Gegen den Schmerz

Noch immer sind die Ursachen der oft schlimmen Migräneattacken nicht bekannt. Chefärztin Prof. Dr. Bettina Schmitz von der Klinik für Neurologie – Stroke Unit – Zentrum für Epilepsie am Vivantes Humboldt-Klinikum erklärt, wie neue Vorsorge-Medikamente wirken und mit welchen Strategien man sich vor Migräne schützen kann. Dazu empfiehlt sie, in einem „Kopfschmerzkalender“ zu dokumentieren, wie oft Attacken auftreten, ob es bestimmte Auslöser gibt, welche Medikamente wie oft und mit welchen Effekten eingenommen werden.

Was hilft gegen unerträgliche Kopfschmerzen, Übelkeit und Sehstörungen? Neue Präparate zur Prophylaxe sind erhältlich. Oder geht’s auch ohne Medikamente? Bis zu 15 Prozent der Bevölkerung leiden unter Migräne – so die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e. V., Frauen häufiger als Männer. Die Betroffenen sind während dieser heftigen Schmerzattacken nahezu außer Gefecht gesetzt. Seit vergangenem Jahr ist in Deutschland ein neues Medikament erhältlich, man kann es sich einmal im Monat unter die Haut spritzen. Können Geplagte jetzt aufatmen?

„Die Ursachen für Migräne sind noch immer nicht genau bekannt.“

Frage: Frau Professor Dr. Schmitz, was passiert bei einer Migräneattacke im Körper?

Professor Dr. Schmitz: Wir wissen, dass für die Symptome sowohl neuronale – also Nervenzellen betreffende – Prozesse als auch Veränderungen der Gefäße eine Rolle spielen. Die Nervenenden des Trigeminusnervs, der Teile des Kopfes, der Hirnhäute und das Gesicht versorgt, werden aktiviert und lösen eine Entzündung aus. Diese reizt die Blutgefäße im Gehirn. Sie erweitern sich und werden durchlässiger für bestimmte Moleküle. Ein Botenstoff – Calcitonin-Gene-Related-Peptide (CGRP) – leitet Schmerzsignale bei Migräneanfällen weiter und wirkt gefäßerweiternd.

Seit 2018 gibt es in Deutschland ein neues Medikament zur Vorbeugung gegen Migräne: AIMOVIG (Erenumab). Wirkt es?

Schmitz: In Europa sind inzwischen drei neue Migränemedikamente zugelassen: Erenumab, Galcanezumab und Fremanezumab. Sie gehören zur Substanzklasse der monoklonalen Antikörper. Ihr Wirkmechanismus richtet sich gegen Schmerzrezeptoren und schaltet sie aus. Dadurch sinkt die Empfindlichkeit gegen Schmerzen. Das verhindert Migräneattacken bereits im Ansatz. Es handelt sich um vorbeugend wirksame Präparate.

Wie schätzen Sie den Behandlungserfolg ein?
Schmitz: Die Zulassungsstudien haben sehr gute Wirksamkeit gezeigt, bei guter Verträglichkeit. Die Therapie ist neu und nicht billig, weshalb nur Patientinnen und Patienten behandelt werden, bei denen andere Therapien bisher erfolglos waren.

Wenn nun nicht jeder von den neuen Medikamenten profitiert: Was kann man darüber hinaus präventiv tun?
Schmitz: Es gibt viele Varianten der Krankheit mit unterschiedlichen Auslösern. Das können etwa bestimmte Nahrungsmittel, unregelmäßiger Schlaf oder Hormonschwankungen sein – diese gilt es zu vermeiden. Daneben helfen nicht medikamentöse Maßnahmen zur Vorbeugung. Ausdauersport wie Laufen und progressive Muskelentspannung wirken sich beispielsweise positiv aus. Eine Prophylaxe ist sinnvoll, wenn Attacken sehr schwer sind und häufig auftreten. Vermeiden sollte man einen Medikamentenübergebrauch, weil sich sonst unter Umständen ein chronischer Kopfschmerz entwickelt.

Wie lässt sich akuter Schmerz bekämpfen, etwa während der Arbeit oder auf Reisen?
Schmitz: Körperliche Aktivität verschlimmert die Migräne. Den meisten Betroffenen geht es besser, wenn sie sich während einer Attacke vor visuellen und akustischen Reizen schützen. Am Arbeitsplatz ist das meist nicht möglich. Gut ist, wenn man ein bewährtes, rasch wirksames Medikament parat hat. Oft ist neben einem Schmerzmittelauch eines gegen Übelkeit notwendig. Mit der Einnahmesollte man nicht zu lange warten. Bei vielen helfen bereits einfache Schmerzmittel wie Ibuprofen, andere benötigen ein spezifisches Migränepräparat, sogenannte Triptane. Diese unterscheiden sich in Schnelligkeit und Dauer der Wirkung. In schweren Fällen kann eine spezielle Schmerzbehandlung, auch stationär durchgeführt, mit multidisziplinärem Ansatz sinnvoll sein.

Den Kopfschmerzkalender zum Download gibt es hier.

Kontakt:
Prof. Dr. Bettina Schmitz
Chefärztin
Klinik für Neurologie – Stroke Unit – Zentrum für Epilepsie
Vivantes Humboldt-Klinikum
Am Nordgraben 2
13509 Berlin
Tel. 030 130 12 2245
bettina.schmitz@vivantes.de

Der Artikel und das Interview sind auch erschienen im Vivantes Magazin „gesund!“ Ausgabe 03.2019, ab Seite 16.

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