10 Jahre Tagesklinik für bipolare Störungen im Vivantes Humboldt-Klinikum

In der Tagesklinik für bipolare Störungen im Vivantes Humboldt-Klinikum treten Patientinnen und Patienten mit Angehörigen und Behandelnden in den „Trialog“. Die leitende Psychologin Yvonne Zeisig berichtet, wie sich die Akteure mit den drei unterschiedlichen Perspektiven gegenseitig bereichern.

Yvonne Zeisig

Was lernen Betroffene von ihren Behandlern (wie Ärztinnen und Ärzten, Psychologinnen und Psychologen, Pflegekräften und Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten)?

Für Patienten und Patientinnen geht es darum, mit Hilfe der Behandler aus den Extremen ihrer Stimmungslagen wieder zur inneren Balance zu finden und den eigenen Lebensstil als Chance zu erkennen.

Neben den Therapiesäulen der Medikation und der Psychotherapie ist der ganzheitliche Ansatz der „Lebensführung“ zentral, weil man diese selbst in der Hand hat: Ein gesunder Wechsel von körperlicher Aktivität und Ruhe, ein ausgeglichener Rhythmus zwischen Tag und Nacht mit gutem Schlaf, eine gesunde Ernährung, die soziale Balance – weder kompletter Rückzug aus der Gesellschaft noch blinder Aktionismus. Ein Patient mit Einladung muss sich fragen „Bin ich zu viel auf Partys? Oder würde es mir gut tun, mal wieder auszugehen?“ Kurz: Die Betroffenen lernen von den Behandlern wichtige Ursachen der eigenen Erkrankung zu erkennen, um mit dieser besser umgehen zu können.

Was lernen Angehörige von Behandlern?

Angehörige sind nicht zwingend aus der Familie der Betroffenen, es können auch Freunde oder sogar Nachbarn sein, die ihnen nahe stehen. Sie kennen die Betroffenen  gut und müssen in der häuslichen oder sozialen Umgebung sehr viel leisten und (er)tragen. Daher ist ihre Teilnahme an psychologischen Gesprächen enorm wichtig. Aufgrund der großen Belastungen wird es in solchen Gesprächen oft emotional. Die Behandler werden von den Angehörigen als Zeugen herangezogen, um über grundlegende Konflikte der Vergangenheit zu richten – und plötzlich kann bei Ehepartnern die Trennung im Raum stehen. Vorwürfe, Wut und Ärger der Angehörigen sind durchaus berechtigt und doch verhindern sie es, konstruktiv gegen die Erkrankung vorzugehen. Die Angehörigen lernen also von den Behandlern ihre Emotionen zurückzunehmen, den Blick nach vorn zu richten und zu verstehen, was die Erkrankung für die Betroffenen bedeutet.


Was lernen Betroffene von Angehörigen?

Bei der Behandlung von bipolaren Erkrankungen stehen naturgemäß die Betroffenen im Mittelpunkt. Sie durchleben existenzielle Krisen und werden mitunter als psychiatrische Notfälle in die Klinik gebracht. Während Betroffene im Moment der akuten Krankheitsepisode wenig von der eigenen Wesensveränderung mitbekommen, wird von den Angehörigen erwartet, dass diese  „funktionieren“. Sie unterstützen, ermutigen, haben Verständnis, bringen Kleider in die Klinik, besuchen die Betroffenen und nehmen sie nach der Behandlung wieder in Empfang. Es wird kaum berücksichtigt, dass sie sich bei unangemessenem Auftreten in der Öffentlichkeit für die Patientinnen und Patienten schämen könnten, dass sie in die Situation hineingezogen werden, wenn der Job verloren geht, oder kein Geld mehr da ist. Sie lernen, sich in die Lage der Angehörigen zu versetzen und deren großes Engagement zu würdigen.

Was lernen Behandler von Angehörigen?

