-Fachklinik

Schätzungen zufolge entwickeln 11,2 Prozent der Gesamtbevölkerung jährlich eine behandlungsbedürftige Alkoholerkrankung, eine sogenannte alkoholbezogene Störung. Auch die missbräuchliche Einnahme von Medikamenten und illegalen Substanzen (Drogen) ist in der Gesellschaft kein Randproblem.

Mit einem fachkompetenten Team, einer auf den Einzelnen zugeschnittene Therapie und zahlreichen Freizeitangeboten begleitet und unterstützt die Klinik ambulant und stationär auf dem Weg zu einer Lebensveränderung. Hartmut Spittler (1923-1992) war einer der ersten Mediziner in Berlin, die stationäre Suchttherapie praktizierten. Der Namensgeber der Klinik hatte sich als Psychiater und Psychoanalytiker in der Nervenklinik Berlin-Spandau auf die Behandlung der Alkoholkrankheit spezialisiert.

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