Wenn der Körper krampft

Epilepsie ist die häufigste chronische Erkrankung des Nervensystems. Ein Anfall ist jedoch in der Regel kein Notfall. Professorin Bettina Schmitz, Chefärztin der Klinik für Neurologie, Stroke Unit, Zentrum für Epilepsie im Vivantes Humboldt-Klinikum spricht über erste Anzeichen und Behandlungsmöglichkeiten.

Es passiert schlagartig, man stürzt, ist offenbar bewusstlos, der Körper zuckt, die Arme und Hände krampfen – und nach wenigen Minuten ist es schon wieder vorbei. Weltweit ist nahezu einer von 100 Menschen von Epilepsie betroffen. Dabei kann die chronische Erkrankung ganz unterschiedliche Ausprägungen haben: Neben solchen offensichtlichen Anzeichen, medizinisch „Grand mal“ genannt, gibt es auch Symptome, die Außenstehende gar nicht bemerken oder nur als kurze Sonderlichkeit wahrnehmen. Manche Betroffene schmatzen, schlucken oder ziehen eine Grimasse, andere zupfen an ihrer Kleidung, reagieren währenddessen nicht auf Ansprache, verhalten sich aber ruhig. Diese „leise“ Anfallsform wird daher auch „Absence“ genannt. Manchmal verändert sich womöglich auch nur die Wahrnehmung der Betroffenen, in Form einer „Aura“: Der Geruchssinn wandelt sich, man fühlt sich schwindelig oder halluziniert.

„Laute“ und „leise“ Epilepsie

Welche Form die Epilepsie annimmt, hängt oft vom Alter ab. „Bei kleinen Kindern sind es häufig angeborene Gehirnerkrankungen, später in der Jugend sehen wir überwiegend genetisch bedingte Syndrome“, erklärt Professorin Bettina Schmitz. Die  Chefärztin der Klinik für Neurologie, Stroke Unit, Zentrum für Epilepsie im Vivantes Humboldt-Klinikum sagt. „Im mittleren Erwachsenenalter sind Epilepsien häufig, die durch Gehirnverletzungen oder Geschwulsterkrankungen ausgelöst werden. Im höheren Alter sind der Schlaganfall und die Alzheimer-Demenz oft für eine Epilepsie verantwortlich. Grundsätzlich können epileptische Anfälle überall im Gehirn entstehen.“
Im Zentrum für Epilepsie werden Patientinnen und Patienten behandelt, die am Anfang ihrer Erkrankung Ursachen abklären, sie prognostisch einschätzen lassen und eine Therapie beginnen wollen. „Andere Betroffene suchen uns auf, weil sie ihre bisherigen Medikamente nicht gut vertragen oder ihre Anfälle trotz Therapie weiterhin auftreten“, so Professorin Bettina Schmitz. Außerdem beraten die Spezialisten im Zentrum bei Schwangerschaftsplanung, psychischen Begleitsymptomen und beruflicher Eignung.

Individuelle Behandlung

„Epileptische Anfälle sind in ihrem Erscheinungsbild sehr unterschiedlich und können mit anderen anfallsartigen Erkrankungen verwechselt werden“, weiß die Chefärztin. „In der Regel reicht für die Diagnose aber ein ausführliches Anamnesegespräch. Bei Unsicherheiten, oder wenn sich Anfälle im Schlaf ereignen, führen wir ein Langzeit-Video-EEG durch, um die Hirnströme aufzuzeichnen.“
So vielfältig wie die Symptome, die von einer leichten Bewusstseinseinschränkung bis hin zum totalen Verlust des Bewusstseins reichen, sind auch die Behandlungsmöglichkeiten der chronischen Erkrankung des Nervensystems.
Zunächst muss der Patient oder die Patientin versuchen, Auslöser zu vermeiden. „Wenn Anfälle durch Schlafmangel ‚getriggert’ werden, sollte er oder sie zum Beispiel auf regelmäßigen Schlaf achten“, rät Professorin Bettina Schmitz. „Es gibt knapp 30 verschiedene Medikamente, die wir nach Wirkungs- und Verträglichkeitsprofil individuell auswählen.“ Medikamentös werden etwa zwei Drittel der Erkrankten anfallsfrei. Für eine kleine Gruppe kommt ein epilepsiechirurgischer Eingriff in Betracht.

Normales Leben trotz Epilepsie

„Unser Ziel ist, dass Patientinnen und Patienten mit epileptischen Anfällen möglichst ein normales Leben führen können – ohne unnötige Einschränkungen“, so Professorin Bettina Schmitz. „Deshalb sollten wir unseren therapeutischen Ehrgeiz nicht zu früh aufgeben und unsere diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten voll ausschöpfen. Einschränkungen muss man individuell abhängig von der Anfallsform und Häufigkeit festlegen. Gefährlich sind Anfälle mit Bewusstseinsverlust, zum Beispiel beim Autofahren oder beim Schwimmen. Wenn jemand ein Jahr anfallsfrei ist, nur Anfälle aus dem Schlaf heraus hat oder lange Vorgefühle, dann bestehen kaum Einschränkungen. “ In der Regel ist ein epileptischer Anfall kein Notfall und erfordert keine medizinische Hilfe. Was Sie unbedingt beachten müssen, und wie Sie richtig Erste Hilfe leisten, erklärt die Deutsche Epilepsievereinigung unter www.epilepsie-vereinigung.de


Dieser Beitrag stammt aus dem Vivantes Patientenmagazin „gesund! Leben in Berlin“ – Ausgabe 01/2018


Foto: SeanShot -iStock (186664515)

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