„Jetzt ohne Kribbeln“: Schmerzschrittmacher gegen chronische Schmerzen

Chronische Schmerzen, die trotz Therapien nicht weggehen? Schmerz-Patientinnen und Patienten haben oft schon eine „Odyssee“ hinter sich, wenn sie zu Neurochirurg Dr. Vasileios Ntoukas im Vivantes Klinikum Am Urban kommen. Vielen kann ein Schmerzschrittmacher helfen, der das Rückenmark stimuliert. Diese Rückenmarkstimulation ist seit einiger Zeit auch „kribbelfrei“.

Porträt von Dr. Vasileios Ntoukas

Neurochirurg Dr. Vasileios Ntoukas arbeitet im Vivantes Klinikum Am Urban (Foto: Vivantes/wp)

Herr Dr. Ntoukas, was ist denn ein Schmerzschrittmacher? 
Der Schmerzschrittmacher ist ein nur wenige Zentimeter kleines Gerät, an eine Elektrode gekoppelt, welche bestimmte Nerven daran hindert, die Schmerzinformation an das Gehirn weiterzuleiten. Da es vom Prinzip ähnlich wie ein Herzschrittmacher aufgebaut ist, wird häufig der Begriff Schmerzschrittmacher verwendet.

Wie funktioniert die Rückenmarkstimulation?
Vereinfacht erklärt: Der Schrittmacher erzeugt elektrische Impulse, er ist quasi der Motor. Diese wiederum werden über eine oder mehrere Elektroden in Form von feinen Metalldrähten auf das Rückenmark übertragen und sorgen für eine Abschwächung oder gar Unterbrechung der Schmerzsignalweiterleitung. Das heißt, die Information „Schmerz“ erreicht das Gehirn entweder abgeschwächt oder überhaupt nicht. Dafür empfindet die Patientin oder der Patient im jeweiligen Schmerzareal ein Kribbeln.

Sind Schmerzschrittmacher neu?
Nein, das Prinzip der Rückenmarksstimulation ist bereits seit Jahrzehnten bekannt. Erstmalig wurde es im Jahre 1967 eingesetzt und mittlerweile sind mehr als 400.000 Patienten weltweit mit dieser Methode behandelt worden. In den letzten Jahren erlaubt uns die technische Weiterentwicklung allerdings Stimulationsprogramme einzusetzen, bei denen das Kribbeln im Rahmen der Stimulation gänzlich entfällt. Dies ist insofern interessant, da manche Patienten das Kribbeln als unangenehm empfinden. Darüber hinaus erlauben uns diese neuen Stimulationsprogramme auch Schmerzen zu behandeln, wie z.B. den klassischen axialen Rückenschmerz, welche früher nur unzureichend therapiert werden konnten. 

Eignet sich das für jeden, der chronische Schmerzen hat?
Wenn jemand Schmerzen hat, die sechs Monate oder länger anhalten, sprechen wir von chronischen Schmerzen. Zu uns kommen also meist Menschen, die schon seit mehreren Jahren unter Schmerzen leiden und auch oft „austherapiert“ sind – das bedeutet: Alles andere wurde schon versucht und nichts hat wirklich geholfen.

Ein Patient mit Rückenschmerzen im Gespräch mit einer Ärztin

Vielen Menschen mit chronischen Schmerzen kann ein Schmerzschrittmacher helfen, der das Rückenmark stimuliert.

Können Sie genauer eingrenzen, für welche Erkrankungen ein Schmerzschrittmacher in Frage kommt?
Es sind unterschiedlichste chronische Schmerzleiden, die eine Indikation sein können: Am häufigsten sind es Patientinnen und Patienten mit dauerhaften Rückenschmerzen bzw. kombinierte Rücken- und Beinschmerzen, nicht selten bereits mehrfach voroperiert  (Bandscheiben- oder Versteifungsoperationen). Weitere Krankheitsbilder sind die periphere arterielle Verschlußkrankheit (pAVK), die sog. „Schaufensterkrankheit“, der Phantomschmerz (Amputationsschmerz), die Polyneuropathie, das Complexe regionale Schmerzsyndrom (CRPS), Schmerzen nach Gürtelrose (Post-Zoster-Neuralgie) sowie auch die austherapierte Angina pectoris (Herzschmerzen).

„Nicht immer sind die Schmerzen ganz weg, aber wir können sie signifikant reduzieren.“

Wie gut hilft der Schmerzschrittmacher?
Es ist ein sehr wirkungsvolles Instrument, wobei der Patientenselektion eine entscheidende Rolle zukommt. Bei entsprechender Patientenselektion kann mit einer Schmerzreduktion von mindestens 50% gerechnet werden. Nicht immer sind die Schmerzen ganz weg, aber wir können sie signifikant reduzieren. Häufig berichten die Patienten, 70-80% ihrer Schmerzen durch die Stimulation verloren zu haben, dadurch haben sie wieder mehr Lebensqualität und brauchen weniger Schmerzmedikamente.

Ob die Therapie wirklich helfen kann, das finden wir vorab individuell heraus. Wichtig ist hierbei zu erwähnen, dass im Vorfeld einer Schmerzschittmacherimplantation die Therapieansätze im jeweiligen Fachgebiet (Neurochirurgie/Neurologie, Orthopädie/Unfallchirurgie, Angiologie/Angiochirurgie, Kardiologie/Herzchirurgie, Schmerztherapie) ausgeschöpft sein müssen.

Wie finden Sie denn vorab heraus, ob eine Patientin oder ein Patient von der Rückenmarkstimulation profitiert?
Vor einer Schmerzschrittmacher-Implantation testen wir, wer dafür infrage kommt. Dazu wird eine feine Elektrode an der Rückenmarkshaut eingesetzt. Dies erfolgt im Rahmen eines ambulanten Eingriffes und unter lokaler Betäubung. Die nun implantierte Elektrode wird mit einem externen Generator verbunden. In den nächsten Tagen zeigt sich dann im Alltag der Patientin oder des Patienten, wie sich die Schmerzen verbessern. Wenn die Schmerzreduktion 50 % oder mehr beträgt, können wir den eigentlichen Schrittmacher implantieren. 

Wird das Gerät dann in den Körper eingesetzt?
Ja, genau. Der Schrittmacher wird dann unter der Haut, erneut im Rahmen eines ambulanten Eingriffes und unter einer lokalen Anästhesie, implantiert.

Warum ist die Methode eher unbekannt?
Bis vor einigen Jahren, war das Spektrum der elektrischen Rückenmarksstimulation sehr eingeschränkt, weswegen nur eine überschaubare Anzahl von Patientinnen und Patienten dafür in Frage kam. Nun, gepaart mit den Hardware-Weiterentwicklungen der letzten Jahre war es uns möglich den Kreis, der dafür in Frage kommenden Betroffenen, erheblich zu erweitern und so auch den Bekanntheitsgrad dieser Therapie zu erhöhen.


Kontakt

Dr. med. Vasileios Ntoukas
Facharzt für Neurochirurgie
Leitender Arzt
Leiter der Wirbelsäulenchirurgie
Klinik für Unfallchirurgie, Orthopädie und Handchirurgie
Vivantes Klinikum Am Urban
Dieffenbachstraße 1
10967 Berlin
Tel.: 030 / 130 22 62 01
vasileios.ntoukas@vivantes.de

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