Eine Leber, „die mit ihren Aufgaben wächst“ – von der Palliativmedizin zu kurativen Verfahren durch neue OP-Technik

Eine neue OP-Technik erlaubte es Prof. Dr. Martin Loss, Chefarzt der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie im Vivantes Klinikum im Friedrichshain einen bisher inoperablen Lebertumor zu entfernen. Vor einigen Jahren wirkte er bei der Entwicklung des sogenannten „In-situ Splitting“, das auch als ALPPS-Verfahren* bekannt ist, mit.

Wie genau läuft eine solche Operation ab?

Es sind zwei Eingriffe nötig: In der ersten Operation wird das gesunde vom tumorösen Lebergewebe getrennt. Die Blutversorgung des tumorbefallenen Teils wird stark gedrosselt, er bleibt aber noch im Körper und arbeitet eingeschränkt weiter. Jetzt kommt die Fähigkeit der Leber ins Spiel, sich zu regenerieren: Durch die starke Leistungseinbuße des kranken Teils erhält der gesunde Teil einen ausgeprägten Wachstumsschub und wächst innerhalb weniger Tage auf fast das doppelte Volumen. So kann dieser Teil dann allein die Arbeit der Leber übernehmen. In einem zweiten Eingriff wird der in der Leber sitzende Tumor entfernt.

Das klingt, als sei die Leber ein selbstständiger Organismus! Wie macht sie das?

ALPPS-Verfahren im Vivantes Klinikum im Friedrichshain

Die neue OP-Technik des ALPPS-Verfahrens offenbart eine besondere Eigenschaft der menschlichen Leber: Sie wächst nach.

Die Leber ist in dieser Hinsicht tatsächlich einmalig und hat als einziges Organ des menschlichen Körpers die Fähigkeit sich so stark zu regenerieren. Die Niere beispielsweise könnte das nicht, sondern würde ihre Leistung dauerhaft vermindern. Diese Besonderheit der Leber ist schon seit der Antike bekannt und in der Prometheus-Sage überliefert. Man macht sie sich auch für andere Eingriffe zunutze, zum Beispiel für die „Pfortaderembolisation“, bei der ebenso ein Gefäß eines Leberlappens verschlossen wird. Hier dauert das Nachwachsen der nicht betroffenen Leberseite allerdings deutlich länger. Die so rasche Regeneration ist erst mit ALPPS möglich, weil der Blutfluss in den Gefäßen durch die Durchtrennung der Leber unterbunden wird.

In welchen Fällen bietet sich die Methode an, wann ist sie nicht anwendbar?

Die Operation kann auch bei einem sehr fortgeschrittenen Befall der Leber durch Krebs durchgeführt werden, bei dem früher nur palliativ behandelt wurde. Neu ist also die kurative Perspektive des Eingriffs. Eine wichtige Voraussetzung ist, dass die Patienten fit genug sind, um überhaupt operiert werden zu können. Das Risiko steigt mit dem Alter und die Eingriffe sollten nur in spezialisierten Zentren durchgeführt werden. Die zwei in kurzer Zeit stattfindenden Eingriffe können für die Patienten sehr belastend sein.

Wie sind die Prognosen nach so einer OP?

Das hängt natürlich vom Patienten ab und davon, wie fortgeschritten der Tumor bereits ist. In jedem Fall können wir durch den kurativen Ansatz neue Chancen eröffnen und die Lebensqualität erhöhen.

Entscheidend ist, dass Patientinnen und Patienten überhaupt von dieser Möglichkeit erfahren und nicht stattdessen eine Chemotherapie erhalten, mit der der Krebs nur „kontrolliert“ wird. Sie sollten sich in spezialisierten Zentren vorstellen, die alle Therapieoptionen kennen und den Eingriff im besten Fall auch selbst anbieten.

Wo wurde die Methode des In-situ-Splittings erstmals durchgeführt?

An der Klinik und Poliklinik für Chirurgie in Regensburg konnte ich bei der Entwicklung des Verfahrens 2007 mitwirken und es weltweit erstmals gemeinsam mit Prof. Dr. Hans J. Schlitt anwenden. Danach wurde es von vielen Unikliniken und leberchirurgischen Zentren übernommen und ich freue mich, die immer noch selten eingesetzte OP-Technik unseren Patientinnen und Patienten auch am Vivantes Klinikum im Friedrichshain anbieten zu können.

* „In-situ-Splitting“ meint die Durchtrennung des Pfortaderastes, wodurch die Blutzufuhr im kranken Teil der Leber gekappt wird und ein schnelles Leberwachstum des gesunden Teils ermöglicht wird. Gleichzeitig wird die Durchtrennung der Leber („Splitting“) durchgeführt. In einem zweiten Eingriff erfolgt dann die Entfernung der kranken Leberhälfte. Dafür steht auch die englische Abkürzung ALPPS: “Associating Liver Partition and Portal vein Ligation for Staged hepatectomy”.

Kommentare anzeigen (0)

Kommentar schreiben

Ja, ich habe die Datenschutzerklärung zur Kenntnis genommen und bin damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten elektronisch erhoben und gespeichert werden. Ich nehme außerdem zur Kenntnis, dass der von mir angegebene Name neben meinem Kommentar erscheinen wird.

Meine Daten werden dabei nur streng zweckgebunden zur Bearbeitung und Beantwortung meiner Anfrage benutzt.

Mit dem Absenden des Kommentars erkläre ich mich mit der Verarbeitung einverstanden.

This is a unique website which will require a more modern browser to work! Please upgrade today!