Angehörige wollen an der Behandlung der Betroffenen teilhaben: „Redet mit uns, sonst wisst ihr nur die Hälfte!“ sagen sie zu den Behandlern, denn im Klinikalltag verhalten sich Betroffene mitunter anders als zu Hause. In der Klinik gibt es Stationsregeln, vielleicht auch weniger Reize oder Konflikte, als im ungeschützten häuslichen Umfeld. Auch kommt es vor, dass Betroffene nicht mehr alle Einzelheiten ihrer Symptome und Verhaltensänderungen erinnern.

So kann ein Behandler zu der Einschätzung kommen, dass der Patient wieder im Gleichgewicht ist, obwohl er weiter Krankheitssymptome hat, die im häuslichen Umfeld zutage treten. Damit lernen Behandler von den Angehörigen, dass sie sie einbeziehen müssen, um die Betroffenen besser zu verstehen.

Was lernen Angehörige von Betroffenen?

Es ist vergleichsweise einfach, Verständnis und Mitgefühl für Menschen mit somatischen Erkrankungen wie Krebs oder einer schweren Verletzung nach einem Unfall aufzubringen. Die bipolare Erkrankung dagegen ist – wie andere psychische Störungen auch – vielerorts noch stigmatisiert. Wenn ein Patient bei einem manischen Schub nicht nach gesellschaftlichen Normen handelt, Regeln übertritt, z.B. lautes und unangemessenes Verhalten an den Tag legt, fühlen sich Angehörige oft bloß gestellt.

Auch Patientinnen und Patienten selbst schämen sich im Nachhinein für ihr Verhalten. Das Krankheitsbewusstsein und das Verständnis des Umfeldes für die Erkrankung entwickeln sich oft erst langsam. Angehörige lernen von den Betroffenen, dass sie nur während einer Krankheitsepisode handeln, wie sie handeln und dass dieses Verhalten nichts mit gesunden Zeiten zu tun hat.

Was lernen Behandler von Betroffenen?

Aus Sicht der Behandler ist das angestrebte Ziel, bipolar Erkrankten den Weg in ein ausgeglichenes Leben zu ermöglichen. Dabei dürfen die Bedürfnisse der Betroffenen nicht aus dem Blick geraten, denn nur gemeinsam kann eine Lösung gefunden werden. Denkbar ist zum Beispiel, dass ein Patient sagt „Ich genieße die überbordende Energie, die positive Stimmung – Normalität erlebe ich als Depression.“

Es ist Aufgabe der Behandler, transparent auch die Kehrseite der Erkrankung aufzuzeigen, wenn beispielsweise durch hypomanische Enthemmung oder depressive Passivität eine Kündigung riskiert wird, oder sich das Jugendamt anmeldet. Letztlich müssen die Betroffenen Experten in eigener Sache werden, um ihren Lebensstil selbst zu steuern. Kurz gesagt: Die Behandler lernen von Betroffenen, dass nur bei Begegnungen auf Augenhöhe ein für alle gutes Ergebnis gefunden werden kann.


Stimmen aus der Tagesklinik für Bipolare Störungen

  • Christina A.: „Für mich ist wichtig, dass meine Krankheit nicht mehr meinen Lebensstil vorgibt, sondern ich durch meinen Lebensstil meine Krankheit kontrolliere.“
  • Uwe Wegener: „Meine Familie und meine ehrenamtliche Arbeit in der Selbsthilfe geben mir Struktur, Freude, Freunde und einen Lebenssinn. Auch als Peer-Berater in der Tagesklinik habe ich erlebt, wie wichtig und hilfreich der Austausch zwischen Menschen mit eigenen Erfahrungen ist. Das trialogische Gespräch zwischen Betroffenen, Angehörigen und Fachkräften hilft allen drei Gruppen.“
  • Christian Lange: „Mir hat es immer geholfen, neugierig zu bleiben und zu experimentieren, was gut für mich ist, und was nicht. Neben dem Kontakt zu anderen manisch-depressiv veranlagten Menschen waren dies das richtige Maß an Bewegung im Freien, gute – in meinem Fall ketogene – Ernährung und zuletzt Vipassana- und Metta-Meditation.“
  • Annett Oehlschläger: „In der Bipolar-Tagesklinik habe ich erfahren, dass und wie ich selbst sehr viel für meine Stabilität tun kann. Es ist meine Überzeugung, dass mein Lebensstil und meine Ernährung die wichtigsten Bausteine dafür sind, dass man psychische Stabilität essen kann.“

