Telemedizin: Schöner leben auf Fuerteventura

Bauchfelldialyse per Telemedizin

Rainer W. lebt auf Fuerteventura. Die Kanareninsel liegt rund 4.500 Kilometer von Berlin entfernt. Trotz der großen Distanz steht der 76-jährige täglich mit dem Vivantes Klinikum im Friedrichshain in Verbindung: per Datenleitung. Hier betreut ein Dialyse-Team den pensionierten Hochschullehrer mittels innovativer Telemedizin.

„Ich bin ein Giftstoffspender“, zwinkert Rainer W. und lacht verschmitzt. Mit seiner Frau, seinem Sohn und seinem Enkel verbringt der Berliner mit Erstwohnsitz in Charlottenburg einen Großteil des Jahres in Costa Calma auf der spanischen Kanareninsel Fuerteventura. Und das seit mehr als 20 Jahren. Von seiner Terrasse blickt er auf den Atlantischen Ozean.

Vergiftungsgefahr – wenn die Nieren versagen

Seit rund einem Jahr leidet der Deutsche an chronischem Nierenversagen: Die Organe funktionieren nicht mehr, wodurch die Konzentration an Giftstoffen in seinem Blut stetig steigt. Normalerweise werden Wasser, Harnstoff, Harnsäure oder Kreatinin über die Nieren mit dem Urin ausgeschieden. Wie etwa 80.000 andere Menschen in Deutschland ist der Rentner deshalb auf eine regelmäßige Dialysebehandlung angewiesen. Ohne sie könnte er nicht überleben.

„Zur nächsten Dialysepraxis müsste ich auf Fuerteventura drei Mal pro Woche 40 Kilometer fahren, pro Strecke“, antwortet der Patient auf die Frage von Björn R., warum er sich nicht vor Ort behandeln lässt. Der Dialysepfleger betreut Rainer W. gemeinsam mit seiner Teamkollegin, der Gesundheits- und Krankenpflegerin Anja J. Einmal im Vierteljahr kommt Rainer W. persönlich zur Kontrolle nach Berlin. Dauerhaft hierbleiben will er nicht: „Ich war zwar immer begeisterter Berliner, möchte aber zu meiner Familie zurück“, betont er.

Mehr Lebensqualität dank Bauchfelldialyse

v.l.: Dr. Fabienne Barbara Aregger, Rainer W., Prof. Dr. Martin Kuhlmann

„Kliniken und Dialysepraxen auf Fuerteventura führen ausschließlich Hämodialysen durch“, sagt Professor Dr. Martin Kuhlmann, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Nephrologie im Vivantes Klinikum im Friedrichshain. Allerdings schränkt diese Form der „Blutwäsche“ die Lebensqualität der Betroffenen stark ein: „Patientinnen und Patienten müssen wesentlich mehr auf Ihre Ernährung achten und fühlen sich nach der Dialyse meist sehr erschöpft“, erklärt der Mediziner.

Darum hat sich Rainer W. nach ausführlicher Beratung mit dem Nephrologen und dessen Kollegin, der Oberärztin Dr. Fabienne Aregger, für eine Bauchfelldialyse entschieden – eine lang etablierte Behandlungsalternative, die in Deutschland allerdings wenig verbreitet ist. Nur 5 bis 6 Prozent aller Nierenkranken erhalten hierzulande eine Peritonealdialyse, so der medizinische Fachbegriff. Als einer der Ersten bekam Rainer W. ein Dialysegerät, das aus der Ferne gesteuert und überwacht werden kann. Dieser telemedizinfähige Cycler ist eine technische Neuerung, die dem 76-Jährigen das Leben seither deutlich erleichtert.

Daten werden täglich kontrolliert

Zwar muss er nun täglich zur Dialyse – das geschieht aber nachts. „Bevor ich ins Bett gehe, schließe ich mich an das Gerät an“, sagt W. Dazu verbindet er einen Schlauch mit einem Zugang an seinem Bauch. Dr. Fabienne Aregger erklärt die Behandlungsmethode: „Der Cycler pumpt eine sterile Zucker-Elektrolyt-Lösung in den Bauchraum und saugt sie nach einiger Zeit wieder ab. In mehreren Durchgängen werden so Wasser und Giftstoffe aus dem Körper entfernt.“ Am Morgen fühlt Rainer W. sich fit. „Tagsüber bin ich nicht eingeschränkt“, bestätigt er.

Nach der Dialyse schickt der Cycler die Daten über ein Modem verschlüsselt an einen Cloud-Server, auf den der Patient und die Klinik Zugriff haben. In Berlin-Friedrichshain kontrollieren die Pflegekräfte Anja J. und Björn R. jeden Morgen die Ergebnisse. Wie lange haben Zu- und Ablauf gedauert? Wie lange blieb die Lösung im Körper? Und wie viel Wasser wurde entzogen?

Blutdruck und Gewicht werden als Wochenübersicht angezeigt. „Wir sehen sofort, wenn es Probleme gab oder der Körper zu wenig Lösung aufgenommen hat“, sagt Pfleger Björn. „Dann rufen wir Herrn W. an, um herauszufinden, was die Ursachen sind. Manchmal hat sich Wasser im Körper eingelagert oder er lag nachts versehentlich auf dem Schlauch.“

Krankenkasse trägt die Kosten

In Fällen wie diesen reagieren Professor Dr. Martin Kuhlmann und Dr. Fabienne Aregger sofort und passen die Programmierung des Geräts an, damit die Dialyse beim nächsten Durchgang möglichst optimal abläuft. Bei Komplikationen gibt es eine 24-Stunden-Rufbereitschaft und einen detaillierten Notfallplan. Das Verhältnis zwischen Patient und Behandlungsteam ist ein besonderes. Man kennt sich. „Frau Dr. Aregger hat mich schon mal gefragt hat, was es Spannendes im Fernsehen gab, weil ich mich erst so spät an die Dialyse angeschlossen habe“, schmunzelt Rainer W., der Krimis liebt.

„Die Fernbetreuung ist dauerhaft möglich, das Gerät muss aber alle 2 Jahre gewartet und unter Umständen ausgetauscht werden“, erklärt Dr. Aregger. „Herr W. ist in Deutschland versichert, seine Krankenkasse übernimmt die Kosten.“ Die liegen nach Erfahrung von Professor Dr. Martin Kuhlmann mit rund 30.000 Euro bei einer Bauchfelldialyse nicht höher als die Kosten für eine gewöhnliche Blutwäsche – trotz Telemedizin.

Weniger Kliniken, mehr Fernbehandlungen

In Großstädten wie Berlin, in denen die Klinikdichte relativ hoch ist, ist Telemedizin nicht so stark verbreitet. „Sie ermöglicht Patienten wie Herrn W. mehr Unabhängigkeit und Lebensqualität“, so Professor Kuhlmann. „Sie ist aber auch sehr hilfreich für bettlägerige Menschen, die sonst mehrmals pro Woche in eine Dialysepraxis transportiert werden müssen.“ Der Chefarzt geht davon aus, dass Telemedizin vor allem in Flächenländern wie Mecklenburg-Vorpommern eine wachsende Rolle spielen wird, in denen die Entfernungen zu Dialysezentren und Kliniken groß sind.

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