Warum gerade ich? Ein Fallschirm nach der Diagnose Krebs

Die Diagnose Krebs ist zunächst einmal ein Schock. Viele Betroffene fragen sich: „Bin ich selbst schuld an der Erkrankung? Habe ich etwas falsch gemacht?“ Diese Fragen beantwortet die Vivantes Psychoonkologin Barbara Knebel. Und: „Gibt es eine Krebspersönlichkeit? Und wie stellt man sich auf ein Leben mit Krebs ein?“

Frau Knebel, hören Sie häufig die Frage „Warum bin gerade ich an Krebs erkrankt?“

Barbara Knebel: Ja, immer wieder. Meine Antworten darauf sind in der Regel: Krebs kann jeden von uns treffen. Niemand hat es verdient, wir werden nicht gefragt.

Wie erleben Sie Patientinnen und Patienten, nachdem sie die Diagnose erhalten haben?

Ganz unterschiedlich. Fast alle erleben, dass ihre Denkmuster, Überzeugungen, Werte und Emotionen infrage gestellt werden. Die Diagnose löst bei vielen zunächst eine existenzielle Krise, Todesängste und Hilflosigkeit aus. Sie wissen nicht, wie sie mit ihrem Leben weiter umgehen sollen. Sehr belastend ist die Situation für Patient*innen, die am Anfang ihrer Lebensplanung stehen.  Für sie scheinen sich all ihre Wünsche und Träume in Luft aufzulösen. Große Ängste haben aber auch Eltern, deren Kinder noch klein sind, oder Berufstätige, die ihren Job durch die Krankheit gefährdet sehen. Dazu kommt: Nicht alle haben Angehörige, mit denen sie ihre Sorgen teilen können, viele stehen alleine da.

Wie unterstützen Sie in diesen Fällen?

Alle an Krebs Erkrankten müssen und wollen einen Umgang – ihren ganz eigenen – mit dieser Situation finden. Sie wollen leben. Zunächst müssen sie einen Weg finden zu einem Leben mit Krebs, aus dem dann auch wieder ein Leben ohne Krebs werden kann. Dabei begleiten wir sie. Der Weg ist so verschieden wie die Patient*innen selbst. So kann eine Krankheitsbewältigung damit beginnen, herauszufinden, wo ganz konkret und aktuell Unterstützung benötigt wird.

Was kann das denn sein?

Das können eine Haushaltshilfe, Hilfsmittel, Pflegedienste, Nachhilfe für Kinder oder etwas völlig anderes sein. In unseren psychoonkologischen Gesprächen gibt es auch Zeit und Raum, sich näher über die diagnostizierte Krankheit zu informieren. Fachbegriffe aus den Gesprächen mit den Ärzt*innen lassen sich beispielsweise hinterfragen, Behandlungsmöglichkeiten reflektieren und konkret herunterbrechen auf die Frage „Was bedeutet das für mich?“.

Warum ist das so wichtig, die Bedeutung für einen selbst zu kennen?

So gelingt es besser, sich auf den sogenannten Behandlungsstress einzustellen und rechtzeitig Strategien zu entwickeln, wie diese Zeit möglichst gut bewältigt werden kann. Viele Erkrankte müssen zu einem neuen Zusammenspiel von Körper und Seele finden, sich die Zeit für eine Therapie zugestehen und sie als Ausnahmesituation akzeptieren und begreifen.

Was raten Sie Angehörigen und Freunden, wie können sie helfen?

Es ist für die Patient*innen eine Erleichterung und eine Entlastung, sich mitzuteilen und sich in den Gefühlen von Ohnmacht und Angst verstanden zu fühlen. Außerdem tut es gut, umsorgt und getröstet zu werden, sowohl von den Angehörigen als auch von den professionellen Behandlern.

Wann empfinden Sie Ihre Arbeit als gelungen?

Jeder Mensch verfügt über Ressourcen, Fähigkeiten und Kraftquellen, die aber manchmal brachliegen. Wenn es mir und meinem Team gelingt, diese gemeinsam mit den Patient*innen zu entdecken und zu mobilisieren, dann ist das ein sehr wichtiger Schritt. Schaffen wir es weiter, Techniken zur Entspannung und Schmerzbewältigung erfolgreich zu vermitteln und gemeinsam einzuüben, dann ist auch das ein Erfolg. Wenn der oder die an Krebs Erkrankte spürt: Ich bin nicht nur krank, sondern ich bleibe ich, lerne mich neu kennen in einer neuen Situation, der ich begegnen möchte – so, wie ich es auch in meinem bisherigen Leben immer wieder geschafft habe –, dann ist das ein Riesengewinn!



Heilungschancen gestiegen

Obwohl mehr Menschen  in Deutschland an Herz-Kreislauf-Erkrankungen sterben, steht eine Krebsdiagnose für viele für Hoffnungslosigkeit und Unheilbarkeit. Die aktuellen Statistiken lesen sich anders: Wir werden heute im Durchschnitt viel älter als noch vor 20 Jahren, die Krebssterblichkeit geht seit Jahren zurück, und die Lebenserwartung Betroffener steigt stark an. Vor 1980 starben mehr als zwei Drittel aller an Krebs Erkrankten. Krebs gilt heute zwar als Volkskrankheit, dennoch liegen die Heilungschancen bei mehr als 50 Prozent.

Viele Betroffene quälen sich mit der Frage: „Warum habe gerade ich Krebs bekommen?“ Sie suchen nach Gründen, die sie häufig auch in ihrer Persönlichkeit vermuten. Doch an der Entstehung von Krebs sind zahlreiche Faktoren beteiligt. Neben der erbbedingten Veranlagung gelten Rauchen, Alkohol, einseitige Ernährung, Bewegungsmangel und bestimmte Erreger von Infektionskrankheiten als Haupt-Risikofaktoren.

Studien kennen keinen „Krebstyp“

Studien erkennen keinen „Krebstyp“. Warum dennoch trotz einer vergleichbaren Gefährdung ein Mensch an Krebs erkrankt und der andere nicht, ist bislang wissenschaftlich nicht zu belegen. Der Einfluss von seelischen Belastungen, Charaktermerkmalen oder dem Umgang mit psychischen Problemen konnte in keiner der vielen Studien nachgewiesen werden, eine typische „Krebspersönlichkeit“ gibt es nicht.
Und auch keine Patentlösung für den Umgang mit Krebs. So individuell die jeweils Betroffenen sind, so verschieden ihre Art und Weise, damit umzugehen – Richtig oder Falsch gibt es dabei nicht. Doch Erfahrungen zeigen: Es ist möglich, mithilfe bestimmter Verhaltensweisen die seelische Belastung der Erkrankten zu verringern.


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