Psychische Erkrankungen im Jugendalter

Immer mehr junge Erwachsene leiden unter psychischen Erkrankungen. Rund ein Viertel aller 18 bis 25-Jährigen ist betroffen. Die Erfahrung von Professor Andreas Bechdolf, Chefarzt der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik am Vivantes Klinikum Am Urban sowie der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Vivantes Klinikum im Friedrichshain: „Wer sich früh Hilfe holt, kann den Krankheitsverlauf wesentlich verbessern.“

Depressionen, krankhafte Ängste oder Panikattacken – immer mehr junge Menschen leiden unter seelischen Erkrankungen wie diesen. Zwischen 2005 und 2016 stieg die Zahl Betroffenen um 38 Prozent auf über 25 Prozent an, so das Ergebnis des Arztreports 2018 der Barmer Krankenkasse. Unter allen Bundesländern hat dabei Berlin den höchsten Wert mit 30,2 Prozent. Die niedrigsten Werte verzeichnen Nordrhein-Westfalen und Bayern mit 24,2 und 24,6 Prozent.

„Allerdings suchen sich längst nicht alle Hilfe“, konstatiert Professor Andreas Bechdolf. Für den Vivantes Experten für die Behandlung von Menschen mit Psychosen, für die Früherkennung und Frühbehandlung von Psychosen und bipolaren Erkrankungen sowie für die Entwicklung innovativer Versorgungsformen sind die Werte daher auch keine Überraschung. Die veröffentlichten Zahlen belegen für ihn eher: „Hier hat sich das Verhalten der Betroffenen geändert, sie gehen häufiger zum Arzt, sie suchen nach einer Diagnose und einer geeigneten Therapie – und das ist erst einmal eine gute Entwicklung.“

Gesellschaftliche Aufgabe

Häufig vermeiden die jungen Menschen aus Scham den Gang zum Arzt. „Eine frühe Diagnose und eine zügig daran anschließende Therapie sind aber extrem wichtig“, betont Professor Andreas Bechdolf. Vor allem die professionellen Helfer sieht er in der Verantwortung: „Es ist unsere Aufgabe, leicht zugängliche, nicht stigmatisierende Angebote zu schaffen und die Not der Betroffenen zu lindern.“ Professor Andreas Bechdolf sieht es auch als gesellschaftliche Aufgabe, jungen psychisch kranken Frauen und Männern vorurteilsfrei zu begegnen: „Wo Depressionen, krankhafte Ängste oder Panikfälle weniger stigmatisiert sind, steigt in der Regel die Nachfrage nach professioneller Hilfe, Arbeitsunfähigkeiten sowie Berentungen gehen zurück. Ein weiterer Effekt: Behandeln Ärztinnen und Ärzte häufiger Patienten und Patientinnen mit psychischen Problemen, dürften sie auch insgesamt solchen Diagnosen gegenüber offener werden.“ Eine wichtige Rolle kommt dabei auch den Hausärztinnen und -ärzten zu. Sie übernehmen meist als erster Ansprechpartner eine Lotsenfunktion. Ebenfalls mitentscheidend ist die Facharzt-Dichte in der jeweiligen Region. Eine Erschwernis auf dem Weg in eine angemessene Behandlung ist das lange Warten auf eine Psychotherapie. „Bis zu einem Behandlungsbeginn vergehen in der Regel mehrere Monate, viele Therapiesuchende verlieren in der Zeit die Hoffnung und geben die Suche nach einer Therapeutin oder einem Therapeuten auf.“

Hilfe aus dem Netz?

Im Internet finden Betroffene inzwischen eine Vielzahl an Smartphone- und Online-Apps für psychologische Hilfe, wie etwas MoodGYM, Arya Selfapy, Velibra, Super Better oder Moddkit. Der Schwerpunkt liegt dabei überwiegend auf der Selbstreflexion und Änderung des Lebensstils. Unter den vielen Angeboten finden sich auch gesprächsbasierte Anwendungen mit wissenschaftlichem Hintergrund. Oft ist der Zugang allerdings recht kompliziert. Um sicher zu gehen, dass es sich um seriöse Angebote handelt, sollte man sich zunächst informieren, wer dahinter steckt, und prüfen, ob eine psychiatrische Expertise vorhanden ist. Vorsicht ist geboten bei kostenpflichtigen Angeboten. Ein wichtiger Hinweis: Grundsätzlich kann eine internetbasierte psychotherapeutische Intervention ergänzen, nachsorgend oder vorbereitend sein, aber niemals eine Psychotherapie ersetzen.

