Ehrenamtlicher Vormund für minderjährige Geflüchtete – ein Vivantes Kollege berichtet

Gerhard Schöttner arbeitet im Sozialdienst des Vivantes Klinikums in Spandau. Er unterstützt Patient*innen bei den Übergängen aus der Klinik in die Reha, in Pflegeeinrichtungen oder die Pflegeversorgung zuhause, berät sie bei Anträgen zu Schwerbehinderungen und anderen Sozialleistungen und setzt sich für ihre und die Interessen ihrer Angehörigen ein. In den letzten Jahren hatte er im Alltag häufiger mit Patient*innen zu tun, die aus anderen Ländern nach Deutschland geflüchtet waren.

Über einen unbegleiteten, minderjährigen Geflüchteten kam er auf privatem Weg in Kontakt mit der Caritas – und begann sich ehrenamtlich zu engagieren.

Haben Sie im Sozialdienst auch beruflich oft Kontakt zu Beratungsstellen, wie die der Caritas?

Ja, als Sozialdienste sind wir eher Generalisten. Die Beratungsstellen der freien Träger haben dagegen einen engen Draht zu Behörden und helfen mit Spezialwissen, da arbeiten wir gut zusammen. So war es auch in einem Fall mit einem Patienten aus dem Iran, bei dem sich die Caritas-Mitarbeiter der Beratungsstelle in Moabit sehr engagiert und persönlich eingesetzt haben, damit er nach dem Krankenhaus in einer Pflegeeinrichtung versorgt werden konnte.

Wie kamen Sie mit dem Jungen, den Sie betreuen, in Kontakt?

Aus der Kirchengemeinde heraus hat sich in meiner Nachbarschaft ein Unterstützerkreis formiert. Darin sind Ehrenamtliche seit über zwei Jahren aktiv und kümmern sich um Minderjährige vorwiegend aus dem Iran und Afghanistan. Jugendliche aus Notunterkünften und Jugendhilfeeinrichtungen in der ganzen Stadt treffen sich in einer Schule in meiner Nähe, wo wir ihnen Deutschunterricht geben und ihnen einen sozialen Treffpunkt bieten. Dort ist er mir begegnet und mir wurde klar, dass er auch für das Asylverfahren Hilfe brauchte.

Haben Sie ihm beim Asylantrag geholfen?

Ja, denn der Asylantrag kann bei Minderjährigen nur durch einen Vormund gestellt werden. Unbegleitete minderjährige Geflüchtete bekommen zwar Amtsvormünder, diese betreuen meistens aber fünfzig bis hundert Jugendliche auf einmal. Man kann sich ausrechnen, dass da die Zeit  für eine vernünftige Begleitung fehlt. Wir als ehrenamtliche Vormünder können bei unseren Treffen über administrative Themen hinaus auch über Fluchterlebnisse reden, die psychische Auswirkungen haben, aber auch über die Gründe, die sie im Heimatland zur Flucht veranlasst haben. Manche der Jungen liefen Gefahr, vom Militär rekrutiert zu werden oder wurden von den Taliban bedroht. Viele Jugendliche werden dann aus dieser Situation heraus von ihren Eltern geschickt.

Worin bestehen ihre Aufgaben als ehrenamtlicher Vormund?

Bis zur Volljährigkeit begleite ich den Jugendlichen bei allen Fragen im Asylverfahren. Auch Fragen zum Wohnen werden besprochen – in der Regel wohnen sie nicht allein, sondern unterstehen der Obhut des Jugendamtes, das eine pädagogische Betreuung sicherstellt. Beim sogenannten „Clearing“ wird zunächst geklärt, woher die Jugendlichen kommen, was sie benötigen, wie sie sozial und gesundheitlich entwickelt sind. In kleineren Einrichtungen mit intensiverer Betreuung werden dann durch die Einrichtung, den Vormund und das Jugendamt Hilfepläne entwickelt. Dazu gehören neben Schule oder Ausbildung therapeutische Angebote, Schwimm- oder Deutschunterricht.

