Lasst die Kinder fliegen!

Sogenannte Helikopter-Eltern überwachen und kontrollieren ihre Kinder und mischen sich nachdrücklich in deren Leben ein. Die Folgen: Der Nachwuchs bleibt unselbstständig und lernt nicht, Verantwortung zu übernehmen.

Pädagogen sprechen von einer „zwanghaft perfekten Erziehung“, alles soll vollkommen sein. Die Eltern lieben ihre Kinder, übertreiben es allerdings mit der Fürsorge und richten damit Schaden an. Dabei wollen sie meist nur das Beste. Doch darüber verlieren sie das Maß und zugleich das wichtige Erziehungsziel – die Selbstständigkeit – aus den Augen.

Lehrer und Erzieher sind genervt von der zunehmenden Einmischung der Eltern in Schule und Kindergarten, von den überängstlichen und überengagierten Müttern und Vätern, die ihre Kinder mit dem Auto zur Schule fahren, bis in die Klasse begleiten, ihnen Schulbrote und Turnbeutel nachtragen, Schulnoten anzweifeln, Hausaufgaben übernehmen, sich in Streitereien mit Freunden einmischen und sogar auf Sportplätzen prügeln – einfach alles übernehmen und lösen, durchplanen und -organisieren.

Selbsterfahrung und Selbstbild

Den Kindern werden so wertvolle eigene Erfahrungen vorenthalten. Sie lernen nicht, mit Entbehrungen, Bedürfnisaufschub und Frustrationen umzugehen, sie sind nicht konfliktfähig. Entscheidungen treffen, Mut entwickeln, streiten, versöhnen, ausprobieren, scheitern, erfolgreich sein – diese und ähnliche Erfahrungen sind aber zwingend notwendig für die persönliche Entwicklung und das Entstehen eines Selbstbildes. Noch nie gab es so viele verhaltensauffällige Kinder in den Praxen von Familientherapeuten. Kinderpsychiater stellen fest: Überbehütung kann ähnlichen Schaden in einer Kinderseele anrichten wie Vernachlässigung. Warum entwickeln sich Eltern, denen noch nie so viel an Wissen über die körperliche und seelische Entwicklung ihrer Kinder zur Verfügung stand, zu Überwachungshubschraubern?

„gesund“ sprach mit Diplom-Psychologe Clemens Povel, dem Leitenden Psychologen der Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik an drei Vivantes Standorten.

Herr Povel, wie erklären Sie sich das Phänomen der Helikopter-Eltern?

Die sogenannten Helikopter-Eltern nehmen die kindlichen Grundbedürfnisse unzureichend wahr und arbeiten sich an der Versorgung der Kinder ab. Damit stillen sie ihre eigenen Bedürfnisse, nicht die ihrer Kinder. Die dahinterliegenden Gründe sind unterschiedlich, und sie hängen mit der Lerngeschichte und der Persönlichkeit der Eltern zusammen. Oft gibt es auch eine negative Paardynamik der Eltern, die durch die Fokussierung auf die Kinder ausgeblendet wird.

Wie erleben Sie in Ihrer praktischen Arbeit Kinder, die unter einer Überbehütung leiden?

Die Kinder werden in ihrer Autonomie und Selbstständigkeitsentwicklung behindert. Jüngere Kinder verhalten sich häufiger oppositionell. Spätestens ab dem 10. Lebensjahr treten auch vermehrt Probleme in der Schule und im Kontakt mit Gleichaltrigen auf. Im Jugendalter kommt es zu Konflikten mit den Eltern, wenn es den Jugendlichen nicht gelingt, eigene Ziele zu entwickeln und sich von der Familie abzulösen.

Halten Sie Helikopter-Eltern für beratungsoffen?

Die Eltern stellen ihre Kinder aufgrund von Problemen, die sie und oft auch die Lehrer bei den Kindern sehen, bei uns vor. Im Anamnesegespräch über die Lebensbedingungen der Familie thematisieren wir die Erziehungseinstellungen und das Erziehungsverhalten der Kindseltern. Oft ist es in der Beratung erforderlich, die Entstehung der elterlichen Erziehungskonzepte aus der eigenen Lebensgeschichte herzuleiten und mit den Eltern die Konflikte herauszuarbeiten. Manchmal entwickeln wir daraus auch die Empfehlung an die Eltern, sich selbst in eine psychotherapeutische Behandlung zu begeben.


Dieser Beitrag stammt aus unserem Patientemagazin „gesund! Leben in Berlin“ – Ausgabe 04/2017

Foto: iStock 509813720

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