Deswegen rät Professor Andreas Bechdolf, sich zunächst unbedingt an einen Experten zu wenden, zum Beispiel im FRITZ am Urban. In dem Frühinterventions- und Therapiezentrum finden junge Menschen eine Anlaufstelle, die in Krisensituationen frühe Hilfe bietet, um psychische Erkrankungen von vornherein zu verhindern, sie rechtzeitig zu erkennen und zu behandeln. Hier arbeitet ein multiprofessionelles Team aus den Bereichen Psychologie, Medizin, Pflege sowie Physio-, Ergo- und Musiktherapie und Sozialarbeit eng zusammen, um psychisch Erkrankte optimal zu behandeln. Mit einer Früherkennungssprechstunde (FIT im FRITZ) und einem stationären (FRITZ Station) Behandlungsangebot steht den Betroffenen medizinische und therapeutische Unterstützung zur Verfügung. Zusätzlich leistet das FRITZ on tour Öffentlichkeitsarbeit: An Schulen vermittelt es Informationen und klärt über seelische Erkrankungen auf.

Ruhemodus verlernt

Was die jungen Menschen so bedrückt, darüber hat die Forschung noch keine endgültigen Erkenntnisse geliefert. Wie hoch der biologische oder gesellschaftliche Anteil ist, kann man nicht abschließend benennen. Ergebnisse aus der Genetik zeigen allerdings, dass weder die Gene noch das Umfeld allein verantwortlich sind, sondern beide Faktoren zusammenwirken.
Mitunter wirken sich die veränderten Lebensbedingungen in diesen Zeiten der Digitalisierung auf das Befinden junger Erwachsener aus: Viele haben es verlernt, zur Ruhe zu kommen. Das Leben im Online-Modus ist für viele nicht mehr zu kontrollieren, einige nutzen die digitalen Möglichkeiten als Entlastung, andere dagegen überlassen mittlerweile dem Smartphone die Taktung ihres Lebens.

Therapie zu Hause

„Der Behandlungsbedarf in der Psychiatrie steigt seit Jahren“, stellt Professor Andreas Bechdolf fest. „Der Trend geht dabei zur aufsuchenden Behandlung – die Krankenhausaufnahmen werden zurückgehen.“ Der Chefarzt sieht in Zukunft vielmehr einen Bedarf an psychiatrischem „Home-Treatment“ oder einer „stationsäquivalenten psychiatrischen Behandlung“ im häuslichen Umfeld. „Das heißt, immer mehr Menschen benötigen eine Krankenhausbehandlung, die durch mobile ärztlich geleitete multiprofessionelle Behandlungsteams erbracht wird“, prognostiziert Professor Bechdolf. Ist sie ebenso flexibel und komplex wie eine vollstationäre Behandlung, kann die „Heim-Therapie“ durchaus eine vollstationäre Behandlung ersetzen.

Das FRITZ am Urban hat sich schon darauf eingestellt. Im Rahmen des Modellprojektes „FlexiTeam“ mit der DAK Krankenkasse kann ein Team aus Ärztinnen und Ärzten, Psychologinnen und Psychologen sowie Pflegenden der Vivantes Kliniken Am Urban, im Friedrichshain sowie Neukölln Patientinnen und Patienten ambulant oder zu Hause im „Home Treatment“ behandeln. Die Erkrankten können vermehrt ambulante Termine mit dem FlexiTeam vereinbaren. So ist es möglich, flexibel auf den individuellen Bedarf einzugehen, um bei akuten psychischen Krisen oder Erkrankungen die stationäre Behandlung zu verkürzen oder sogar zu ersetzen. Voraussetzung ist die  Krankenversicherung der DAK. Über die Möglichkeiten der Behandlungen im FlexiTeam entscheiden das Team selbst und die Behandelnden im Krankenhaus gemeinsam mit dem Patienten oder der Patientin, auch in Rücksprache mit den behandelnden Therapeuten oder Ärzten des Patienten. Das Modellprojekt läuft seit 2016 mit starker Resonanz und großem Erfolg.


Der Artikel stammt aus dem Vivantes Patientenmagazin „gesund! Leben in Berlin“ – Ausgabe 02/2018


Foto: AB_iStock-509630162

Kommentare anzeigen (0)

Kommentar schreiben

Ja, ich habe die Datenschutzerklärung zur Kenntnis genommen und bin damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten elektronisch erhoben und gespeichert werden. Ich nehme außerdem zur Kenntnis, dass der von mir angegebene Name neben meinem Kommentar erscheinen wird.

Meine Daten werden dabei nur streng zweckgebunden zur Bearbeitung und Beantwortung meiner Anfrage benutzt.

Mit dem Absenden des Kommentars erkläre ich mich mit der Verarbeitung einverstanden.

This is a unique website which will require a more modern browser to work! Please upgrade today!