Gewalt zu Hause

Prof. Dr. Stephanie Krüger

Häusliche Gewalt trifft zu 80 Prozent Frauen. Den meisten von ihnen fällt es schwer, sich Hilfe zu suchen. Vivantes bietet eine ambulante Sprechstunde für Gewaltopfer an, in der sie schnell und unbürokratisch Hilfe finden – medizinisch, psychologisch und praktisch. Mitinitiatorin der Initiative ist Prof. Dr. Stephanie Krüger, Chefärztin des Zentrums für Seelische Frauengesundheit am Vivantes Humboldt-Klinikum

Alles, was sich in den eigenen vier Wänden abspielt, gilt gemeinhin als privat.
Gewalt an dem Ort, der eigentlich Schutz und Geborgenheit vermitteln sollte, wird daher oftmals verharmlost oder verschwiegen. Viele Opfer sprechen nicht darüber – aus Angst oder Scham oder weil der Täter der Mensch ist, der ihnen am nächsten steht, dem sie vertrauen und von dem sie sich geliebt fühlen. Experten gehen von einer hohen Dunkelziffer aus, denn nur 20 Prozent der Betroffenen suchen sich Hilfe.

Körper und Seele leiden

Jede vierte Frau hat mindestens einmal in ihrem Leben körperliche oder sexuelle Partnerschaftsgewalt erlebt: Sie reicht von Mord, Körperverletzung über Vergewaltigung bis hin zu psychischer Gewalt wie Auswüchse von Machtausübung und Kontrolle, Demütigung und Erniedrigung durch den (Ex-)Partner oder den  (Ex-)Ehemann. Die Folgen für die Betroffenen sind gravierend: Körper und Seele leiden – akut wie auch langfristig. Prof. Stephanie Krüger: „Die Frauen sind oft stark traumatisiert, leiden unter Ängsten, dauerhafter Anspannung, Schlafstörungen, Erschöpfung und Appetitstörungen. Sozialer Rückzug, aber auch körperliche Symptome wie z. B. chronische Schmerzen sind ebenfalls häufige Anzeichen. Nach anhaltender Gewaltexposition kann es zu Depressionen oder der Entwicklung einer Abhängigkeit von Alkohol oder Beruhigungsmitteln kommen. Paradoxerweise haben viele Frauen aber auch Schuldgefühle, weil sie denken, selbst an der Situation schuld zu sein. Im Durchschnitt dauert es sieben Jahre, bis eine Frau es schafft, sich der Gewalt z. B. durch Trennung zu entziehen. Bis dahin ist seelisch meistens sehr viel zerbrochen.“

Um den Opfern ohne Umwege zu helfen, haben das Department für Seelische Gesundheit und das Zentrum für Seelische Frauengesundheit am Vivantes Humboldt-Klinikum die Zusammenarbeit mit der Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen (BIG e. V.) und der Polizei intensiviert. Sie schufen einen eigenen Schwerpunkt für die Opfer häuslicher Gewalt: eine ambulante Sprechstunde, in der die Frauen psychologisch und psychiatrisch betreut werden. Prof. Stephanie Krüger: „In der Sprechstunde im Zentrum für Seelische Frauengesundheit stellen sich Frauen zunächst mit ihren  psychischen Beschwerden vor. Dass sich dahinter eine Gewalterfahrung verbirgt, wird oft erst später klar. Wir möchten Frauen unkompliziert ärztliche, psychologische und sozialarbeiterische Unterstützung bieten, wenn den psychischen Symptomen häusliche Gewalt zugrunde liegt.“
Dabei sei es wichtig, sensibel vorzugehen, berichtet die Chefärztin. „Oftmals leiden die Frauen unter massiven Scham- und Schuldgefühlen und haben Probleme, zu erzählen, was ihnen zu Hause angetan wird. Selbstverständlich  behandeln wir die offenkundigen psychischen Symptome wie Angst, Depressivität oder Substanzkonsum. Wir versuchen darüber hinaus aber auch, den Frauen aufzuzeigen, welche Möglichkeiten es gibt, die Gewalt zu beenden.“

Unterschiedliche Tätertypen

Um auch die Täter zu behandeln, diejenigen, die die Gewalt ausüben, ist der Aufbau einer Risikoambulanz am Vivantes Humboldt-Klinikum geplant. Zum Täterprofil sagt Prof. Stephanie Krüger: „Es ist nicht einheitlich. Forschungen zeigen, dass es einmal denjenigen gibt, der sowieso ein hohes Aggressionspotenzial hat und nicht nur zu Hause ‚draufhaut’. Dann gibt es den sozial Angepassten, der zu Hause seine Aggressionen abbaut. Ein dritter Typ hat aufgrund eigener Selbstwertprobleme eine starke Tendenz zum Kontrollieren und Dominieren, er übt eher psychische als körperliche Gewalt aus. Schließlich gibt es denjenigen, der im Grunde kein aggressiver Partner ist, dem aber z. B. im Rahmen eines Streits die ‚Hand ausrutscht’.

Häusliche Gewalt ist kriminelles Unrecht

Neben der Vivantes Sprechstunde, die den Gewaltopfern als niedrigschwelliges Hilfsangebot auf kurzem Wege offensteht, darf nicht vergessen werden: Polizei und Justiz können die Opfer wirksam schützen. Um dabei aber schnell und effektiv vorgehen zu können, müssen die Vorfälle öffentlich gemacht werden. Deshalb bittet die Polizei:

  • Teilen Sie sich einer Person Ihres Vertrauens mit, erstatten Sie Anzeige gegen den Täter, wählen Sie im akuten Fall den Notruf 110
  • Die Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen (BIG e. V.) unterstützt Frauen und ihre Kinder, die Gewalt ausgesetzt sind. Die BIG arbeitet eng mit der Polizei zusammen und ist täglich rund um die Uhr erreichbar
    Tel. 030 611 0300
  • In Deutschland gibt es 360 (anonyme) Frauenhäuser mit insgesamt rund 6.800 Betten. Das Kontingent reicht aber nicht aus.
  • Ambulante Sprechstunde im Zentrum für Seelische Frauengesundheit im Vivantes Humboldt-Klinikum, Am Nordgraben 2, 13509 Berlin
    Tel. 030 130 12 2464

Dieser Artikel stammt aus unserem Patientenmagazin „gesund! Leben in Berlin!“ – Ausgabe 01/2018

Foto: AB_iStock180135142

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