Ausgezeichnete Hebamme: Alltag auf der Geburtsstation in Corona-Zeiten

Seit 26 Jahren arbeitet Claudia Rheinbay im Auguste-Viktoria-Klinikum, in den letzten drei Jahren als leitende Hebamme und hat in dieser Zeit rund 2.500 Kindern auf die Welt geholfen. Nun ist sie von Ihren Kolleg*innen zur „Hebamme des Jahres“ nominiert und von der Initiative „Herz und Mut“ mit einem Sonderpreis ausgezeichnet worden.  

War die Auszeichnung eine Überraschung, oder haben Sie es schon geahnt?…

Claudia Rheinbay: Wenn man für einen Preis nominiert wird, ist es natürlich nicht ausgeschlossen, ihn auch zu bekommen. Dass sich aber gleich 11 Kolleginnen und meine Chefin für mich ausgesprochen haben, hat mich schon berührt. Besonders schön war es zu erfahren, was ihnen jeweils besonders wichtig war, wie die Team-Mitglieder geleitet werden wollen (alle Texte zur Nomminierung finden sich hier).  

In einem Text ist vom „Dream-Team“ die Rede, woran würden sie den tollen Zusammenhalt festmachen?

Ja, unser Team hält zusammen! Wir betreuen Mütter in 4 Kreißsälen und unser Krankenstand ist auch in Corona-Zeiten gleich Null! Wir gehen sehr wertschätzend miteinander um, auch über die Dienstzeit hinaus. Jeden Tag bedanke ich mich nach dem Einsatz bei unseren werdenden Hebammen, und wir fragen kurz „was war besonders gut heute?“ Manche, die das nicht kannten, waren zuerst irritiert. Aber bei uns ist das fester Bestandteil der Übergabe.  

Spielt die Leitung eine wichtige Rolle, um gegenseitige Wertschätzung zu vermitteln?

Natürlich – und auch unsere Chefärztin Dr. Mangler lebt das und gibt uns immer Rückendeckung. Ich erinnere mich daran, wie ich ihr mal einen Fehler „gestanden“ habe und sie antwortete: „Ist doch gut – dieser Fehler passiert Ihnen wohl nicht mehr!“  

Sie haben Corona angesprochen. Wie hat sich Ihre Arbeit verändert?

Es gibt bei uns eine sogenannte Kokon-Strategie, das heißt, wir haben die Geburtsmedizin nach außen hin abgeschirmt, die Ärzte-Teams wurden geteilt und nur noch diensthabende Mitarbeiterinnen können herein. Es gilt Mundschutzpflicht, Handwerker werden getestet. Gerade in stressigen Momenten möchten sich die Kolleginnen in der Pause nah sein, aber natürlich geht das derzeit nicht: es dürfen nie mehr als drei Personen in einen Raum. Wir haben uns die Abläufe angesehen und einen eigenen Raum für Corona-Geburten und OPs eingerichtet, die Technik und Klimaanlage geprüft, machen beim Eintreffen von Schwangeren ein Screening mit den Angehörigen. Operationen bei Verdachtsfällen und geplante Kaiserschnitte werden vertagt, bis die PCR-Testergebnisse vorliegen. Bis jetzt geht der Plan auf, alle Testungen waren negativ.  

Sind nicht viele Eltern enttäuscht, dass keine Begleitperson beim Kaiserschnitt dabei sein kann?

Wir haben uns Gedanken gemacht, wie wir den Eltern diesen besonderen Moment trotz Corona so nah wie möglich bringen können und die Aktion „First cry“ erfunden. Dazu macht unsere Hebammenschülerin ein Foto unmittelbar nachdem das Kind da ist. Wir haben auch schon Videostreams mit dem Tablet durchgeführt, damit sich die Mutter nicht allein fühlt. Das ist heutzutage unaufwändig, weil ja jeder ein Handy hat. Wir bekommen dazu nur begeisterte Rückmeldungen!  

Sie engagieren sich sehr für Ihre Berufsgruppe und haben eine Arbeit zur Zufriedenheit von Hebammen geschrieben. Wie war das Ergebnis?

Hebammen und Ärzte haben eine sehr große Verantwortung und entsprechend auch Respekt vor komplexen oder neuen und unbekannten Situationen. Wir haben eine Besonderheit in der Geburtshilfe: schwere Komplikationen sind selten, aber wenn sie vorkommen, ist der Schaden meist sehr hoch. Was nicht oft passiert, muss man erst recht üben. Meine Devise ist daher „Sicherheit durch Routine“. Schuldzuweisungen helfen niemandem – wir sollten stattdessen alle stetig dazulernen. Es ist wie bei der Notlandung eines Flugzeugs: Man muss sich vorher darüber klar sein, wie man handelt, denn im Moment selbst bleibt dazu keine Zeit.  

Wie können sie „Sicherheit durch Routine“ in den Kreißsaal bringen?

Wir simulieren komplizierte Geburten mindestens alle zwei Monate in unseren Räumlichkeiten. Die teilnehmenden Ärzte, Hebammen und Kolleginnen der Anästhesie wissen, dass die Erlebnisse und Erfahrungen vertraulich bleiben und man eine offene Fehlerkultur pflegen darf. So bekommen die Berufsgruppen ein Gefühl dafür, welche Aufgaben die jeweils anderen haben. In der Kommunikation untereinander wird deutlich, dass nichts als selbstverständlich vorausgesetzt werden kann, man sich immer rückversichern muss. Theoretisch kennen alle die Regeln – uns ist z.B. klar, dass FFP-Masken Pflicht sind. Aber in der Praxis muss man dann wissen, wo sie zu finden sind und wie man jemanden korrekt einschleust. Wir filmen jetzt immer unsere Übungen, damit wir sie im Nachgang analysieren und Schwachstellen erkennen können. Denn Dream-Teams are made, not born!  

Was waren Lerneffekte?

Die sind in der Regel sehr praktisch: z.B. „kein Debriefing (Nachbesprechung) mit unterzuckerten Menschen!“ – Bei uns steht jetzt immer ein Teller mit Obst bereit. Oft sind es auch organisatorische Verbesserungen, die wir aus Übungen ableiten, wie ein zweites Narkosegerät. Und auch wenn medizinisch alles perfekt läuft, darf man die Kommunikation nicht unterschätzen: Die Schwangere will z.B. immer wissen, was gerade passiert. Ärztinnen und Hebammen stellen sich stets namentlich vor – so viel Zeit muss sein. Und immer bleibt die erste Frage an das Team nach einer Geburt: „Was war gut? Was hättet Ihr gemacht, wenn…“ Unsere Trainings sind oft richtig lustig und dadurch auch das beste Teambuilding.  

Sie bekommen auch ein Preisgeld für ihre Auszeichnung. Wissen Sie schon, was Sie damit vorhaben?

Neben unseren Team-Frühstücken, die ich nach Corona gern wiedereinführen würde, möchte ich für unsere Simulationstrainings eine Kopfkamera (GoPro) anschaffen, damit wir die Übungen noch realitätsnäher aufzeichnen können. Für mich selbst habe ich an etwas ganz Spezielles gedacht, vielleicht so eine Uterusbrosche, die ich bei unserer Chefin so klasse finde!    

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