„Auch nach Corona ist für uns noch mit Corona“

In Corona-Zeiten rücken Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den Vivantes Kliniken in den Fokus der Öffentlichkeit. Wie aber sieht der Alltag auf einer Station aus, auf der Covid19-Patient*innen behandelt werden? Vor welchen Herausforderungen stehen Pflegekräfte und Ärzt*innen? Peter Schulz arbeitet als Stationspflegeleitung auf der COVID-Intensivstation im Vivantes Klinikum Neukölln und berichtet über seine Erfahrungen.

Als Mitarbeiter im Reanimations-Team kennen Sie sich mit Herausforderungen im Klinikalltag aus. Wie unterscheidet sich die neu eingerichtete Corona-Station von anderen?

Peter Schulz: Unsere Station wurde ausgewählt, weil wir etwas abseits liegen und es damit keinen Durchgangsverkehr gibt. Organisatorisch war die Station bereits vorher in zwei Bereiche aufgeteilt, das konnten wir uns jetzt zu Nutze machen: Auf einer Seite liegen Patient*innen mit dem Verdacht auf Covid19, deren PCR-Testergebnis noch nicht vorliegt, auf der anderen Seite Patient*innen, die definitiv infiziert sind. Für die Verdachtsfälle braucht man mehr Platz, denn sie dürfen natürlich nicht zusammengelegt werden, weil sich herausstellen kann, dass einer erkrankt ist und der andere nicht. Wenn sich ein Test als negativ erweist, werden die Patient*en wieder auf eine „Normalstation“ verlegt. Insgesamt mussten wir uns für fast alle alltäglichen Tätigkeiten eine Alternative ausdenken, um das Infektionsrisiko für das Personal so niedrig wie möglich zu halten.

Unterscheidet sich auch die Behandlung von der in „regulären“ Intensivstationen?

Natürlich kennen wir schwerkranke Patient*innen auch aus unserem bisherigen Klinikalltag. Aber der Verlauf von Covid19 ist ein langwieriger Prozess, viele Patient*innen bleiben bis zu drei Wochen bei uns und kommen danach in eine Spezialeinrichtung (Weaning), um wieder selbstständig zu atmen, oder in eine Rehabilitation. Da wir eine Intensivstation sind, werden die meisten beatmet, auch in Bauchlage, manche erhalten außerdem eine Dialyse. Wir stehen im Team immer in engem Austausch, um Arbeitsabläufe weiterzuentwickeln und Informationen auszutauschen.

Was haben Sie zum Beispiel optimiert?

In den Isolierzimmern sollen immer möglichst wenig Personal sein, es ist deshalb wichtig gleich alle notwendigen medizinischen Materialien dabei zu haben, damit man das Zimmer nicht mehrmals verlassen muss. Da es sich um Isolationszimmer handelt, müssen die Türen verschlossen sein, was die Kommunikation mit den Kollegen und die Wahrnehmung von Alarmen einschränkt. Wir haben dafür alle Zimmer mit Babyphonen ausgestattet, sodass wir mit den Kolleg*innen draußen kommunizieren konnten.

Ist die Belastung größer auf einer Corona-Station und gab es Kolleg*innen die sich Sorgen machten, sie könnten sich infizieren?

Weil man anfangs wenig über Covid19 wusste, machten sich schon einige Kolleg*innen Sorgen. Sie fragten sich beispielsweise, wie infektiös es ist, ob die Schutzausrüstung und das zur Verfügung stehende Personal ausreicht. Täglich gab es Neuerungen, die zu beachten waren. Wir mussten unsere Materialien gut einteilen, fanden auch kreative Lösungen, indem zum Beispiel mit dem 3D-Drucker Schutzvisiere hergestellt wurden. Wenn Mitarbeiter*innen besorgt waren, haben wir das Gespräch gesucht. Manche haben darum gebeten möglichst auf der anderen Seite der Station zu arbeiten. Die Arbeit in Schutzausrüstung ist natürlich auch besonders anstrengend. Wir haben allen Mitarbeiter*innen angeboten, sich auch ohne Symptome regelmäßig abstreichen zu lassen um sicher zu sein, dass sie sich nicht infiziert hatten.

Die Infektionszahlen in Berlin sinken – merken Sie das im Arbeitsalltag?

Die stark schwankende Anzahl der Patient*innen macht die Planung schwer. Wir haben die Bettenzahl für Patienten mit Covid19-Infektionen reduziert, brauchen dafür aber mehr Betten für Verdachtsfälle. Wir sind jedoch immer darauf vorbereitet auch wieder mehr Betten einzusetzen.

Teils gibt es schwere Krankheitsverläufe, wie geht das Team damit um?

Das stimmt, mehrere Patient*innen sind auch verstorben, die wir dann selbst umbetten mussten. Belastend haben wir vor allem für die Angehörigen und Patient*innen empfunden, dass sie sich nicht besuchen konnten. Auch da sind wir kreativ geworden und haben einen „Telefondienst“ eingerichtet. Eine Kollegin sprach mit allen Ärzt*innen und Pflegekräften. Danach telefonierte sie dann mit den Angehörigen, um ihnen zu berichten was es Neues gibt. Später nutzten wir Tablets, mit denen die Angehörigen vor der Station mit ihren erkrankten Familienmitgliedern per Bildschirm sprechen konnten.

Verbindet die schwierige Situation auch das Team und gibt es Rückmeldungen der Angehörigen?

Ja, natürlich verbindet die gemeinsame Arbeit. Auch die Unterstützung von „draußen“ war toll, Menschen die uns mit Essen versorgten, oder sich einfach bedanken wollten. Das erste Wort, das ein Patient nach einer Beatmung für uns aufschrieb war „Danke“! Eine Kollegin hatte mal einem Patienten mitten in der Nacht eine Nutella-Stulle geschmiert – als Dank schickte er dann nach dem Krankenhausaufenthalt ein großes Nutellaglas. Das sind schöne Momente der Anerkennung unserer Arbeit! Wir wünschen uns natürlich, dass dieses Bewusstsein auch weiterhin in der Bevölkerung bleibt, denn auch „nach Corona“ ist für uns noch „mit Corona“.

Vielen Dank für Ihre Einblicke Herr Schulz!

Ich möchte mich auch besonders bei allen Kolleg*innen für ihr Engagement bedanken. Das gesamte Team hat in dieser ungewissen Zeit alles Nötige möglich gemacht und darüber hinaus enorm viel Flexibilität und Einsatzbereitschaft bewiesen. Mein Dank geht zudem auch an die Standortleitung und Geschäftsführung, die uns bei oft schwer vorhersehbaren Herausforderungen unterstützen und vieles möglich gemacht haben.  

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