Zehnjährige Erfolgsgeschichte der Tagesklinik

Prof. Dr. Peter Bräunig

Prof. Dr. Peter Bräunig, Chefarzt des Departments für Seelische Gesundheit im Vivantes Humboldt Klinikum erzählt von der zehnjährigen Erfolgsgeschichte der Tagesklinik:

„Es gibt in Deutschland keine vergleichbare Tagesklinik zur Behandlung bipolarer Störungen. Daher kommen Patientinnen und Patienten aus dem gesamten Bundesgebiet zu uns. Das verwundert vielleicht, weil es sich um ein ambulantes Angebot handelt – aber die Betroffenen suchen sich in der Regel ein eigenes Quartier.

Uns verbindet mit den Patientinnen und Patienten die Überzeugung, dass es in einem Leben mit bipolarer Erkrankung entscheidend ist, autonom zu bleiben. Dazu versuchen wir mit möglichst wenig invasiver Medizin wie Psychopharmaka auszukommen. Neben Strategien, die auf die allgemeine Gesundheit abzielen, wie eine gute Ernährung und der Verzicht auf Zigaretten, arbeiten wir mit den Betroffenen auch an spezifischen Fragestellungen wie ihren sozialen Kontakten, biologischen Zeitgebern und dem Tagesrhythmus.

Seit der Klinikgründung begleiten uns drei „Peers“, die in der Vergangenheit selbst Erfahrungen mit der Erkrankung gemacht haben und diese jetzt weitergeben.
Außerdem sind wir eng mit dem Bipolaris e.V. verbunden, einem Zusammenschluss von Selbsthilfegruppen, dessen Gründung die Klinik unterstützt hat wie auch mit der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen e.V. (DGBS), einer Fachgesellschaft, in der Patienten, Angehörige und Fachleute im TRIALOG zusammenarbeiten. Wir freuen uns sehr, als erste deutsche Klinik das Gütesiegel der DGBS verliehen bekommen zu haben.

Die Betroffenen lernen in der sogenannten Psychoedukation mehr über ihre Erkrankung, um besser damit zurecht zu kommen und in der Folge auch besser behandelt werden zu können. Auch der Stimmungs- und Behandlungskalender (Life-Chart) mit einer graphischen Darstellung der eigenen emotionalen Schwankungen hilft dabei, das individuelle Profil der Erkrankung zu erfassen und die Behandlung entsprechend anzupassen.“

Prof. Dr. Stephanie Krüger

Prof. Dr. Stephanie Krüger, Chefärztin des Zentrums für seelische Frauengesundheit über die Anfänge der Tagesklinik: „Ich erinnere mich noch gut daran, wie kritisch und sogar belächelnd die Reaktionen waren, als Prof. Bräunig eine Tagesklinik speziell für bipolar erkrankte Menschen etablierte. Vor 10 Jahren war eine solche Spezifizierung noch überhaupt nicht in den psychiatrischen Denksystemen verankert. Ich fand das damals mutig und visionär. Wenn man sich heute ansieht, wie professionell die Tagesklinik für bipolare Störungen geführt wird, wie extrem gut sie von den Patientinnen und Patienten angenommen wird, dann zeigt mir das, dass es sich absolut gelohnt hat, dieses Konzept umzusetzen.“

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