Multiple Sklerose – Erkrankung mit vielen Gesichtern

Die Forschung der letzten Jahrzehnte hat das Wissen zur Multiplen Sklerose vervielfacht und die Behandlungsmöglichkeiten revolutioniert. Um den meist jungen Erkrankten eine personalisierte Therapie anbieten zu können, ist eine besondere Fachexpertise und Spezialisierung notwendig. Oberarzt Dr. Dieter Bähr leitet die MS-Ambulanz im Vivantes Klinikum Neukölln und berichtet von seinen Erfahrungen.

Die Multiple Sklerose hat sehr unterschiedliche Erscheinungsformen – was passiert genau im Körper?

Dr. Dieter Bähr: Man muss sich die Erkrankung wie eine vom Immunsystem ausgelöste Überreaktion des Körpers vorstellen, bei der sich Antikörper und andere Botenstoffe gegen körpereigene Substanzen und Gewebe richten. Früher dachte man, nur die Myelinscheide sei davon betroffen, die die Nerven ummantelt, so wie die Ummantelung eines Kabels. Heute weiß man, dass schon früh auch die Nervenfasern selbst angegriffen werden und sich entzünden. Das kann zu unterschiedlichen Symptomen führen, z.B. zu Seh- und Gefühlsstörungen,  Lähmungen, Gleichgewichts- oder Sprechstörungen, oder auch einer Blasenschwäche.

MS ist nach wie vor nicht heilbar – ist das für einen Betroffenen der die Diagnose erhält, aber auch für einen behandelnden Arzt nicht sehr entmutigend?

Wir nehmen uns gleich von Anfang an viel Zeit für die Patienten um herauszufinden, wie stark die Krankheitsaktivität ist, also wie schnell sich die MS entwickelt – oder ob es eher die Beeinträchtigungen im Alltag sind, die überwiegen und behandelt werden müssen. Zwar kann man die Erkrankung noch nicht heilen, inzwischen ist sie in vielen Fällen aber so gut medikamentös kontrollierbar, dass es keine neuen Krankheitsschübe gibt und man sich dann ganz auf die Linderung der Symptome konzentrieren kann.

Wovon hängt es ab, wie schnell sich die Multiple Sklerose entwickelt und zu welchen Symptomen sie führt?

Darüber wissen wir nach wie vor wenig. Am Anfang der Krankheit ist es oft schwierig den weiteren Verlauf einzuordnen und nicht in jedem Fall sind stärkere Therapien nötig. Wie sich die Lebensweise –also Ernährung, Sport, Stress – auch ohne Medikamente auf die Entwicklung der MS auswirkt, wird aktuell an einer sehr interessanten Studie untersucht, an der wir uns als Schwerpunktzentrum beteiligen. Die Patienten erlernen Strategien und geben die Daten auf einer webbasierten Plattform ein. Dann zeigen sich die Ergebnisse in MRT Kontrollen (Kernspintomografie) und klinischen Untersuchungen. In einer zweiten Studie geht es um den Umgang der Patientinnen mit den MS Schüben und Symptomen. Sie werden darin geschult den eigenen Körper besser zu verstehen und Warnsignale wahrzunehmen, nicht alle Symptome müssen sofort mit Medikamenten behandelt werden.

Wie verläuft MS in der Regel?

Wir beobachten im Wesentlichen zwei Verlaufsformen: Seltener ist ein schleichender Verlauf (auch progredient genannt), häufiger ist ein episodischer Verlauf in Krankheitsschüben, die insbesondere in der Anfangsphase der Erkrankung im Vordergrund stehen. Da ist die Entzündungsreaktion im zentralen Nervensystem besonders aktiv. Noch bevor sich diese für den Patienten selbst bemerkbar macht, kann sie schon im MRT sichtbar sein. Für die Behandlung ist die Krankheitsaktivität entscheidend. Hier müssen wir rechtzeitig eingreifen, um verbleibende und fortschreitende Beeinträchtigungen zu verhindern. Es sind ja überwiegend junge Patienten, die voll im Leben stehen. Da sind neben den Medikamenten in dieser Phase auch viele andere Themen und Fragen zu besprechen.

Inwiefern unterscheidet sich die Behandlung bei diesen Verläufen?

Es ist immer abzuwägen, wann, wie und wie intensiv medikamentös behandelt wird. Das in der Schubtherapie eingesetzte Cortison (genau genommen Glukokortikosteroide) behandelt die akute Symptomatik. In besonders schweren Fällen, wenn z.B. eine Sehstörung zur Erblindung zu führen droht, waschen wir die Immunreaktion aus der Blutbahn (Plasmapherese) aus. Langfristig setzen wir Medikamente ein, die unterschiedlich stark ins Immunsystem eingreifen. Die Möglichkeiten haben sich in den letzten Jahren vervielfacht und revolutioniert, weshalb wir mit unserer Fachexpertise steuernd und gerne auch beratend zur Verfügung stehen. Wenn die Entzündungsaktivität dagegen gering ist oder – wie häufig – im Verlauf der Erkrankung geringer wird, konzentrieren wir uns auf die symptomatische Behandlung.

Symptomatische Behandlung klingt, als würde man der Krankheit selbst freien Lauf lassen – ist das so?

Man darf den Leidensdruck von Betroffenen nicht unterschätzen. Wenn die Erkrankung sehr langsam voranschreitet, kann es für die Lebensqualität sehr wichtig sein, sich um die Symptome zu kümmern. Wenn ein Patient beispielsweise wegen einer Blasenschwäche dreißig Mal täglich auf die Toilette gehen muss, ist Abhilfe dagegen entscheidend. Aber auch Bewegungsstörungen, Schmerzen oder Konzentrationsschwächen können wir beeinflussen. Wir kooperieren hier mit unseren Partnern und stimmen das weitere Vorgehen gemeinsam ab.

Wenn Krankheitsschübe nicht sofort sichtbar sind, wie können sie gebremst werden?

Die Kernspintomographie (MRT) ist nicht nur für die Diagnose, sondern auch für die Verlaufsbeurteilung der Krankheit und ihre Aktivität sehr wichtig. Wir sehen dort die Entzündungsherde und auch das Ausmaß des Gewebe- und Gehirnschwundes (Hirnatrophie). Darüber hinaus werden unsere Patientinnen regelmäßig untersucht und die Laborwerte kontrolliert, um die Wirksamkeit unserer Maßnahmen zu prüfen, rechtzeitig neue Symptome zu erkennen und möglichen Nebenwirkungen der Medikamente zu begegnen.

Haben sie als MS-Schwerpunktzentrum dazu bessere Möglichkeiten, als klassische Neurologien?

Natürlich haben wir durch hohe Fallzahlen (über 400 Patientinnen und Patienten im Jahr) und unserem mit der Erkrankung sehr vertrauten kompetenten Team sehr gute Voraussetzungen für eine individuelle Behandlung. Auch die enge Vernetzung mit Fachabteilungen wie dem Institut für Neuroradiologie, der Klinik für Augenheilkunde, der Urologie und dem Beckenbodenzentrum aber auch externen Partnern wie der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) sichert eine hohe Versorgungsqualität. Durch die enge Kooperation können wir uns immer interdisziplinär abstimmen. Häufig werden wir von Betroffenen für eine Zweitmeinung hinzugezogen und beraten junge Menschen, die besonders häufig von MS betroffen sind. Zu unseren Besonderheiten gehört auch eine Neuropädiatrie, die die Untersuchung von Kindern ermöglicht, bei denen die Diagnose besonders komplex ist.  

Kontakt: MS-Spezialambulanz im Vivantes Klinikum Neukölln

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