Wieviel Zeit sollte man als ehrenamtlicher Vormund einplanen?

Vom Gericht ist ein Treffen im Monat vorgesehen, dass ist allerdings in der Anfangsphase nicht realistisch. Ich selbst halte ein Treffen in der Woche für sinnvoll. Als ich Deutsch unterrichtete und Hausaufgabenhilfe gab, trafen wir uns durchaus auch zwei Mal wöchentlich; in der Phase der Vorbereitung auf den Asylantrag öfter. Wir sind die rechtliche Vertretung – zusätzliches, persönliches Engagement darüber hinaus ist freiwillig. Man kann bei Wünschen unterstützen, wie einer Mitgliedschaft im Fitnessclub, Spenden beantragen, sich mit anderen Vormündern austauschen – aber der Jugendliche ist kein Pflegekind in der eigenen Familie.

Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie gemacht?

Ich hatte teilweise Vorstellungen oder Erwartungen, die ich im Nachhinein korrigieren musste. Zum Beispiel wollte ich mein Mündel Mohammad zum Essen nach Hause einladen. Diese Initiative ging ihm aber viel zu weit, war ihm zu eng und er fühlte sich unwohl, auch im Umgang mit meinen Söhnen. Auch stellte ich fest, dass viele Geflüchtete mit Hoffnungen an einen Job, ein Haus und Geld herkommen und dann enttäuscht werden. Einige wollen schnell selbstständig werden und allein wohnen, dürfen aber vieles schon aus Gründen des Jugendschutzes nicht, was  im Heimatland dagegen üblich war. Neben den Begegnungen mit den Jugendlichen selbst ist der Austausch mit den anderen Ehrenamtlichen zu einer wichtigen Ressource für mich geworden. Wie viele andere Vormünder habe auch ich mit unseren Behörden und den rechtlichen Bedingungen neue teils positive, teils aber auch bedrückende Erfahrungen gemacht. Im Engagement für die Schwachen können wir unsere Gesellschaft von einer bisher unbekannten Seite kennenlernen, die nicht immer ohne Hindernisse ist.

Die Caritas bietet in verschiedenen Berliner Bezirken Beratungstermine für Flüchtlinge an.

https://www.caritas-berlin.de/spendenundhelfen/spenden/spendenprojekte/migranten-und-fluechtlinge/migranten-und-fluechtlinge

Der Caritas-Vormundschaftsverein ist immer auf der Suche nach neuen Vormündern und begleitet und berät in allen Fragen

https://www.caritas-berlin.de/beitraege/vormundschaften-fuer-unbegleitete-minderjaehrige-f/824833/

Das ökumenische Flüchtlingsprojekt der evangelischen Friedensgemeinde und der katholischen Kirchengemeinde Heilig Geist wurde im Dezember 2017 vom Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf mit dem Integrationspreis ausgezeichnet.

https://www.berlin.de/ba-charlottenburg-wilmersdorf/aktuelles/pressemitteilungen/2017/pressemitteilung.658635.php



Foto: Martin Kögel – Gerhard Schöttner hilft unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten mit dem Asylantrag und dabei Deutsch zu lernen.

Kommentare anzeigen (0)

Kommentar schreiben

Ja, ich habe die Datenschutzerklärung zur Kenntnis genommen und bin damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten elektronisch erhoben und gespeichert werden. Ich nehme außerdem zur Kenntnis, dass der von mir angegebene Name neben meinem Kommentar erscheinen wird.

Meine Daten werden dabei nur streng zweckgebunden zur Bearbeitung und Beantwortung meiner Anfrage benutzt.

Mit dem Absenden des Kommentars erkläre ich mich mit der Verarbeitung einverstanden.

This is a unique website which will require a more modern browser to work! Please upgrade today!