Wunderwaffen? Wenn Antibiotika nicht mehr helfen

Die Zeiten, in denen Antibiotika als Wunderwaffe oder Bakterienkiller Nummer eins bezeichnet wurden, sind vorbei. Grund dafür ist die zunehmende Zahl resistenter Erreger sowie die gleichzeitige Stagnation in der Entwicklung neuer Antibiotika. Dr. Martin Franz ist Chefarzt der Klinik für Anästhesie, Intensivmedizin und Schmerztherapie im Vivantes Klinikum Kaulsdorf und erklärt uns, was getan werden muss, um die Wirksamkeit von Antibiotika zu erhalten.

Wogegen helfen Antibiotika – und wogegen nicht?

Antibiotika wirken gegen bakterielle Erkrankungen. Bei allen Krankheiten, die durch Viren erzeugt werden, wie zum Beispiel Atemwegserkrankungen („Husten, Schnupfen, Heiserkeit“) helfen Antibiotika hingegen nicht.

Wie und warum wirken Antibiotika heutzutage immer häufiger nicht mehr?

Der Hauptgrund für die Zunahme von Antibiotikaresistenzen ist die unsinnige Verordnung sowohl in der Tiermast als auch in der Humanmedizin. Rund 50 Prozent aller Verschreibungen in der Humanmedizin sind unangemessen. Damit bekommen die Bakterien die Möglichkeit, sich an die eigentlichen Killer zu gewöhnen, bilden verschiedene Abwehrmechanismen aus und werden dann „immun“ gegen unsere Medikamente.
Wir erleben das oft: Aus Respekt vor einer Infektion ordnen Ärzte ein sehr breit wirksames Antibiotikum an, wo eines mit schmalerem Wirkspektrum sogar besser gewirkt hätte. Daraufhin entwickeln die Keime im Patienten ihre Abwehrstrategien. Wenn dann etwas später eine neue schlimmere Entzündung beim Patienten gefunden wird, steht man mit dem Rücken an der Wand, weil „das Pulver bereits verschossen“ ist.

Wer kann was tun, um diesen Trend zu stoppen?

Alle! Jeder kann seinen Teil dazu beitragen:
Die Politik, indem sie Programme fordert und fördert, die Verordnungen zielgerichteter einzusetzen. Dies ist auf nationaler und internationaler Ebene auch schon der Fall.
Die Kliniken, in dem sie geschultes Personal einsetzen, das die Ärzteschaft unterstützt.
Die Ärzte, indem sie sich an wenige einfache Regeln halten, bevor oder wenn sie ein Antibiotikum verordnen.
Die Patienten, indem sie Antibiotika vom Arzt nicht einfordern und sich im Falle einer Verordnung genau an die Vorgaben halten.

Welche Alternativen gibt es zu Antibiotika?

Unser Körper verfügt über erstaunliche Selbstheilungskräfte, sodass manchmal bei einer Entzündung ein abwartendes oder unterstützendes Verhalten ausreicht. Wichtiger als das Antibiotikum ist ohnehin, die Entzündungsquelle zu entfernen. Leider gibt es mitunter allerdings keine Alternativen. Wenn Infektionen lebensbedrohlich sind, ist es sogar die Pflicht des Arztes, neben weiteren Maßnahmen ein Antibiotikum einzusetzen.

Was tut Vivantes konkret, um Antibiotika-Resistenzen zurückzudrängen?

Vivantes engagiert sich seit mehreren Jahren für das sogenannte „Antibiotic Stewardship“. Mit zielgerichteten Maßnahmen, wie einem Handbuch für Ärztinnen und Ärzte, trägt dieses zum maßvollen Umgang mit Antibiotika bei. Durch interdisziplinären Austausch, Fortbildungen und eine hohe Transparenz mit Blick auf Statistiken wird die Verordnungspraxis stetig optimiert.

Sie sind Initiator des „Antibiotika-Führerscheins“ und bieten Fortbildungen für Kolleginnen und Kollegen an. Wie kam es dazu?

Seit Jahren schon wollte ich mein Wissen in den Bereichen Infektiologie und Antibiotikatherapie vertiefen. Die Weiterbildung zum Antibiotic-Stewardship-Experten war dafür ideal. Danach war ich noch motivierter und möchte am liebsten ständig die Verordnungspraxis verbessern helfen – zum Beispiel durch Fortbildungen. So stieß ich auf den „Antibiotika-Führerschein“ in Heidenheim, wo die Idee ihren Ursprung hat. Ich habe mit der dortigen Initiatorin Kontakt aufgenommen, die uns bei unserem Vorhaben unterstützt hat. Auch bei den Vivantes-Kollegen war das Interesse am Thema groß, sodass wir in kürzester Zeit ein motiviertes Team zusammen hatten –  der Antibiotika-Führerschein begann zu leben.

Inwieweit kann der Antibiotika-Führerschein einen Beitrag dazu leisten, Antibiotikaresistenzen zu bekämpfen?

Der Schwerpunkt der Fortbildungsreihe für die Ärzte und Pharmazeuten liegt darin, Infektionen richtig zu erkennen und sich auf eine Diagnose festzulegen. Dann lernen wir, die passenden Medikamente auf korrekte Weise zu verordnen. Typische Fallstricke wie ungenaue oder überflüssige Diagnostik sind ebenso Thema wie zu lange oder unsinnige Therapien. Es geht darum, alte und bequeme Gewohnheiten aufzugeben und mutig, konsequent und zielgerichtet zu therapieren. Wenn wir dem ein Stück näher kommen, geht es den Resistenzen an den Kragen.

Wie sind die Rückmeldungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Antibiotika-Führerschein?

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben uns in einer Umfrage zusammengefasst mitgeteilt, dass sie das Programm schätzen, welche Themen sie weniger wichtig finden, und welche Themen im Vorjahr fehlten. Außerdem gaben sie uns praktische Tipps, die wir beim nächsten Mal umsetzen wollen. So startet der neue Antibiotika-Führerschein ab September 2018 bei uns in Kaulsdorf beispielsweise immer erst um 17 Uhr, um mehr Kolleg*innen nach der Arbeit die Möglichkeit zu geben, an der Fortbildung teilzunehmen.

Was kann ich selbst tun, um Antibiotika-Resistenzen zu verhindern?

Ich bin kein Vegetarier, frage mich in der letzten Zeit beim eigenen Fleischverzehr aber zunehmend, welche Antibiotika womöglich in meinem Essen gerade auf dem Tisch liegen. Will ich die einnehmen und meine körpereigenen Keime „trainieren“? Für mich persönlich ist es ein Anfang, mir diese Frage zu stellen.
Bei Erkältungen oder Blasenentzündungen sind Antibiotika selten nötig. Hier kann ich meinen Arzt unterstützen, indem ich kein Antibiotikum einfordere.
Wenn ich doch mal ein Antibiotikum verschrieben bekommen habe, dann gilt es, genau auf die Einnahmehinweise zu achten. Die alte Alleskönner-Regel „bis die Packung alle ist“ hat ausgedient, auch wenn sie im Einzelfall pragmatisch und richtig sein kann.

Alle Informationen zum Antibiotika-Führerschein im Vivantes Klinikum Kaulsdorf gibt es hier: Antibiotika-Führerschein


Foto: Bus: Fotolia.com- 58258947, Tabletten: AB iStock 155375432

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